[Höhenlinien]

Katharina Hinsberg

Eine Linie vermag tatsächlich einen Horizont, Himmel und Hügel (Kuppel und Kuppe) zusammenzufügen, als bände sich Zeichnung, quasi gegenstandslos, an nichts als Grenze. Worin entsprechen sich zum Beispiel ein Hügel und seine Zeichnung? In wiefern – oder wie entfernt – gleicht eine Horizontale einem Horizont? Ein Alpenkamm wird gemeinhin zickzack in Zeichnung übersetzt und beide gleichen sich, in kontinuierlicher Kontur, wesenhaft. Und worin genau stimmen sie überein? Für Höhenschichtlinien werden in regelmäßigen Intervallen alle Punkte gleicher Höhe gemessen und auf der Landkarte dann durch eine Kurve verbunden. Die Strecken dazwischen, welche durchgängig Entsprechung behaupten und diese als Linie abbilden, wären aber just jene Abschnitte, die der Bewegung nicht entsprechen, diese allenfalls ergänzend interpretieren. 
    Zwischen Auckland und Cape Reinga (aber es könnte auch auf der Alb sein) kurve ich durch die Gegend ohne Gegenstand; dass heißt, bei Kaukapakapa sehe ich, wie sich eine riesige Wand von Serra über einen Berg windet. Wenn ich richtig gehe, folgt ihr Verlauf einer Höhenlinie (wie die Trampelpfade von Schafen). Ihre schwingende Neigung ergibt sich dann aus dem rechten Winkel zum Berg. Als ich mich übers private Gelände dort hin stehle, stehe ich einer Horde Strauße gegenüber. Im Auto bin ich dann wieder immer im sicheren Zentrum meines Panoramas, mit einem Augenpunkt, welcher sich gegenüber einer Unzahl von Horizontpunkten auszeichnet. Solange ich alles in Ausschnitten durchs Autofenster wahrnehme, ohne anzuhalten, um mir die Füße zu vertreten, durchdringen sich Fahrzeug und Umgebung ohnehin eher bildhaft, rollen quasi aufeinander ab, kaum Spuren, allenfalls Eindrücke hinterlassend. Aber zwischendurch halte ich an und punktiere wechselnde Horizonte, markante Merkmale – Knicke, Sprünge und Zacken – übereinander auf eine transparente Folie vor der Windschutzscheibe. Der Horizont wird eingeholt, zurückgeführt, auf einen vermeintlichen Augenpunkt, welcher sich kaum fixieren noch verorten lässt. 
    Es ist der Versuch, ›etwas‹ exakt zu übertragen. Und Punkt für Punkt kann ich meinem Blick eine nahezu pünktliche Entsprechung geben, hier, da und dort. Dazwischen sind Zwischenräume, Intervalle, welche jetzt vom Auge in kontinuierlicher Bewegung ununterbrochen gesehen werden. Auf einer punktierten Linie, die mithin keine Linie, aber ein Gefüge von Einzelheiten ist, bleibt diese Bewegung stetig, stets nachvollziehbar. Pause.

in:

Katharina Hinsberg: Katharina Hinsberg [Höhenlinien], in: Zeitgenössische Annäherungen. Alb hoch drei, hg. von Städtisches Kunstmuseum Spendhaus, Ausst. Kat Städtisches Kunstmuseum Spendhaus, Reutlingen 2006, S. 12–17.

Unter dem Titel Linie, gelände in: 
Katharina Hinsberg: Linien, gelände, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 165–168.