Die Kunst der Veränderlichkeit

Ines Goldbach

Es beginnt mit dem Raum. Auf der einen Seite eine rund 36 Meter lange Wand, auf der gegenüberliegenden Seite, mit rund 5 Metern Abstand, eine durchlaufende Front aus 7 großen Fenstern, die die Außenwand zu einer Membran werden lassen – halb ist man drinnen, halb ist man draußen. Welche Arbeiten können diesen charakterstarken Raum halten, ihn einnehmen und auch wandeln?

Katharina Hinsberg hat mit ihrer Installation Feldern (Farben) den Raum gewandelt, mit einem Material, dem man dies kaum zutrauen mag. Hauchdünne, 20-grammige Seidenpapiere, sortiert in 16 verschiedenen Farben*, die, wie die Künstlerin sagt, gerade durch das Dünnhäutige eine Autorität für sich in Anspruch nehmen. Mit Ungeduld kommt man hier nicht weit, das Material entwischt. Jeder Gang durch den Raum, jeder Luftstoß durch die umliegenden Fenster lässt die Papiere nach oben flattern, und man mag bisweilen besorgt sein, ob denn die feinen Nägel an den oberen Ecken der Papierstöße dieser Einwirkung wahrhaftig standhalten.

Waren es in Düsseldorf noch die Besucher, die in das von der Künstlerin gesetzte Bild eingriffen und den Prozess der Wandlung fortschrieben, begleitet Hinsberg die Arbeit in Basel engmaschiger und lädt zudem befreundete Künstler ein, mit ihr diesen Bilddialog zu führen. So ist es ein Hin und Her aus einer Veränderung, einem neuen Bild und einem zeitlich verschobenen Reagieren darauf, was der andere verändert und neu eingeschrieben hat.

Das erste Bild bzw. die erste Grundfigur, die Katharina Hinsberg im Kunsthaus mit der partiellen Wegnahme der obersten Blätter gesetzt hat, entspricht einer durchgehenden, flächenfüllenden weißen Linie, die ohne Unterbrechung über die gesamte Wand läuft, flankiert vom ›Pastellgrün‹ der zweiten Schicht. Dieses erste Bild ist Voraussetzung für alle folgenden Bilder und Veränderungen und thematisiert zugleich, worum es der Künstlerin seit Langem geht. Die Frage nach dem Grund und der sich darauf bzw. darin entwickelnden Figur. Eine Frage, der sie sich sowohl in der Malerei als auch in der Zeichnung stellt. Der Grund, das sind für Katharina Hinsberg jeweils die Papiere, welche als neue Farbschicht zutage treten. Diese sind, in variablen Konstellationen, Teil der augenblicklichen Oberflächengestaltung, bis – mit ihrer Entfernung – die nächste Grundschicht sichtbar wird.

Mit den verschiedenen Farbschichten, die in ihrer Vielzahl in jedem Moment vorhanden sind, wenngleich nicht immer sichtbar, spricht Hinsberg denn auch einen weiteren für sie wichtigen Punkt an: die Frage nach einem ›Bildvermögen‹. Ist das Bild ein anschauliches, bewegliches Gefüge, das den Raum, die Zeit wie auch Handlungen und Prozesse respektiert, miteinbezieht und zugleich das ihm zugrunde liegende Vermögen darlegen kann? Ihr im Kunsthaus geschaffenes Bild ist daher eines, das sich beständig ändert und gleichzeitig Monumentalität beansprucht wie es dafür jedoch auf ein Material zurückgreift, das kaum zarter und flüchtiger sein könnte.

Die Arbeit im Kunsthaus Baselland erzählt daher viel von der künstlerischen Strategie Katharina Hinsbergs, ein Werk aus einem gegebenen Raum und Ort heraus entwickeln und entstehen zu lassen, die Architektur und das Werk eins werden zu lassen und dabei die Wahrnehmung sowie die physische Erfahrung mit diesem Ausstellungsraum grundlegend zu wandeln. Durch die Wegnahme des Materials entschwindet das Bild immer mehr, bis am Schluss nur noch ein feines, die ganze Wand einnehmendes Raster aus dünnen Nägeln auf weißem Grund stehen bleiben wird.

Das Erfahrenkönnen und -wollen dieses Prozesses, dieser Dynamik und großen Poesie ist daher auch ein zentraler Punkt für das Werk Feldern (Farben). Denn will man es in seinen ganzen Zügen erleben, verlangt es ein Wiederkommen, ein Überprüfen, Hintersichlassen und erneutes Einlassen und Sehen beim abermaligen Besuch. Den Prozess mitzuerleben, heißt den Prozess selbst mit zu leben.

 

*
weiß
pastellgrün
goldgelb
pastellrosa
hellgrün
mittelblau
aqua mint
feuerrot
primel
aqua blau
gelb
schwarz
french vanilla
grau
hochrot
orange

in:

Ines Goldbach: Die Kunst der Veränderlichkeit, in: Katharina Hinsberg. Feldern (Farben), hg. von Kunsthaus Baselland und Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Ausst. Kat. Kunsthaus Baselland und Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Wien/Hombroich 2016. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)