Ein Feld begleitet eine Weile, dann hört es auf. Parzellen, Wände, Blätter, Rainfarn, die tapetum sich einander anverwandeln. Inzwischen Wiesengebüsch (vielleicht im Regen). Unweit spielt eine Mariachikapelle einen Refrain, welcher selbst ständig etwas zurückwirft. Tragflächen die Rapporte fortführen, herumzetteln, in Betracht ziehen, blättern, oder sich abspalten vom Zusammenhang der Dinge: Horizontlose, Panoramamembrane, Seerosen, die okulieren im Oval der Orangerien. Ganz wie Vorwände – cache cache – eingeblendete Repertoires. Womöglich will die Sehsucht nicht touchieren, sondern bliebe, Relief (erleichtert).
Der Ausstellungsraum wird neu verputzt: zunächst die untere Hälfte des Raumes, vom Boden aus, so hoch der Arbeitsarm reicht. Das ergibt ein Feld von feuchtem Putz, einen Horizont quer durch den Raum, wie eine Grenze zwischen zwei Volumen, welche eine zeitlang sichtbar aufeinander liegen, bis alles getrocknet ist. Der untere, greifbare Teil eines Raumes bemisst sich individuell, vom Boden aus, bis zu seinem abschließenden Rand, als Hantier- und Werkraum – Umgebung und Inzwischenraum, dessen Randzone Rahmen, reichweite Höhenlinie ist.
Auf Stelzen erschließt sich dann der obere Raumteil, der unbestellt und leer, sonst nur Schauraum ist – allein dem Sehen vorbehalten. Im Bett liegend schaue ich manchmal an die Zimmerdecke, in einen Raum über mir, der einfach da ist, wie ein Himmel. Zuweilen werden Flecken zu Bildern, wie Wolken. Unerreichbar hohe Räume erscheinen manchmal unermesslich und liegen gleichsam jenseits greifbarer Absichten. Wie wohl das Verhältnis von Schau- und Werkraum zumeist nicht allein der Proportion, sondern auch der Distinktion geschuldet ist. Und Ausstellen heißt, vielleicht, etwas auch in dieses augenscheinliche Verhältnis setzen.
Den Raum, diesen Bewandtnissen, meiner Größe entsprechend, umlaufend mit blanken Blättern zu bestücken, ist, als ob ich ihn mir damit tatsächlich auch anverwandle. Ich tapeziere den Raum, ich verhülle ihn mit Leerzeichen, Blenden, die decorum anmessen, rasternd Raum angeben und leeren, sowie sie ihn füllen. Die Wände sind dann in meiner Reichweite, bis zur Türhöhe, mit einer Innenhaut aus Blättern ausgekleidet, die zunächst lose fixiert sind. Blatt an Blatt verhüllt Putz und Spuren, fugenweise Wand freilassend. Der Raum erscheint wie neu gewandet durch diesen Einschub, welcher Wand kaschiert und initialisiert, und doch stellenweise durchschauen lässt, wie durch eine semipermeable Membran.
Darauf zeichne ich dann mit Graphit, in rapiden, dichten, einfach nur geklopften Strichen. Sie fallen abrupt, in kurzen, repetierten Bewegungen auf den Gegenstand der Wand. Striche, Hiebe von oben nach unten fallen bestimmter aus: wie Niederschlag zum Horizont meiner Schritte, zur waagrechten Ordnung der Blätter im Raum. Sichtfelder, strichgesät. Im Prasseln, Nieseln, Tropfen folgen dicht getaktete Striche eher ihrem regelmäßigen Rhythmus als einer optischen Setzung. Kurze Berührungen, Touchés, entfallen der fallenden Hand. In mehreren Umgängen entsteht schrittweise, über alle Blätter hinweg, ein Fries ringsherum, das den Raum einfasst, das sich aber strichweise auflöst, in Maserungen, wie die eines Fells (nicht gegen den Strich), Wirbel am Widerrist.
Die Versuche, Orte oder Umstände auszublenden, münden zuweilen in einer Linie, oder Zeichnung, welche wie das Ufer einer Öffnung ist. Ihrem Verlauf entlang könnte etwas stehen, das selbst ständig veranlasst, dazwischen Raum zu greifen, zu markieren – Distanzen. Diesem bildhaften Haften zwischen Wand und Augen in die Sicht zu gehen, gleicht jetzt dem Blick durch eine Kamera auf ein Kammerspiel: Nahtheater – encadré – Augen im Hors-Champ der Bilder, die, davon abgesehen, etwas aus der Hand geben.
Mag ich vom Anschaulichen absehen, abziehen (abstractum), blieben Markierungen, Grenzen die etwas weites, vages wahrnehmbar bedingen. Ein Blatt ist an unzählig vielen Stellen berührbar, verletzbar auch. Der Stift markiert nun Orte, und unterscheidet sie, Außen bleibt unbestimmt. Dibutade zeichnete den Schattenriss ihres Geliebten an die Wand, markierte die Grenze zwischen Schattenbild und lichter Umgebung. Ich denke, eine Zeichnung besteht mithin allein durch ihre und in einer Grenze, ist sie aber nicht. Ich hake mich ein, ich durchmesse eine Fläche, ein Kontinuum, vom einen zum anderen Mal. Mein Zeichnen stakt in einem weiten Feld und verortet sich, stellenweise.
Die Bögen werden abgenommen und die Striche, die, zu Tausenden jetzt, sämtliche Blätter sprenkeln, werden sorgsam einzeln randentlang umschnitten, wie ausgestanzt: ich säume sie mit einer Schneidelinie und löse sie aus dem Papiergrund. Sie werden Löcher, Lider, Leerzeichen, kleine Zwischenräume – stantiae. Figur und Fond sind voneinander gespalten – di-segno. Die Blätter werden durchlässig und erfahren Binnengrenzen, die dann, dem Blattrand gleich, Schnittkante und Bildrand sind. Jetzt egalisiert sich auch das Verhältnis von Vorder- und Rückseite eines Blattes.
Ich wende die Blätter dann, und hänge sie schließlich einzeln, hinter Glas, mit ihrer ursprünglichen ›Ansicht‹ gegen die Wand. Im Umdrehen der Seiten verschwinden auch die letzten Spuren des Zeichenvorgangs im Kaumraum zwischen Blatt und Wand. Die Arbeitsblätter kehren sich zum Werk im Raum: Ausstellen wäre wie die Stülpung einer Tapetenhaut. Und wie ich sie drehe und wende, ist ihr Zwiespalt Bestandteil und im Zustand meiner Bilder, welche darin ursächlich auftauchen, blättern, greifen und bildhaft werden – im Raum.
Es ist eine Grenzlinie, die Werk umzeichnet und damit scheidet, was zum Bild, was zur Umgebung gehört. Im Schnitt entsteht Zeichnung mithin als Rand, Erscheinung, als Gleichsaum zwischen Blatt und Wand, welche beide eher Bildgrund und -träger sind. Aber jetzt grenzt eins ans andere, oder ist Bild, darinnen: Blatt und Wand und Wand und Blatt. Wird die Zeichnung, wird Zeichnung aufgehoben? Sie zeigt an diesen Stellen weiße Wand, diaspern, Gleichfarben im Changieren von Grund und Muster: Etwas wird durch sein Verschwinden sichtbar und es stellt sich etwas ein, das man nicht gesehen hat – Nachbilder unversehen. Und in den Gläsern spiegelt dich der Raum und sich die Arbeit selbst, im Grund Figur, deine, meine, Blicke, Fenster, Park und darüber hinaus, die Gleise und Robert Arbers Haus.
Schließlich habe ich alle Blätter und Gläser wieder entfernt. Die Gläser habe ich dicht an dicht auf den Boden gelegt, dass sich der Raum spiegelt und das Licht.
in:
Katharina Hinsberg: Frieze. The Chinati Foundation, in: Katharina Hinsberg. Zirkumstanzen, Ausst. Kat. Chinati Foundation, Kunstverein Freiburg und Dortmunder Kunstverein, Freiburg 2001, S. 20–24.
Gekürzte Version in:
Katharina Hinsberg: Fries, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 68–72.
Katharina Hinsberg: Frieze. The Chinati Foundation, in: Katharina Hinsberg. Zirkumstanzen, Ausst. Kat. Chinati Foundation, Kunstverein Freiburg und Dortmunder Kunstverein, Freiburg 2001, S. 20–24.
Gekürzte Version in:
Katharina Hinsberg: Fries, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 68–72.