Der Vorgang des Zeichnens, etwa zwischen Papier, Stift und Hand, ist ›unmittelbar‹ zu erfahren. Wie ein Händedruck ist diese direkte Wahrnehmung, über sich selbst hinaus, zunächst nicht mitteilbar, sie ist abstandslos, berührend und körperlich (nicht räumlich, nicht distant).
Der Schnitt dann ist ein äußerster und endgültiger Vorgang der Zeichnung, welcher diese an einem Ende beschließt, am anderen aber öffnet. Das konzentrierte und sorgfältige Ausschneiden der entstandenen Linien ist einerseits ein emphatischer Nachdruck, andererseits ein Infragestellen all jener, der Zeichnung anhängigen Qualitäten, wie Unmittelbarkeit, Ausdruck, Impetus, Geste, Körper, Ökonomie der Mittel usw. Es ist ein Schneiden wie das von Obstbäumen oder Stoffen: ich folge den Vorgaben des Materials, der Werkzeuge, der Hand, der Arbeitsabläufe, der Wassertriebe, der ›schlafenden Augen‹, des Fadenlaufs usw.
Das Schneiden ist ein Zeichnen, welches sich (durch und durch) einzeichnet oder inkorporiert, indem es dem Material dann innewohnt. Als Stanze oder Loch ist Zeichnung gegenwärtig und abwesend zugleich, sie gibt sich anderweitig an: als Binnengrenze zum Raum, mit Zwischenraum. Diese Lücken sind Luken, durch die das eine durchs andere dringt, sich an ihm zeigt – und abzeichnet.
in:
Katharina Hinsberg: [Der Vorgang des Zeichnens], in: Drawing, Ausst. Kat. Galerie Fahnemann, Berlin 2008, S. 10.
Katharina Hinsberg: [Der Vorgang des Zeichnens], in: Drawing, Ausst. Kat. Galerie Fahnemann, Berlin 2008, S. 10.