[Ich übertrage die Abbildungen von Wurzeln]

Katharina Hinsberg

Ich übertrage die Abbildungen von Wurzeln, indem ich ihre Linien mit einer Nadel, Punkt für Punkt, in ein darunter liegendes Blatt durchsteche. Die Linien zerfallen, und zwischen den Bildkomponenten (den Punkten, Löchern, Blättern und Figuren) entstehen Abstände, Pausen, so groß, dass meine Fragen dazwischen nisten und deutlicher werden können. Sprache und Gegenstände lösen sich von einander, und die Zwischenräume teilen, spreiten und verzweigen sich.

Was bleibt sich über diese Auseinandersetzung hinweg gleich? Und was stiftet und sticht dieses Sich?

Wenn ich Abbildungen per Lochpause übertrage, ist auch das Übertragen selbst ein Motiv des Umsetzens. Die Vorlagen müssen deshalb Eigenschaften haben, die nicht nur dem Abgebildeten, sondern auch dem Verfahren entsprechen. Erst dann können die Gegenstände von ihren Abbildungen soweit zurücktreten, dass sich das Motiv als beides zeigt: als etwas Gemachtes und als etwas, das sich – als Bild, in Abwesenheit – nur angibt, an Löchern und Zwischenräumen. Es bleibt zu ergänzen. Etwas klafft und wird denkbar – als Differenz zwischen Gedachtem (Bild) und Gemachtem.

Das Stechen ist ein zeichnendes Verfahren, welches sich nicht ab-, sondern ( durch und durch) einzeichnet. Ein Bild ist nicht hier, es gibt sich anderweitig an: zwischen Löchern und Zwischenräumen.

Diese Löcher der Pausen sind Sicht-, sind Stichstellen. Ist das Bild dann da, wo die Löcher nicht sind? Das Papier wird porös, sickerlicht, durchlässig. Ansicht und Kehrseite werden sich (einerseits/ andererseits) entsprechen oder – irgendwie – ebenbildlich bewenden.

Ein Punkt gesetzt, markiert und wird bestimmt, ist und ist nicht. Er stiftet Position und steht in einem Zusammenhang, der sich dann, von Loch zu Loch, wie Nachtschrift, blind, lesen lässt, als Linie oder als Teil eines Gebildes, als Leiste von Ösen, an die ich etwas knüpfen und fädeln kann. Nichtssagende, stumme und taube Pünktchen in einer ebenso schweigsamen Umgebung. Aber vom einem zum anderen sammeln sich die Summen, zu Punktfolgen. So erhält ein Bild dann und wann Durchlass durch etwas durch, das nicht vorhanden ist. Es sickert zwischen Pausen und Löchern, keimt, wurzelt, entfaltet sich.

in:

Katharina Hinsberg: [Ich übertrage die Abbildungen von Wurzeln] (Draw Hefte zur zeitgenössischen Zeichnung, Bd. 2), Berlin 2010.