[Feldern]

Julia Hagenberg

Feldern: Im Titel ihrer Arbeit für das »Labor« der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat Katharina Hinsberg einen zentralen Aspekt der Ausstellungsreihe in diesem Raum aufgegriffen. Denn hier soll dem Publikum die Möglichkeit eröffnet werden, sich der Kunst auf der Grundlage des eigenen Handelns und Partizipierens zu nähern. Mit ihrer Wortschöpfung, der Verwandlung des Substantivs ›Feld‹ bzw. ›Felder‹ in ein Verb, deutete Katharina Hinsberg die Aktivität an, zu der die Museumsbesucher im »Labor« eingeladen waren. Für ihre Installation hatte sie rund 2600 Stapel Seidenpapier – 2600 ›Felder‹ – an die Wände des Ausstellungsraums genagelt. Von diesen Stapeln, die sich aus jeweils 28 quadratisch zugeschnittenen Papieren von unterschiedlicher Farbe zusammensetzten, konnte das Publikum einzelne oder mehrere Blätter schichtweise entfernen, jeweils bis zur nächsten, Woche für Woche neu vorgegebenen Farbe. Die Farben umfassten das gesamte verfügbare Sortiment und waren in einer spezifischen, von der Künstlerin bestimmten Reihenfolge angeordnet, auf deren Grundlage die Besucher durch das Abreißen von Papieren ›komponieren‹ konnten. 

Bei der Eröffnung präsentierte Katharina Hinsberg zunächst einen eigenen Eingriff auf der Basis der von ihr selbst gesetzten Regeln. Sie hatte damit begonnen, die erste weiße Schicht zu entfernen, und die darunter liegende schwarze sichtbar gemacht. Ihre schwarz-weiße Setzung war in Farbe und Form eine klassische Zeichnung, die von einem Punkt – einem einzelnen Feld – startete, sich mit weiteren Feldern zur Linie verband und sich schließlich zur Fläche und zum Raum entwickelte. Als Struktur hatte sich Katharina Hinsberg für eine sogenannte »Hilbert-Kurve« entschieden, die eine zweidimensionale Fläche vollständig beschreiben und abdecken kann. Die raumfüllende Komposition wirkte überwältigend. Ihre Monumentalität stand im Kontrast zu dem zarten und alltäglichen Charakter des Materials, das in der Installation eine besondere sinnliche Qualität entfaltete. Bei jedem Lufthauch geriet das Seidenpapier in Bewegung und gab den Blick auf tieferliegende, künftige Farbschichten frei, die in den folgenden Wochen zum Vorschein kommen sollten. Die Farbfolge startete mit weißen Blättern, und sie endete mit Weiß: mit der nackten Wand. Durch die Mitwirkung des Publikums führte Katharina Hinsberg das »Labor« im Verlauf der Ausstellung zurück in seinen ursprünglichen Zustand und thematisierte den Raum als solchen, den »white cube«.

Die Einladung zum ›Feldern‹ wurde begeistert angenommen. »Voll schön«, kommentierte ein Jugendlicher seinen Besuch in der Ausstellung. Bei einem Rundgang durch die Kunstsammlung waren seine Freunde und er zufällig auf die Arbeit gestoßen und hatten sich zunächst vorsichtig, dann mit wachsender Begeisterung der unerwarteten Aufgabe gestellt, die Installation umzugestalten. Dem nachfolgenden Publikum hinterließen sie einen völlig veränderten Raum mit abstrakten Formen und überdimensionalen Emoticons. Andere Besucher entfernten nur einzelne Blätter, zogen Streifen oder gestalteten die Wände monochrom. Die Unterschiedlichkeit ihrer Reaktionen spiegelte die Vielfalt und Heterogenität möglicher Zugänge zu Kunst wider. Gleichzeitig beeinflussten die Eingriffe vorheriger Besucher die nachfolgenden Setzungen. Das Publikum reagierte fortwährend aufeinander und entwickelte das Werk weiter – ein Prozess, bei dem sich die Rezeption des Farbraums mit dessen beständiger Veränderung verknüpfte. Katharina Hinsbergs Konzept sah keinen Zustand der Vollendung vor. Indem die Besucher am Werk partizipierten, beteiligten sie sich vielmehr unweigerlich daran, es verschwinden zu lassen. Doch gerade durch die eigene Mitwirkung, die Auseinandersetzung mit den künstlerischen Vorgaben und die Interaktion mit Farbe, Material und Raum wird ihnen die Arbeit in Erinnerung bleiben.

in:

Julia Hagenberg: [Feldern], in: Katharina Hinsberg. Feldern (Farben), hg. von Kunsthaus Baselland und Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Ausst. Kat. Kunsthaus Baselland und Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Wien/Hombroich 2016. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)