Büttenblätter

Katharina Hinsberg

Büttenblätter werden in Schalen farbigen Wassers getaucht, wiederholt gebadet, – daß gelöste Farbschleier langsam sinken und sich absetzen – als Bodensatz feiner Pigmentsedimente. […] Farbflächen lagern sich, verwandt (vertraut), dem rauhen Papier an, lassen sich darauf nieder. 
    Die Farbe scheint ganz Papier geworden zu sein, das Papier ganz Farbe. Trotzdem kann man ein feines Reiben der Stoffe vernehmen: Fährten des Wähnens, Säume, wo Farbe gegen Farbe wächst. Töne legen und stellen sich zueinander, überfallen einanander, cache cache, verfließen und werden eins, wo sie sich nicht abgrenzen, durchlassen, verdrängen. Schwappend überborden Mooshorizonte, ehe sie versickern, versinken.
    Nein, kein Träufeln: ein Schwimmen und Trinken, ein Trinken und Schwimmen der Augen, welche nehmen, was sich in den Bildgrund legt, welcher Blick darauf zurückschaut. 
    Napf- und Grubenaugen, Pfirsichhaut und Pelzpapier, Salbei wie Kälbchenzungen, Herbstspaziergang mit Bodennebeln und spätem Taumel der Farben, warmes Verstummen dann. Augenhöhlen, Samtaugen, die in Blicken leuchten, dösen – halbgeschlossen, sacht. 
    Die Bilder, matt leuchten sie wie Gewürzdampf, wie Geruch, farbsatt und deutlich klar mitunter fremd wie Tonerden weiter [...], vom Wind zu Staub, über Märkte, hergetragen. Farben betäuben lind, wie sie in die Netzhaut glimmen und auf der Zunge dann müse werden, nachschmecken: Schlieren flüchtiger Bilder (Pollen) bevor sie sich ablösen. 

in:

Katharina Hinsberg: Büttenblätter, in: Erdmut Bramke. Arbeiten auf Papier, hg. von Ulrike Gauß, Susanne Grötz und Carolin Jörg, (Ersterscheinung 1998) Stuttgart 2017. S. 443.