Die Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer. Die Seele das Klavier
mit vielen Saiten. Der Künstler die Hand, die durch diese oder jene
Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt.
Wassily Kandinsky(1)
Für das Kunstmuseum Ravensburg hat Katharina Hinsberg eine Variante der Werkreihe Feldern (Farben) realisiert. In dieser ortspezifischen Installation ist das Werk in den Raum expandiert und mit diesem deckungsgleich geworden. Tendenzen das Werk installativ in den Raum zu erweitern, gingen seit den 1960er Jahren sowohl von der Malerei als auch von der Skulptur aus. In den 1980er Jahren spielte für die Künstler dann vor allem die Eroberung der Wand eine große Rolle. Seit den 1990er Jahren gehen raumgreifende Impulse jedoch vor allem von der Zeichnung aus.
Katharina Hinsberg ist eine der wichtigsten Vertreterinnen einer solchen, von der Zeichnung kommenden, Installation in Deutschland. Bereits in den 1990er Jahren hat sie in der Werkreihe Découpagen zunächst mit aus Papier ausgeschnittenen Zeichnungen die Ausstellungswand erobert, indem sie die filigranen Liniengebilde mit dünnen Nadeln auf Abstand an die Wände pinnte, so dass diese fühlerartig in den Raum ragten und Schattenzeichnungen hervorriefen.
Eine regelrechte Raumvermessung realisierte die Künstlerin dann 2003 im Rahmen der Werkreihe Lichtes Maß im Kunstverein Ravensburg. Bei dieser Installation griff Katharina Hinsberg Raummaße und Proportionen des Ausstellungsortes auf und transponierte diese, mittels roter Raster aus Papier, als räumlich-konstruktivistische Gitter-Zeichnung in den Raum.
In der weiteren Werkentwicklung expandierte die Linie vorhangartig in Form von hängenden (X x A4, 2008) oder fallenden Papier-Streifen (Binnen, 2008) ins Dreidimensionale. Aufsehenerregende Installationen im Kunstmuseum Stuttgart (mitten, 2012) und im »Labor« der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Feldern (Farben) 2015) folgten.
In diesen Raumarbeiten waren für Katharina Hinsberg die Bedingungen vor Ort wichtige Bezugspunkte, die in die Installation einflossen. Auch in der Rauminstallation Feldern (Farben) im Kunstmuseum Ravensburg spiegeln sich die Bedingungen des Ausstellungsortes gleich in zweifacher Hinsicht wider:
Zum einen stellte Katharina Hinsberg mit Blick auf den im Haus vertretenen expressionistischen Grundstock, der Sammlung Peter und Gudrun Selinka, eine reine Farbpalette (mittelblau, orange, weiß, schwarz, gelb, lavendel, hellgrün) in den Mittelpunkt ihrer Raumintervention.
Zum anderen bestimmen die Dimensionen des dreißig Meter langen, zehn Meter breiten und über vier Meter hohen Raumes die Rastermaße, in welchen die Seidenpapiere, nur an zwei Nägeln befestigt, in sieben Lagen übereinander an der Wand angebracht wurden. Über die Laufzeit der Ausstellung wurden die 31 x 29 cm großen Blätter in sieben ›Schichtwechseln‹ abgenommen, so dass immer wieder andere Muster und andere Farben zum Vorschein kamen. Auf den ersten meditativen Farbraum in monochromem Blau, folgte nach partieller Abnahme einer Anzahl blauer Blätter, eine kontraststarke und intensiv anregend wirkende Komposition im Farbklang Blau und Orange. Über die Laufzeit durchlief die Installation dann sieben weitere Metamorphosen, die je nach Charakter und Ausstrahlung der jeweiligen Farbpalette, ganz unterschiedliche Atmosphären entfalteten.
Mit der Art und Weise, wie Katharina Hinsberg die hauchdünnen Seidenpapiere in eine streng geometrische Struktur aus einzelnen Feldern einpasste, steht sie kunsthistorisch in Bezug auf das Formale in der Tradition der Minimal Art eines Sol LeWitt. »Es ist das Ziel des Konzeptkünstlers«, schrieb Sol LeWitt 1967 in seinen Paragraphen zur Konzeptkunst, »seine Arbeit auf geistiger Ebene interessant für den Betrachter zu machen, und deshalb wird er für gewöhnlich wollen, dass die Arbeit emotional trocken wird (…). Die Erwartung eines emotionalen Kicks an den man durch die expressionistische Kunst gewöhnt ist, würde den Betrachter davon abhalten, diese Kunst wahrzunehmen.«(2)
Die freie, subjektive, abstrakte Geste in expressionistischer Manier und die auf vermeintlich objektiven, nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten beruhende Konkrete Kunst standen sich zu Zeiten Sol LeWitts, in den 1960er Jahren, noch diametral gegenüber.
Heute, über vierzig Jahre später, überwindet Katharina Hinsberg derartige Dualismen. Als poetische Minimalistin geht es ihr sowohl um die Sichtbarmachung von strukturellen Gesetzmäßigkeiten als auch darum, die Betrachter mit ihrem Farbraum emotional zu berühren. Was für den Expressionisten noch Pinsel und Farben sind für Katharina Hinsberg heute Nägel und handelsübliche Seidenpapiere. Entsprechend des Diktums eines Wassily Kandinskys »Gegensätze und Widersprüche ‒ das ist unsere Harmonie«(3) bringt sie in Feldern (Farben) die rationale Gitterstruktur mit der fragilen Zartheit von Seidenpapier zusammen. Anders als die Expressionisten zu Beginn des letzten Jahrhunderts hält Katharina Hinsberg ihre eigenen Emotionen jedoch aus den minimalistischen Farbkompositionen heraus.
1 Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst. München 1912, 3. Auflage, S. 49.
2 Sol LeWitt, Paragraphs on Conceptual Art. zit. nach Jörg Heiser: Eine romantische Maßnahme. In: Romantischer Konzeptualismus. Ausst.-Kat. Kunsthalle Nürnberg, Nürnberg 2007, S. 10-28, hier S. 13.
3 Siehe Anm. 1, S. 92.
in:
Fritz, Nicole: Die poetische Minimalistin und der Raum. Zur Installation Feldern (Farben) im Kunstmuseum Ravensburg, in: Katharina Hinsberg. Feldern (Farben), hg. von Kunstmuseum Ravensburg, Ausst. Kat. Kunstmuseum Ravensburg, Wien/Neuss 2016. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)
Fritz, Nicole: Die poetische Minimalistin und der Raum. Zur Installation Feldern (Farben) im Kunstmuseum Ravensburg, in: Katharina Hinsberg. Feldern (Farben), hg. von Kunstmuseum Ravensburg, Ausst. Kat. Kunstmuseum Ravensburg, Wien/Neuss 2016. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)