Katharina Hinsberg zeichnet: mit dem Bleistift auf einfachen Blättern Papier abstrakte Zeichnungen. Und sie schneidet: mit Hilfe eines Skalpells die Zeichnungen aus ihrem Trägerblatt. Schließlich installiert sie: die ausgeschnittenen Zeichnungen, nun ›Découpagen‹, wie die Zeichenblätter mit den analogen Freistellen als ›Zirkumstanzen‹ auf der Wand.
In Katharina Hinsbergs Œuvre ist das künstlerische Medium der Zeichnung nicht bloß Mittel zum Zweck, bereitet nichts vor, sondern entwickelt sowohl eigene ästhetische als auch konzeptuelle Qualitäten. In dem Sinne, dass Zeichnung als das Medium der künstlerischen Suche, des Experimentierens, Forschens und Entdeckens, über das anschaulich Manifeste, die Linie hinausweist.
Ob ein flüchtiger Eindruck oder die intensivere Auseinandersetzung mit alltäglichen Dingen, alles führt zu seiner zeichnerischen Aneignung, etwa mit geschlossenen Augen, und damit zu seiner Transformation: Die Dinge werden umgedeutet, Formen erfahren Metamorphosen. Die Zeichnungen sind aber weder Symbole des Gesehenen, noch Fragmente dessen oder Chiffren. Abstrakt, anschaulich, in sich geschlossen und doch vieldeutig, wollen sie ihre Vor-Bilder womöglich nicht einmal mehr erahnen lassen. Wenn der Bleistift auf dem Papier ansetzt, führt er keinen zuvor bedachten oder gar erwarteten Strich aus, sondern zeichnet die Bewegung, die zu der Zeichnung führt.(1) Bewusst und unbewusst Wahrgenommenes findet so seine Spur dauerhaft in der radikal einfachen Linie auf dem Papier wieder.
Innerhalb eines äußerst disziplinierten Arbeitsrhythmus’, von Katharina Hinsberg mit »Regelmaß und Pensum«(2) umschrieben, entstehen täglich zehn solcher ›Zeichnungen‹. Der so verarbeitete Bilderstrom der Welt lagert archiviert, mittels Graphitstift reduziert, verdichtet und verfremdet auf Papier, zwischen Lagen von Seidenpapier, reisefertig in Schachtelkarteien. Katharina Hinsbergs künstlerisches Werk mit mittlerweile mehreren tausend ›Zeichnungen‹, in denen sich biografische, künstlerische und historische Welt spiegelt, entwickelt und verändert sich aber unablässig weiter.
Für die begrenzte Dauer einer Ausstellung verlassen einzelne, in sich autonome Module des Gesamtwerks ihren Ort der Lagerung, um sich im Rahmen einer ephemeren Installation einen konkreten Raum anzueignen, ihn regelrecht zu besetzen. Ohne ausdrücklich besondere inhaltliche oder formale Kriterien der Einzelteile zu berücksichtigen, installiert Katharina Hinsberg ›Découpagen‹ und ›Zirkumstanzen‹, wie eine »mobile Tapete« in Ausstellungsräumen.
Innerhalb der nur scheinbaren Motivwiederholungen und regelmäßig-monotonen Anordnung an den Wänden scheinen die Zeichnungen in ihrer Einzelhaftigkeit fast zu verschwinden, so wie sie gleichzeitig dadurch in sich die Möglichkeit bergen, neu vorgestellt und anders gedacht zu werden. Über den realen Ausstellungsraum hinaus entstehen geistige Räume aus den Panoramen gezeichneter Linien und ihrer Schatten, entsprungen »aus Streifzügen durchs Gras, im 92er-Bus in die Stadt, zwischen Himbeeren, im Zug«.(3) Bilder, die nun auf sich selbst verweisen und zu ihrer eigenen Realität werden, die ferner Zwischenräume der Imagination öffnen, in der nicht die vorhergegangenen Dinge das Wesentliche sind, sondern das, zu dem sie verwandelt werden können.
Auf den großformatigen, aluminiumkaschierten, in drei über die gesamte Wandlänge laufenden Reihen und mit wenigen Zentimetern Abstand voneinander angeordneten Bögen der Rauminstallation Zirkumstanzen, wird der Betrachter zunächst vergeblich die Spuren des Graphitstifts suchen und trotzdem erscheinen auf den vibrierenden Oberflächen Bilder: Spiegelungen, Reflexionen des Raumes, der Besucher und des Lichts. Von Ferne betrachtet, entsteht auf der Wand zwischen den metallischgrau-glänzenden Blättern ein übergreifendes, matt-weißes Linienraster aus geraden Horizontalen und unregelmäßig verlaufenden Vertikalen mit individuellen Krümmungen.
Katharina Hinsberg kopierte bei dieser Arbeit zunächst auf der weißen Rückseite der aluminiumkaschierten Blätter freihändig mit dem Bleistift den Verlauf des bei der maschinellen Herstellung gerade beschnittenen Blattrandes, wodurch sich die beschriebenen Abweichungen ergeben. Die gezeichnete Linie befindet sich nicht mehr, wie bisher, im Zentrum des Blattes, sondern ist nur noch ›Randzeichnung‹. Sie wird nicht mehr mit dem Messer umschnitten, sondern eingeschnitten: Indem zwei Blätter so übereinander gelegt werden, dass sich ihre Ränder knapp überlappen und dann entlang dem gezeichneten Linienverlauf geschnitten wird.
Das Prinzip des Wiederholens oder Kopierens ist die Fortführung der Arbeit nulla dies sine linea aus dem Jahr 1999. Dabei handelte es sich um einen Papierwürfel, der aus 921 Einzelblättern bestand. Das unterste Blatt teilte eine erste Linie, mit dem Lineal aus Tusche gezogen. Dann wurde ein zweites Blatt auf dieses erste gelegt und mit der Hand die erste, durchs Papier scheinende Linie, freihändig kopiert. Diesen Schritt wiederholte Katharina Hinsberg insgesamt 920 Mal, wobei die Abweichungen, das wurde an den Außenseiten des Würfels sichtbar, von der ursprünglichen Linie immer größer wurden. Indem sich die zweidimensionale Linie selbst kopierte, beschrieb sie gleichzeitig auf dem dreidimensionalen Körper eine eigene Spur.
Bei Zirkumstanzen besteht die wiederholte Linie nur noch als beschnittener Rand, an dem die Einzelblätter auf der Wand zusammengefügt werden. Die ursprüngliche Bleistiftzeichnung ist so für sich nicht erkennbar. Nicht mehr die zuvor mit dem Stift fixierte Spur definiert die endgültige Zeichnung, sondern erst ihr Verschwinden und die dadurch entstandene Leerstelle, die weiße Linie, die zwischen den beschnittenen Papieren auf der Wand des Ausstellungsraumes auftaucht. Das Bild im Bild erscheint erst, wenn das Skalpell seine Umrisse bezeichnet, herausgeschnitten hat. Es wird entkörperlicht, um präsent zu werden.
Die Wand ist, bevor sie ein Ort der Ausstellung wird, Ort der Entstehung: Schwarz wird Weiß – Schatten zu Licht – Negativ kehrt sich zum Positiv um – Grenzlinien beschreiben Bilder – die Kopie wird zum Original – die Umrisslinie zum künstlerischen Ereignis – Präsenz wird durch Abwesenheit erst möglich.
Auf verblüffend selbstverständliche Weise offenbart sich an diesen durchlässigen Stellen die von Katharina Hinsberg immer initiierte »wechselseitige Verortung von Raum und Werk«. Die Abwesenheit der ursprünglichen Zeichnung ist unabdingbar notwendig, um die Anwesenheit des gegebenen Raumes wahrnehmen zu können, ihn zu markieren: im nunmehr Bildraum, der sich in der Linie zwischen Blatt und Wand eröffnet. Zeichnung und Wand, Werk und Ort fallen hier zusammen.
Die »gestückelte Membran« aus ›Zirkumstanzen‹, Blatt für Blatt lückenlos nebeneinander an der Wand haftend, verhüllt den Raum, wie sie ihn an den ausgeschnittenen Freistellen enthüllt. Diese Verhüllung neutralisiert einerseits die Räumlichkeit, in dem seine Eigenheiten und Unebenheiten hinter den wie »bewegliche Schuppen« auf der Wand haftenden Zeichenblättern verschwinden. Andererseits werden durch die Reflexionen und Spiegelungen gegebene Raumstrukturen, wie Säulen, Geländer, Leuchtstoffröhren, in besonderer Weise offenbart und inszeniert. Ordnungen, wie die des Oberlichts oder der Bodenfliesen, finden sich an der Wand wieder, spiegeln sich im übertragenem Sinne darin. Auf der quecksilberartigen Oberfläche können aber unabhängig davon potentiell weitere Bilder entstehen: Fixierungen eines Augenblicks – Verbindungen von Vorhandenem und Erfundenem – Ausdrücke der Spannung zwischen Realität und Imagination. Prinzipien der Zeichnung.
Im 19. Jahrhundert schrieb Charles Baudelaire, dass alle guten und wahren Zeichner nach dem Bilde in ihrem Kopf arbeiten und nicht nach der Natur.(4) Ob Bilder, Abbilder, oder Nachbilder gewesener Beobachtungen und Erinnerungen Katharina Hinsbergs, jenseits ihrer unmittelbaren Anschauung im Raum entstehen vor unserem inneren Auge andere, individuelle Bedeutungs-Räume: Ein Universum möglicher Bilder.
1 Nach Katharina Hinsberg in Katalog ›Découpagen‹, Edition Solitude 1996.
2 Katharina Hinsberg zitiert nach Edition ›45 motive zu blättern‹, Radolfzell 1998.
3 Katharina Hinsberg zitiert nach Katalaog ›Découpagen‹, Edition Solitude 1996.
4 Charles Baudelaire: ›Aufsätze zu Literatur und Kunst‹, München und Wien 1989.
Alle hier nicht weiter belegten Zitate der Künstlerin stammen aus gemeinsamen Gesprächen bzw. der Projektbeschreibung zur Ausstellung im Kunstverein Freiburg.
in:
Kunstverein Freiburg (Hg.): Katharina Hinsberg. Zirkumstanzen, Ausstellungskatalog Chinati Foundation, Kunstverein Freiburg und Dortmunder Kunstverein, Freiburg 2001.
Kunstverein Freiburg (Hg.): Katharina Hinsberg. Zirkumstanzen, Ausstellungskatalog Chinati Foundation, Kunstverein Freiburg und Dortmunder Kunstverein, Freiburg 2001.