Geträufel

Katharina Hinsberg

Berührt, wie ich sie vorgefunden habe, lasse ich die Wände unberührt. Ich ziehe die Bilder zurück. Im zentralen Raum stelle ich Graphikschränke auf. Verborgen, wie in Archiven, sind die Zeichnungen dort, hinter Schrankladen, geschützt und aufgehoben. Sie können (oder auch nicht), eine nach der anderen, in Schüben ans Licht – und in den Augenblick – gezogen werden: einzusehen und zu verschließen. Dann dämmern die Bilder wieder, verschwinden in Gedächtnis und Archiv und setzen sich, wo möglich, ab.

In einem gläsernen Bassin, einem umgedrehten Schaukasten des Museums, treiben diaphane, geschnittene Figurenteilchen kaum sichtbar auf der Wasseroberfläche. Leicht und fügsam tentakeln sie auf dem Wasser: ein Schwimm-Eppich wie von äugenden Wasserlinsen, myriophyllum heterophyllum, potamogeton lucens, flutender Schwaden, iris albicans, Augentropfen, Augentrost. Jeder leichten Bewegung des Wassers folgend, fügen sich diese vereinzelten Glieder zu komplexeren Figuren, bilden unentwegt sich ändernde, zerfallende, und neu organisierende Gebilde: wie Kolonien, die sich aus einfachen Formen zusammensetzen und wieder auflösen.

Über dem Weiß des Beckenbodens sind die schwimmenden Figuren, selber wasserfarben, kaum wahrnehmbar. Das durchsichtige Wasservolumen – wie eine Nährlösung zur Bildentwicklung – entschneidet inzwischen, löst die Schatten von Gebilden: die transparenten Figuren treiben obenhin, die Schatten fallen ab, sacken nach unten und zeichnen sich dort ab. Hier erscheint das Bild, es wird am weißen Grund des Bassins wahrnehmbar. Diese Abbilder gleichen einer Kette aufgefädelter Schattenperlen, Bildbläschen, petites perceptions, die sich aneinanderstückeln zu geträufelten Linienfiguren. An den Säumen, wo sich Wasserfläche und Objekt berühren, bricht sich das Licht und säumt die Schattentropfen am Boden mit hellen Aureolen.

In der Berührungsfläche, zwischen Wasser und Luft, sind die schwanken Schnittbilder Bildschnitte im umgebenden Spiegel der Wasseroberfläche, in dieser Projektion des

umgebenden Raums. Auf der Wasseroberfläche treibend, reagieren sie, wie diese, auf Bewegungen im Raum, machen Wasserbewegung sichtbar, wiegen sich im krausen oder glatten Spiegel der Bilder und liegen wie Bildstörer, wie eine Verschleierung der Netzhaut, auf dem Glaskörper des Wassers.

Mehrfachspiegelungen der sich gegenüberliegenden Bassinwände führen, je nach Blickrichtung, in weitere Räume unter Wasser, die alleine den Augen zugänglich bleiben: ein Bassin aquatiler Bilder.

in:

Katharina Hinsberg: Geträufel, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 30–32.

Text zur Ausstellung im Museé des Beaux-Arts, Agen, Frankreich, 1997.