Jeder Ansatz, von meinen Découpagen zu schreiben, verstrickt mich wieder ins Wie-Nicht-Wissen einer Fülle von Möglichkeiten, und es ereignen sich, wie beim Zeichnen auch –Einzelheiten. Stetige Ansätze, zu erzählen: von der ganzen großen Zahl.
Und dabei fallen Zeichnungen ab, sie fallen ab wie Blätter Früchte, Mohn, zu Tausenden jetzt, wie Holunderperlen mit ihren kleinen Augenspiegeln von Herbsthimmeln.
Der Bleistift setzt auf das Papier an, und dann entsteht, was den Strich nicht zur Ausführung einer gedachten Linie macht, sondern ganz für sich belässt, erstmal. Ich zeichne, bestenfalls ohne zu erwarten, nicht die Zeichnung, sondern die Bewegung, die zu jener führt, Spuren. Fahren durch eine großzügig-hügelige Landschaft, mit weiten Blicken über Sonnenblumenfelder, Pappeln, Stoppelfelder, Goldruten und langem, dörrem Gras. Ich zeichne keine Symbole, entleere und entstelle sie eher, und gebe sie wieder neu in den beständigen Fortgang des Bilderns zurück.
Das Ensemble dieser Arbeit umfasst mehrere Tausend ausgeschnittener Zeichnungen, keine größer als eine Handfläche. Ich beschränke mich auf einfache Materialien – Bleistift und Papier –, was augenblicklich ein umstandsloses Arbeiten ermöglicht und erlaubt, überall jederzeit zeichnen zu können.
Ich zeichne in der Wiederholung eines Zeichenrepertoires, das Erinnerungen, Hergebrachtes und Ahnungen umgarnt, sich immer und immer wieder selbst hervorbringt, in einem Anfang und Vergegenwärtigung eines Anfangs ist. Ebenso hat das Zeichnen seine Umgebung beispielsweise in Streifzügen durchs Gras, im 92er-Bus zur Stadt, zwischen Himbeeren, im Zug. Und hierin wiederhole ich, zeichnend, zehn an der Zahl, tagtäglich: Tage, Monate, Tage, Reisen, Schritte, Zeiten, zeichnend bemessen, die Masse, maßlos; Kürzel, es nieselt, weht, Jelängerjelieber, und rötelnder Holundergrund, Notate, ein Tagebuch, Blätter in den Maßen meiner Jackentasche, Reisezeichnungen, eine feste Verbindung zu Passagem, wie Bahnhöfe etwa, öffentliche Toiletten, Straßen und Züge dazu nötigten anzuhalten, um Präsenz zu bezeugen – en passant.
Im Gegensatz zur Flüchtigkeit des Zeichnens vollzieht sich das Ausschneiden langwierig in einer weit ausgedehnteren Dauer und Geduld, mit einer fast schon chirurgischen Konzentration. Ich stelle die Zeichnungen mit einem Seziermesser frei, wie Nervennetze. So verletzlich und vergänglich gemacht, reagieren sie als Sensoren, Fühler, Netzhäute, Antennen, Geißel- oder Wimpertierchen und Tentakeln auf ihre Umwelten. Indem die Zeichnung entkörperlicht, mehr noch auf sich selbst reduziert wird, schafft das Abwesende eine weitere Dimension, und das Papier als Material erhält und figuriert mit seinen Eigenschaften einen Spielraum, es krümmt und kringelt sich, der Zeit entlang, in Luftzug oder Feuchte, dörrt und welkt.
Auch die Realisierung meiner Vorstellungen verschwindet zusehends im Bezug von Hand und Werk, jene lösen und entlassen einander, die Arbeiten erhalten ihre Eigenheit: Découpagen. Durchlässig und empfindlich, gewinnen sie Zwischenräume, Zeichnung und Material werden ein gleiches, scheinen, je körperloser umso mehr zu tönen, zu wispern, wie wenn die stehende Leere dazwischen ihren Resonanzraum erzeugt. Und die Zeichnung schwindet fast in Gegenden, die sie umgrenzt, bewohnt, durchstreift.
Preisgegeben im Moment des Betrachtens, bewegt durch einen Lufthauch, von vorübergehenden oder zu nahekommenden Besuchern verursacht, wie Pappelblätter silbern.
Ich fixiere die Découpagen dann wie eine lnsektensammlung mit Stecknadeln an der Wand, sodass sie sich auf dieser als Schatten wieder abzeichnen.
In Ausstellungen suche ich das Zusammenspiel mit den Eigenheiten eines bestehenden Ortes, wo die nomadisch entstandenen einzelnen Arbeiten als Ensemble vorübergehend in variabler Aufhängung einen vorgefundenen Raum besetzen. Die Folge von Tagabschnitten wird unterbrochen und der eigene, nahe Blick weitet sich aus zu einem publiken – auf die Gesamtheit der Découpagen, vom Gegenwärtigen des Zeichnens und Ausschneidens auf abgestecktes passé.
Die einzelnen Arbeiten, die ich zwischen Papieren, Schicht für Schicht, ablege, entfalten sich für die Dauer einer Ausstellungssituation im Raum wie zum monumentalen Verzeichnis, um danach wieder in einer Schachtelkartei zu verschwinden.
Meistens hänge ich diese Arbeiten sehr regelmäßig auf und missachte die Möglichkeit ihrer Komposition. Auf den ersten Blick entsteht so der Anschein seriell gefertigter Objekte oder einer Metertapete. Tapetum von Merkmalen einer Heimat im Handgepäck: man nimmt sie überallhin mit und grenzt das Eigene im Fremden ab. Die Installation der Découpagen ermöglicht, ganz bestimmte Aspekte der Arbeit wie auch des jeweiligen Ortes bewusst zu machen. Raum und Arbeiten erscheinen wechselwirkend, auf diese Weise hat jede Ausstellung eine ganz ihr eigene Identität. So wie diese unterwegs entstehenden, einfallenden Schnuppen selbst durch ihr regelmäßiges Entstehen eine Art Beständigkeit beiläufig bilden.
Das repetitive Muster und die Monotonie der Hängung bewegt schließlich ein Betrachter selber, wird innehalten im Hin und Wider vielleicht zwischen Jahr und Tag, deutender Intimität und Abständen bis zur Bedeutungslosigkeit, Detail und Ensemble, Erzählung und Zählung, Leere und Fülle, Schweifen und – Innehalten, Streifzüge wiederum.
Ausstellen, Aussetzen, Preisgeben, am Saum zur Auflösung erscheinen. Vergänglich und empfindlich sind Découpagen auch, als sie en masse nur augenblickliche Gültigkeit beanspruchen. Die Unabgeschlossenheit, die beständig anwachsende Zahl und die Eigenheit der Präsentation zitieren und beziehen sich auf Kunstsammlungen, Katalogisieren, Konservieren, ohne deren Anspruch auf Beständigkeit von Originalen, mit Signatur beschlossen. Découpagen bleiben ohne Signatur sie sind sie eher selber: flüchtige Wegmarken mehr als abschließendes Unterzeichnen. Und in ihrer Wiederholung löst sich der Wert einzelner Arbeiten unentwegt auf.
Aus dem Ensemble genommene Découpagen, durch ihre ausgeschnittene Kopie ersetzt, sind Kopie und Original zugleich. Die Wiederholung allein des Ausschneidens entleert weiter von künstlerischer Handschrift und hinterlässt Skelette möglicher Bilder und möglicher Wahrnehmungen.
Und so feiere ich, huldige und verschleudere ich all diese Momente zu sehen; Bilder, die ich nicht banne, sondern deren Dauer zwischen den Découpagen atmet, ein und aus. Myriaden von Insekten, Geräusche des Sommers, haarige Viecher, Geschlechter, Mikroben, Gestirne, Sturmberge, aus den Augen verlieren wie Blätter, die man später vielleicht zwischen den Seiten eines Buches wieder findet.
in:
Katharina Hinsberg: Découpagen Katharina Hinsberg, in: Découpagen Katharina Hinsberg, hg. von Edition Solitude, Ausst. Kat. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 1996. (Anm. keine Seitenangaben vorhanden)
Katharina Hinsberg: Découpagen Katharina Hinsberg, in: Découpagen Katharina Hinsberg, hg. von Edition Solitude, Ausst. Kat. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 1996. (Anm. keine Seitenangaben vorhanden)