das auge liest ein japanisches epos, behutsam auf nadeln an die wand gereiht wie eine kostbare, seltene insektensammlung. geschrieben mit zweitausendeinhundert buchstaben eines alphabets. eine hyroglyphische zeichensprache, die sich nicht aus der begrenzten zahl immergleicher variablen entwickelt, sondern die im sprechen jeden buchstaben schöpft.
eingefangenes aus 210 tagen, aus dem blickicht geschältes. strandgut aus der fülle des meeres solider einsamkeit. zweitausendeinhundert versuche, ein neues land zu finden. amöben, wimpertierchen. die einzeller des blicks, urgestalten, meereslebewesen.
locker liegt der strich des bleistiftes aufgeschüttet wie der kies, der den weg markiert. jeder schritt verteilt die steine unvorhersehbar neu. jeder blick läßt eine andere sieht zu. jede sieht legt einen weiteren stein in das panoptikum, wirft einen anderen schatten.
découpagen: beim wort genommen bedeutet es entschnittenes. vielleicht auch ent-bundenes, die geburt einer eigenen sprache. das wort aus-schneiden zu benutzen hieße, etwas aus dem zusammenhang zu reißen. dieses ent-schnittene wurde vielmehr mit geschärften blickskalpellen vom ballast seiner umgebung befreit. übrig bleibt, kundera beliehen, die leichtigkeit des seins.
als würden die dinge aus der bewegung gestoppt, herausgeschält und in eine form gegossen, die sich jedoch nicht stürzen läßt wie eine erkaltete götterspeise. schattenhaft und filigran wie ein gläsernes spinnennetz hält die form den blick. vollendet genug, diesem insekt in seinem verzweifelten ausbruchsversuch zu widerstehen.
bis auf die formel fernöstlicher schriftzüge eingeschmolzene kürzel. summende, zirpende, zischelnde beintierchen und kopffüßer, unentwegt eine lebendige mär flüsternd.
kein skelett, kein korsett. die form wird zum innersten gewendet. sie verdankt es einer unglaublichen vielfalt, die tatsächlich ohne wiederholungen auskommt. das tagebuch blättert sich in die flucht des ganges, schlängelt sich serpentinenartig über die wand. der trick des ameisenbärs, der auf ein insekt aus ist. er gräbt einen trichter in den sand. einmal zu neugierig über den rand geschaut, gerät der blick unweigerlich ins rutschen, die fahrt in die unendlichkeit beginnt, das tempo nimmt rasant zu, ein entkommen ist unmöglich.
die wand des ganges ist der venezianische spiegel, der mit klarem licht zurückgibt, was die gegenstände zuvor auf die netzhaut des auges brannten. ähnlich einer Fotografie, auf der die Lichter eines rasenden automobils die zeichnung seiner fahrt hinterlassen.
die zeichen auf dem pergament der wand werfen den schatten des am tage wahrgenommenen. »Gerade wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es, glaube ich, ohne Schattenwirkung keine Schönheit.« (Tanizaki Jun'ichiro)
die form des zeichennetzes ist das am neujahrstag gegossene blei: ein orakel, das die tür einen spalt breit öffnet, um im schwarzen zentrum exakt auf ein bild zu zielen. dieses aber weigert sich, sein geheimnis zu offenbaren. farbe, form, aggregatzustand und stromfluß läßt es im dunkel der ahnung versteckt.
so kehrt man immer wieder zu dem orakel zurück, zu dem unentdeckten rest des geheimnisses, das in seinen bann zu schlingen vermag.
in:
Cornelia Jentzsch: Zu Katharina Hinsbergs Découpagen, in: Jahrbuch Akademie Schloss Solitude hg. von Jean-Baptiste Joly, Bd. 4, Stuttgart 1998, S. 46–48.
Cornelia Jentzsch: Zu Katharina Hinsbergs Découpagen, in: Jahrbuch Akademie Schloss Solitude hg. von Jean-Baptiste Joly, Bd. 4, Stuttgart 1998, S. 46–48.