»Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie.«(1)
Mit einer Linie beginnt der Dialog – ein Dialog, der sich entspinnt zwischen den beiden Künstlerinnen, in der Begegnung zwischen ihren jeweiligen Werken in den Räumen der Kunsthalle und schließlich zwischen den Werken und den BesucherInnen. Als Thomas Köllhofer Monika Grzymala und Katharina Hinsberg einlud, eine gemeinsame Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim zu gestalten, hatte er die Linie im Raum als das Verbindende der auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Arbeiten der Künstlerinnen vor Augen.
Der Philosoph Bernhard Waldenfels definiert in seinem gleichnamigen Buch ein »Zwischenreich des Dialogs«(2). Er sieht den Menschen im sozialen Gefüge als immer antwortend, da sich stets ein anderer an ihn wendet. Dabei ist hervorzuheben, dass Waldenfels nicht allein die sprachliche Anrede impliziert: »Das Hinsehen, Hinhören, Phantasieren, Lächeln oder Fühlen ist davon ebenso betroffen wie das Reden, Tun, Machen oder Herstellen. Antworten bedeutet, dass wir auf Fremdes eingehen […].«(3) Was in einem Dialog entsteht, ist ihm zufolge nicht auf individuelle Leistungen zurückzuführen, sondern immer das Ergebnis eines Zusammenspiels zwischen den DialogpartnerInnen.
Die Produktivität des Dialogs lässt sich an zwei im Vorfeld der Ausstellung entstandenen Werken im wörtlichen Sinne sehr plastisch nachvollziehen. Monika Grzymala und Katharina Hinsberg legten hierfür zwei Skizzenhefte an. Jede der beiden begann den Dialog in der Mitte eines Hefts: Nachdem sie jeweils eine Doppelseite gestaltet hatten, übersandten sie sich gegenseitig die Hefte, gestalteten auf den Folgeseiten eine Antwort, und so entspann sich ein zeichnerischer Dialog zwischen den Künstlerinnen. Sie haben sich mit Zeichnungen aneinander gewandt und darauf geantwortet, wodurch ein gemeinsames Werk in diesem »Zwischenreich« entstanden ist.(4) Dieses kann nur noch als ein gemeinsames gedacht werden, da nicht mehr klar nachvollziehbar ist, wessen Hand eine Linie gezeichnet oder geschnitten hat. Im Blättern durch diese Hefte bleibt offen, auf welcher Seite, in welcher Richtung gelesen werden soll.
Offenheit ist auch charakteristisch für die Zeichnung als Ausdruck von Zeit und Bewegung. Selbst wenn die handgezeichnete Linie als Spur einer Geste eine gewisse Handschrift ausmachen lässt. Der britische Anthropologe Tim Ingold versteht die Zeichnung von Linien als einen körperlichen Prozess des Denkens und somit als eine eigene Art des Erzählens. Im Unterschied zur Grenzen setzenden geometrischen Linie, nutzt er, den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari folgend, das Bild des flexiblen Maschenwerks für die abstrakte Linie: »The lines of meshwork […] are of mouvement or growth. They are temporal ›lines of becoming‹.«(5) Die beiden unterstreichen zudem die Lebendigkeit der abstrakten Linie: »Eine Linie dagegen, die nichts eingrenzt, die keinen Umriß mehr zieht, die nicht mehr von einem Punkt zum anderen geht, sondern zwischen den Punkten verläuft, die unaufhörlich von der Horizontalen und von der Vertikalen abweicht und sich ständig von der Diagonalen löst, indem sie unaufhörlich die Richtung wechselt – diese mutierende Linie ohne Außen und Innen, ohne Form und Hintergrund, ohne Anfang und Ende, eine solche Linie, die ebenso lebendig ist wie eine kontinuierliche Variation, ist wahrhaft eine abstrakte Linie […].«(6)
Diese lebendige verbindende Linie ist in den Ausstellungsräumen immer wieder zu finden, da sich die Künstlerinnen dafür entschieden haben, nicht nur einen, sondern alle Räume gemeinsam zu bespielen, statt sie unter sich aufzuteilen. So werden ihre Werke Elemente ihres Dialogs. Sie begegnen sich über die Materialien, ihre Form, die Schaffensprozesse oder die Besonderheiten in ihrer Wahrnehmung. Nicht entlang eines roten Fadens, sondern anhand unterschiedlicher von mir gefundener Fäden werde ich einige Aspekte der Zwischensphäre der Ausstellung hervorheben.
Geschwungene, sich immer wieder kreuzende Bleistiftlinien an der Wand des ersten Ausstellungsraums sind durch kleine Quermarkierungen und Zahlen unterbrochen, die neugierig machen. Diese Wandzeichnung ist Teil der Werkserie Linie im Raum, für die sich Katharina Hinsberg zunächst, eine Linie am Boden zeichnend, durch alle sechs Ausstellungsräume bewegt. Die Länge der Bodenzeichnung bildet die Grundlage für die Wandzeichnung im ersten Raum. Was aber bedeuten die Quermarkierungen und Zahlen? Der Zeichnung am Boden folgend, werden kleine Knetkugeln in einem Abstand von zehn Zentimetern an Nylonfäden von der Decke gehängt. Anhand der Wandzeichnung wird die Höhe der jeweiligen Kugel festgelegt. Die kurzen Querstriche an der Wand markieren die Abstände zwischen den Kugeln und zugleich den Punkt, an dem die jeweiligen Abstände der Kugeln vom Boden gemessen werden. So zieht sich durch alle Ausstellungsräume eine wellenartige Linie aus Kugeln als Ausdruck der Bewegungen der Künstlerin am Boden und an der Wand während ihres Schaffensprozesses. Dieser dreidimensionalen Linie mit Blicken und Schritten folgend, empfinden die BesucherInnen die rhythmische Bewegung der Künstlerin nach. Die Bewegungen der BetrachterInnen im Raum wiederum versetzen die Kugeln durch Luftströme in leichte Schwingungen. Die Linie wird zur Schwingung und könnte zum haptischen Spiel mit den Kugeln verleiten.
Handzeichnungen ist eine Serie von 98 Drucken betitelt, die dynamische Linien und schwarze Farbfelder zeigen. (Selbst-)Porträts der Künstlerin Monika Grzymala aus ihrem Studio, die Fragen aufwerfen. Linien und Flächen wirken, als seien sie schnell entstanden, manche Flächen erscheinen wie verlaufende Farbe, und vielleicht ist sogar ein Ausschnitt einer anderen Papierarbeit zu sehen. Auf den zweiten Blick lassen sich auf manchen Blättern Fragmente einer Hand erkennen. Die Künstlerin lässt ihre Hände über die Glasfläche eines Kopierers gleiten und löst gleichzeitig den Kopiervorgang aus. So hält die Belichtung der Glasplatte die Bewegung der Hände in Linien, Flächen und Fragmenten der Finger und Hände fest. Die Serie der Drucke ist zugleich Ausdruck einer Selbstbefragung der Künstlerin, die ihre zeichnenden Hände und manche ihrer bereits entstandenen Arbeiten im Jahr 2021 im beinahe täglichen Rhythmus festhält. Das Tableau der 98 Blätter an einer Wand zeichnet ein abstraktes, der Künstlerin aber entsprechend dynamisches, schnelles Studioporträt. Nicht nur die Bewegungen der Hände, die über das Glas gleiten, schaffen dieses Werk, sondern auch die Augenbewegungen der BetrachterInnen, die nach Orientierung in der Fülle der Drucke und Muster in der Anordnung suchen, um Signale, eine Grammatik oder eine Botschaft zu lesen.
Von der Ferne als zarte endlose Linien oder gar Schatten wahrnehmbar, ziehen die Spuren von Fries, Friktionen über die Wand. Tritt man näher heran, erkennt man die in die Wand gravierten Linien, die an Abdrücke im Schnee erinnern. Die geringe Tiefe und die Fingerdicke der Linien verführen dazu, sie mit der Fingerkuppe nachvollziehen zu wollen. Vielleicht rührt das aber auch vom Gestaltungsprozess her, den Katharina Hinsberg für diese Arbeit gefunden hat. Ihre zehn Fingerspitzen sind mit Wachsfarbe gefärbt und reiben in nahen und ausgreifenden Gesten gleichzeitig über die raue Oberfläche der weißen Wand. Der Abrieb der Farbe hinterlässt zehn feine dunkle Linien, die nebeneinander verlaufen und sich kreuzen. In einem zweiten Schritt bedient sich die Künstlerin bildhauerischen Werkzeugs und verfolgt diese Linien mit einem elektrischen Schleifkopf. So graviert sie die unter den zehn Fingern entstandenen Spuren mehrere Millimeter tief in die Wand ein und schafft ein Ineinandergreifen bildhauerischer, druckgrafischer und zeichnerischer Techniken.
Erhabene Linien ziehen ineinander verflochten über das raue, faserige Papier mit unregelmäßigen Rändern. Die an Textil erinnernde Oberfläche kann als Zeichnung gelesen werden, eine Zeichnung nicht auf Papier, sondern in und mit Papier. Man möchte das Papier und seine Rauigkeit ertasten und den Linien nachspüren. Für Songlines setzt sich Monika Grzymala intensiv mit dem Wissen um die Eigenschaften der Pflanzenfasern, die zur Herstellung von Papier verwendet werden, und dem Prozess des Papierschöpfens auseinander. Gemeinsam mit Gangolf Ulbricht entwickelt sie in dessen Berliner Werkstatt eine neue Form des Zeichnens: Eine nasse Masse aus Baumwollfasern (Pulpe) wird mit einem Sieb aus dem Wasserbecken geschöpft und auf einen Filztisch ausgebracht. Die Künstlerin breitet anschließend auf der Pulpe elastische Bänder aus und schafft so Linien. Durch das Pressen des Papierbogens mit tonnenschwerem Gewicht in einem weiteren Schritt verliert die Pulpe ihr Wasser, und die Bänder werden gleichzeitig in den Papierbrei gedrückt. In einer ähnlichen Technik und mit an die außergewöhnlichen langen Fasern des Maulbeerbaums angepassten Bändern, schafft die Künstlerin Reliefzeichnungen in einer wandfüllenden Größe von bis zu drei Metern. Mit ihrem Verfahren übersetzt sie bildhauerische Techniken, wie die verlorene Form für Gussverfahren, in Zeichnung und Papier. Formal greift sie mit den reliefartigen Linien die Fasern des Papiers und ihre Verflochtenheit auf. Die Linien eines aus Fasern gebildeten Reliefs sind in vielfältiger und unentwirrbarer und potenziell unendlicher Weise miteinander verbunden, ähnlich den Wollfasern in einem Filz.
Rote Linien formen große, unregelmäßige und übereinander gelagerte kreisartige Bewegungsmuster, die sich an der Wand des Ausstellungsraumes entlangziehen. Sie machen die große, energische Zeichenbewegung von Katharina Hinsberg unmittelbar nachvollziehbar. Ihre gesamte Armlänge nutzend, zeichnet sie für ihr Werk runden mit Pastellkreide die Kreise auf Papier, die sie anschließend ausschneidet. Mit dem Messer zeichnet die Künstlerin weitere (Schnitt-)Linien und lässt neue Formen im Zwischenraum entstehen, die zuvor nicht als solche wahrgenommen wurden. Das Schneiden als Zeichnen vervielfältigt die ersten Linien und schafft auch durch den frei gewordenen Blick auf die Wand neue Formen im Raum. Wie Spuren eines großen Kreisels bewegen sich die Linien die Wand entlang und regen die spielerische Fantasie der BetrachterInnen an.
Die Linie im Raum schlängelt sich vom ersten Ausstellungsraum ausgehend beinahe durch die gesamte Ausstellung und trifft am Eingang zum letzten Raum auf die Raumzeichnung Zwischen einer Linie von Monika Grzymala. Schwarze Linien streben in unterschiedlicher Länge vertikal vom Boden, bauliche Unebenheiten überwindend entlang der grauen Wände in Richtung Decke. Sie überkreuzen sich, berühren sich, lassen Leerstellen und verbinden sich an manchen Stellen zu Farbflächen. Die Künstlerin lässt in großen Bewegungen mit schwarzem Papierklebeband glatte aber zugleich auch durch kleine Falten erhabene Linien entstehen. An der linken und rechten Wand verbinden sich die Linien von oben herabhängend zu wirren in den Raum ragenden Knäuel. Hier und an kleinen Enden, die lose nach unten hängen, kommt die graue Rückseite der Bänder zum Vorschein und unterbricht die Monochromie der Raumzeichnung. Die Dynamik beim Erstellen dieser über den Boden und die Wände wachsenden Zeichnung ist auch mit Blick auf die großen kreisförmigen Linien spürbar, die eine auf den ersten Blick dominierende vertikale Bewegung überlagern und durchbrechen. An den Wänden entlang können die BesucherInnen den Linien näherkommen und müssen dabei der Versuchung widerstehen, die Struktur oder offenen Enden der Linien zu berühren.
Mit ihren Arbeiten machen die Künstlerinnen die abstrakte Linie in ihren vielfältigen Dimensionen erfahrbar: Die Linie und Körper im Raum, ihre Schwingungen, das Tempo, die Bewegung, der Rhythmus, die Plastizität, vielfältige und flexible Verbindungen und die Grenzenlosigkeit. In der Ausstellung zeigt sich, wie sich die Linie als Ausdruck des körperlichen Nachdenkens besonders für den Dialog eignet: Die Begegnung der Gedanken kann in abstrakter und zugleich sehr unmittelbarer Weise stattfinden. Und so hinterlässt, um bei dem Bild des Maschenwerks zu bleiben, das Fadenumschlingen zu einem Text offene Enden, die auch nach der Ausstellung weitergedacht, -gezeichnet oder -gesprochen werden können.
1 Gilles Deleuze und Félix Guattari: Rhizom, Berlin 1977, S. 41.
2 Bernhard Waldenfels: Das Zwischenreich des Dialogs: sozialphilosophische Untersuchungen in Anschluß an Edmund Husserl, Den Haag, 1971.
3 Bernhard Waldenfels: Sozialität und Alterität, Berlin 2015, S. 19.
4 Thomas Köllhofer geht in seinem Beitrag in diesem Katalog genauer auf diese Werke ein.
5 Tim Ingold: Making: Anthropology, Archaeology, Art and Architecture, London 2013, S. 132.
6 Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 689.
in:
Susanna Baumgartner: Abstrakte Linie im Dazwischen des Dialogs, in: Zwischen einer Linie. Monika Grzymala. Katharina Hinsberg, hg. von Johan Holten, Ausst. Kat. Kunsthalle Mannheim, Berlin/Bielefeld 2024, S. 21–25.
Susanna Baumgartner: Abstrakte Linie im Dazwischen des Dialogs, in: Zwischen einer Linie. Monika Grzymala. Katharina Hinsberg, hg. von Johan Holten, Ausst. Kat. Kunsthalle Mannheim, Berlin/Bielefeld 2024, S. 21–25.