binnen II (Die Annahmen der Linie)

Katharina Hinsberg

12. Oktober 2013, 10:50 h
Akteure: Katharina Hinsberg, Tine Voecks, Stephanie Felber, Vivi Holm, Ludger Lamers

Die Akademie der Bildenden Künste München liegt breit; ihre großzügigen Flure sind so ausgedehnt, dass sich meine Gänge ausführlich in ihrem eigenen Staccato ergehen. Alle horizontalen Lagen des Gebäudes werden sämtlich an einer Stelle durch eine Wendeltreppe miteinander verbunden: Gleich neben der Aula schraubt sie sich vertikal, als funktionaler schmaler Durchlass, durch alle Stockwerke hindurch. Diese Helix umwindet einen leeren Raum in ihrer Mitte, von nahezu dreißig Metern lichter Höhe, vom Keller bis unter das Dach. Es sind diese durchgängig gangbaren Räume, die Flure und diese Wendeltreppe, welche die Dimensionen des Gebäudes maßgeblich erfahrbar machen. Und nach meinem Ermessen lassen sich dort Zeichnen und Ort in einem Strang verhandeln.

Auf jeder Treppenetappe, vertikal über alle Stockwerke verteilt, stehen Projektakteure, jeder ausgezeichnet durch ein rotes Blatt Seidenpapier in der Hand, welches über das Geländer in den Innenraum der Treppe hängt. Mit dem Gong, der auch das Ende der Pause markiert, beginnen alle Akteure synchron ihr Blatt mit einer Schere in lange schmale Streifen zu schneiden und – abzuschneiden. Der Schnitt erfolgt parallel zum längeren Blattrand; er wiederholt die Schnittkante des Papiersaums, und, indem er diesen – einerseits – abschneidet, stellt er ihn – andererseits – wieder her. In die dünne, flatternde Papierfläche zu schneiden ist umständlich, und die Streifen fallen unbeholfen aus. Die Materialität des Papiers zeigt sich herabfallend dann anders, sie zeigt sich, und sie zeigt die unsichtbaren Bewegungen der Luft auf. Fallend zeichnen sie freihändig volatile Linienfiguren: sich immerfort windend, verschwinden sie, eine in der anderen, sie schlingen und verschlingen sich unablässig, während sie durch den Luftraum, die Wendel der Treppe (Wirbel und Säule), bis auf den Boden fallen. Zeitgleich verteilen sich die Zuschauer, in entgegengesetzter Richtung, von der Aula aus aufsteigend, auf der Wendeltreppe. Der Raum richtet sich aus zwischen Zuwarten und Beobachten.

Das Schneiden beginnt auf einen Schlag, aber die Geschwindigkeiten des Schneidens liegen in der Hand der einzelnen Akteure, und während die ersten Streifen noch gleichzeitig ausfallen, schneiden sich mit der Wiederholung, vom einen zum anderen, zeitliche Abstände in die Parallelität der Schnitte: Streifen für Streifen fortgesetzt, versetzen sich die Intervalle des Fallens.

Das lineare Aufschneiden des Papiers ist ein räumlicher und verräumlichender Vorgang des Zeichnens, und er überführt das statische Flächenmaß in einen zeiträumlichen Vorgang. Das Schneiden ist ein Zeitmesser, Zeitmessern, ein (fast parzenhaftes) Sequenzieren und Parzellieren, ein Teilen und Zuteilen von Zeit. Es lässt die schneidenden Personen aus der Gruppe der Zuschauer hervortreten und, sobald der Vorgang abgeschlossen ist, wieder darin verschwinden. Im Abschneiden entledigt sich jeder Akteur auch seiner Aufgabe, die mit dem letzten Streifen abfällt. So bemisst das individuelle Schneiden die Dauer der jeweiligen Teilhabe und schließlich auch der ganzen Aktion: Diese endet, indem das letzte Blatt aufgeschnitten und gefallen ist.

in:

Katharina Hinsberg: Binnen II (Die Annahmen der Linie), in: Zeichnen als Erkenntnis, hg. Barbara Lutz-Sterzenbach und Johannes Kirschenmann, München, 2015, S. 247–249.