Perceiden

Katharina Hinsberg

Ist Gegenwart ohne Ausdehnung? Liegt (und fällt) sie zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie ein Punkt auf einer Linie, ohne Ausmaße? Wie eine Linie zwei Seiten hat (und ist), könnte sie eine andere schneiden. 

Ist mir Gegenwart gegenwärtig (das Ereignis schon wieder verstrichen)? Oder ist Gegenwärtiges ein blinder Fleck in meiner Wahrnehmung, etwas, das ich übersah zwischen gleich und eben? Ich denke an einen zeichnenden, bewegten Punkt, der zwischen bereits gezeichneter und kommender Linie ist und den ich, zwischen Stift und Blatt, nicht sehe. Glich das Gegenwärtige dem Punkt, an dem ich jetzt zeichne – Jetzt zeichne? (Ich stelle mir Zeit wie Linienzeichnen vor.)

Von Punkt zu Punkt erneuert und verläuft sich mithin die Betrachtung und Transaktion einer Linie. Ist dieser Verlauf eine Eigenschaft der Linie oder der Wahrnehmung? 

Um den Tod festzustellen, hielt man der Leiche einen Spiegel vor Mund und Nase, um zu sehen, ob sich der Atem abzeichnet. Vampire, die kein Spiegelbild haben. Aber Atem, der den Spiegel in Beschlag nimmt? (Ich singe einen Ton ganz nah vor dem Videoobjektiv, so lange, bis dieses vollkommen beschlagen ist.)

Zwischen Ereignissen meint man Dauer wahrzunehmen. Bin ich aber in einem Zustand ohne Richtung, ohne Reibung, ohne Rhythmus, vielleicht ohne Atem oder Puls, glaube ich aufzuhören. Manchmal weilt man in Zuständen ohne sich an etwas anderem, das Differenz herstellt, aufzuhalten. Die Zeit vergeht darüber fast ohne mich. Ich verändere mich eher nicht. Ich beeinflusse beinahe nichts.

Mithin begreife ich repetitives Zeichnen auch als Zeitmaß, welches in etwa die Dauer eines Vorgangs bemisst und irgendwie bezeugt. Dazwischen wandert der Blick wie auf einer Perlenkette kleiner Ereignisse von Punkt zu Punkt, in eine Richtung. 

Schraffuren, die in ihren wiederholten, gleichartigen Linien Flächen vorgeben, sehen wir als Gleichzeitigkeit (Simultanität), dabei ist gerade die Schraffur eine Abfolge (Sukzession) von Strichen, bei der einer, dicht an dicht, neben den anderen gesetzt wird. Und wie bei keiner anderen zeichnerischen Technik, vielleicht gerade weil sie im Hintergrund steht und aus dem Handgelenk heraus gezeichnet wird, ist die ursprüngliche Handbewegung so präsent. Schraffur entsteht weniger in einer langsamen, punktuellen Konzentration, sondern im raschen Randbereich der Geste – sie bildet, fast wie dem entsprechend, meist die weitläufigere, randständige Umgebung einer Zeichnung: Himmel, Felder, Wolken, Wände, Hintergründe.

Was oft für Zeichnung im Sinne von »to draw a distinction« (Spencer) gilt, gilt nicht für die Schraffur. Die Unterscheidungen zwischen markierten und unmarkierten Streifen – Linien und Leerlinien – beginnen im Blick in einem gemeinsamen Grauwert zu oszillieren. Vielleicht entspricht das in der Akustik dem ›weißen Rauschen‹ – einer Akkumulation von Geräuschen, die zu einem nicht mehr differenzierbaren Hintergrund verschwimmen und die man bewusst nicht mehr wahr zu nehmen vermag.

Dauer und Rapidität des Zeichnens ermesse ich in regulum und pensum des Wiederholens, des Schneidens und Tilgens. Ich zeichne Striche rasch. Rasch meint, dass die Geschwindigkeit inzwischen verschwindet. Dann schneide ich diese während einer geraumen Zeit aus. Ich bringe eins ums andere. Das eine bleibt als Komplement im anderen aufgehoben. Im Blatt bleiben (leere) Konturen, Distanzen, Saumfiguren ohne Richtung, Erinnnerungen an etwas, das man nicht gesehen hat. Paare mit fehlenden Partnern sind asymmetrisch; sie suchen und bewegen sich. 

Als eine Folge von Schnitten? Als wären Anfang und Ende getrennt durch zeitlich zueinander grenzende, aber innerlich unverbundene Ereignisse, die wie Regen vertikal auf horizontales Wasser treffen und sich dann, wie in einem See, mit diesem verbinden. Ich denke an meine Arbeiten (wegen dem Regen). Weil die Striche zwar nacheinander gezeichnet und ausgeschnitten werden, dann aber, als Fehlstellen, gleichzeitig nebeneinander stehen. Ihre Reihenfolge wird in der Masse und durchs Ausschneiden aufgehoben. Wenn ich sie sehe, dann sehe ich sie als Gleichzeitiges. Zählung, Bewegung und Richtung verschwimmen in Unsummen, wie Regen im See. So sehe ich meine Arbeiten – sie gleichen zuweilen einem Bild von Zeit. Ich meine damit irgendwas erfasst zu haben. Tatsächlich haben mich aber Bilder vom Regen zwischen sich genommen.

in:

Katharina Hinsberg: Perceiden, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 89–92.

Auszug aus einem Projektantrag