Interview. Fragen an Monika Grzymala und Katharina Hinsberg

Petra Oelschlägel

PO: Was reizt Dich an der Arbeit der anderen?
    KH: Monikas ›Zugriff‹ auf den Raum ist direkt, kräftig, physisch, körperlich. Ihre Arbeiten besetzen Räume oft unmittelbar, sie ringen und spielen damit, sie Zeichnen und spiegeln ihn. 
    Die Klebestreifen, mit denen Monika arbeitet, sind klebende Linien. Mich interessiert – und darin gleichen wir uns vielleicht, bei aller Unterschiedlichkeit – wie Monika, mit den Erfahrungen und Eigenschaften ihres Materials denkt und arbeitet. Materialwissen, das sich über die Jahre aus den Prozessen entwickelt hat: Ihre Linien haften auf anderen Oberflächen wie auf sich selbst, sie lassen sich reißen, werden geknüllt, gedoppelt oder gebündelt zu Schlaufen, Strichen, Überlagerungen. Sie bilden große Schraffuren, Körper, Knoten, Nester, kräftige Wirbel, die sich im Dichterwerden gegenseitig stabilisieren. Es gibt Kletterpflanzen (Hopfen, Kudzu?) die sich vom Boden aus, ohne Gerüst, zu Bündeln zusammen zwirnen, um sich gegenseitig zu Stützen. Vielleicht fällt wir das jetzt ein, weil es um ein Wissen geht, welches im Umgang mit einem Material so wächst, dass es aus dem Material denkt. Das empfinde ich bei Monika sehr stark.
    MG: In Katharinas Arbeit finde ich die spielerische Leichtigkeit, Unmittelbarkeit der Linie und die Einfachheit der Materialien spannend. Weil die Linie freigestellt ist, hat diese jeweils einen eigenen energetischen Zustand inne, sie beschreibt sozusagen eine eigene Welt. 
Die freigestellte Zeichnung stellt sich den Betrachtenden entgegen und wird zur Begegnung zwischen Zeichnung und Mensch. 
    Katharina und ich, wir beide arbeiten ähnlich und doch unterschiedlich. Auch kannten wir uns schon vorher, jedoch noch nicht so gut. Thomas Köllhofer hat uns dann Anfang 2023 zur Ausstellung an der Kunsthalle Mannheim eingeladen und war der Antrieb, dass Katharina und ich uns im Hinblick auf die Ausstellung nun fokussierter und expliziter mit der Arbeit der anderen auseinandersetzen.

PO: Wie unterscheidet Ihr Euch in Eurer Sicht und Bearbeitung von Raum?
Beschreibe mir bitte kurz, was Raum für Dich bedeutet.
    KH: Raum ist zunächst eine Erfahrung, die von mir ausgeht. Raum ist eine aktive Bezugnahme, während ich mich durch einen Raum bewege, oder ihn in seine Bedingungen wahrnehme und ermesse, durch die Dinge die sich mir oder meinem Blick entgegenstellen. Die Vorstellung eines Raumes und seiner Dimension entsteht indem ich ihn, in seinen Grenzen, durchmesse, in meinem Tempo, meinen Schritten, oder mit den Blicken, die ich punktuell an etwas festmachen kann, einem Fleck an der Wand, eine Glühbirne an der Decke, durch einen Baum an einem Feld, durch die Sterne, einen Vogel, der über mir fliegt. Vorstellungen eines Raumes entstehen in Konstellationen, deren Teil ich bin. Raum ist entsprechend immer ein Zwischenraum. 
    Er wird durch einzelne Setzungen wahrnehmbar, in dem ich mich (oder meinen Blick) darin bewege, damit ändern sich die Bezugnahmen und die Konstellation der Dinge zueinander. 
    Meine Arbeiten sind manchmal oft nur kleine punktuelle Setzungen, welche den Raum anders wahrnehmbar machen. Oft entwickle ich in Bezug auf einen bestimmten gegebenen Raum ein Konzept, dass sich vor Ort dann konkretisiert.
    Monika, so stelle ich mir das jedenfalls vor, kommt mit ihrem Material und arbeitet, physisch präsent und ganz gegenwärtig, unmittelbar in den Raum hinein.
    MG: Mein Eindruck ist, dass bei Katharina die Entwicklung der Installation und Bearbeitung von Raum vorher auf konzeptueller Ebene und im Modell stattfindet. Ihre Arbeiten können von anderen Personen aufgebaut werden und werden daher von Anfang an ganz anders geplant. 
    Bei mir fängt eine Raumzeichnung mit einer Idee oder Intuition an und der Rest entwickelt sich auch mal spontan im Prozess. Ich erschließe mir den Raum, indem ich in ihm arbeite und mit ihm interagiere, alles passiert direkt im Prozess der Entstehung, ohne Korrekturen. Die meisten Installationen baue ich selbst und ohne Assistenten auf. Den Raum nehme ich dabei mit meinem ganzen Körper wahr und verwebe ihn mit meiner Zeichnung, und mit allen Gedanken, die mir unterwegs in den Sinn kommen. Man könnte auch sagen, in diesem Prozess denke ich mit dem ganzen Körper.

PO: Wäre eine Zusammenarbeit, in der Außenstehende nicht erkennen können, welcher Anteil von wem ist, für Dich ungut oder eher faszinierend?
    KH: Die Zusammenarbeit mit Monika ist faszinierend. Sie ist aber auch gewachsen mit den zwei Heften an denen wir, im gegenseitigen Hin-und-Her, gearbeitet haben: Wir haben uns gegenseitig versichert, mit den Zeichnungen der jeweils anderen nicht rücksichtsvoll sein zu müssen, sondern Setzungen auch stören, zerschneiden, überzeichnen, knicken und ändern zu können. Mit dem Wissen darum, bekamen die eigene Zeichnung auch etwas Leichtes, Vorläufiges und der Austausch der Hefte wurde eine Art von Spiel, voller Neugier, welche Wendung die eigene Formulierung durch die andere bekommen hat. 
    Wir sind beide erfahrene Spurenleserinnen. Und in Antworten von Monika fand ich manchmal Witz und Pointen, die meine Vorstellungen oder gehegte Vorlieben plötzlich durchquerten. In diesen Öffnungen erkenne ich manchmal auch meine Beschränktheit und das ist auch gut. 
    Auch in der Vorbereitung der Ausstellung, bei der wir zunächst von eher getrennten Räumen ausgingen, entstand in den letzten Monaten eine Freude, wenn Dinge unmittelbarer aufeinandertreffen, sodass sie sich überschneiden, durchdringen oder gegenüberstehen. Vielleicht ist genau das für Außenstehende besonders: in der Ausstellung Arbeiten zu sehen in denen wir uns zugleich sehr nahe sind und dennoch klar unterscheiden. 
    MG: In den letzten Monaten ist aus der künstlerischen Begegnung mit Katharina ein organischer Prozess, eine Art Spielfeld für uns als Zeichnerinnen geworden. Wir haben gemeinsam Zeichnungshefte angefangen, die in der Ausstellung im Mittelpunkt stehen werden. In den Heften begegnen wir uns ohne Furcht und mit aller Unmittelbarkeit, die das Medium Zeichnung bietet. In diesen Heften kann man mitunter nicht mehr unterscheiden, welche Geste von welcher Hand rührt und das ist gut so. Bisher ist das eine der wertvollsten Erfahrungen in meiner künstlerischen Arbeit und ich bin dankbar für die Spielfreude, Aufrichtigkeit und Offenheit, mit der Katharina und ich uns begegnen, ganz ohne Rivalität oder Konkurrenz.

PO: Hast Du Dir Gedanken darüber gemacht, wie Deine Galerien eine Kooperation, in der die einzelne Handschrift nicht eindeutig zuzuordnen ist, kommentieren würden? Riskiert Ihr damit Eure jeweilige ›Marke‹?
    KH: Meine künstlerischen Arbeiten entstehen immer auch aus einer gewissen Durchlässigkeit, die ich durch Öffnungen und Bezugnahmen – tatsächlich und im übertragenen Sinne – weiterentwickle. Oft sind es konkrete Räume oder Situationen, auf die sich künstlerische Projekte zuschreiben. Jetzt mit einer Künstlerin wie Monika zusammenzuarbeiten ist ein seltenes Vergnügen. Ich glaube, eine künstlerische Arbeit gewinnt von der Öffnung gegenüber Irritationen, Querungen und Reflektion durch andere (wenn man sich schätzt).
    MG: Da wir ähnlich und doch sehr unterschiedlich an das Zeichnen herangehen, sehe ich da keinen Konflikt. Was meine Galerien dazu sagen würden, finde ich eher zweitrangig. Ich denke keine von uns riskiert damit ihre eigenen ›Marke‹, weil wir beide gestandene Künstlerinnen sind.

PO: Die Linie ist bei Monika zumeist sichtbar (Klebeband, Positiv im gschöpften Blatt…) und bei Katharina häufig als Negativraum erlebbar. Ist sie für Euch etwas fundamental unterschiedliches? Wie würdest Du selber die Linie für Dich betrachten? (Definieren möchte ich an dieser Stelle extra nicht sagen.)
    KH: Ich glaube eine wesentliche Linie ist für mich der Schnitt als transformatives zeichnerisches Element. Ein Schnitt, etwa durch eine Bildfläche, ändert diese grundlegend: Die Einheit eines Bildes zerfällt. Es entstehen Löcher im Blatt, die Bestandteile des Bildes entzweien sich, einzelne Elemente werden herausgelöst, freigestellt, ausgeschnitten oder ganz getilgt. Lesbaren Spuren der Hand gehen verloren und werden in Frage gestellt. Zugleich wird das Papier durch den Schnitt zum Körper, dessen Löcher sich, durch Drehung des Blatts, von zwei Seiten sehen lassen. Und dann ist der Schnitt immer auch ein Rand, eine Kante zu einer wesenhaften Andersheit. Es entsteht z.B. ein Gitter oder eine durchlässiges Netz, durch das ich ein Dahinter wahrnehme, durch das Werk in Rändern gefasst …
    MG: Auch da wieder sehe ich Ähnlichkeiten und Unterschiede nebeneinander, die nicht um etwas ringen oder miteinander konkurrieren.
    Aus meiner Sicht ist die Linie wie eine Sprache zu betrachten, sie artikuliert Daseinszustände und Energien, folgt eigenen Zeitigkeiten, Rhythmen und Geschwindigkeiten. Die Linie entsteht und vergeht, aus ganz wenig wird ganz viel und umgekehrt.

PO: Hast Du Dir schon mal gewünscht, die Idee der anderen Künstlerin gehabt zu haben?
    KH: Nein, aber Monikas Arbeiten fand ich immer schon beeindruckend. Ich sehe, dass wir oft ganz ähnliche Aspekte der Zeichnung in den Blick nehmen, aber dabei ganz unterschiedlich vorgehen. Bei ihren Hand-Scans etwa [korrekten Titel müsste man ggfs. hier noch ergänzen], bei denen sie ihre Finger langsam über den Scanner bewegt, empfinde ich eine erstaunliche Nähe zu meinen Fingerzeichnungen, bei denen ich mit präparierten Fingerkuppen über die Wand zeichne. Es gibt die Papierreliefs, die ganz anders entstehen, die aber eine Ähnlichkeit mit meinen ausgefrästen Handlinien aufweisen.
    MG: Nein, in diesen Kategorien denke ich nicht. In den gemeinsamen Zeichnungsheften mit Katharina war ich vor allem gespannt auf das, was Neues entstanden ist. Wenn eines der Hefte dann endlich mit der Post ankam, und neue Seiten offenbarte, war es eine Freude, ich überrascht und berührt von dieser non-verbalen Art der Kommunikation zwischen Katharina und mir.

PO: Ihr seid beide absolute Profis und geübt, große Installationen zu planen und zu realisieren. Dabei scheut Ihr keine Mühen und verausgabt Euch und evtl. Mitarbeitende auch schon einmal. Ist der Wunsch, eine Idee zu realisieren, so groß, dass Du Dich eher übernimmst (zeitlich, gesundheitlich, wirtschaftlich…) oder bist Du inzwischen eher Realistin und passt Deine Vision den Gegebenheiten an?
    KH: Gegebenheiten sind in irgendeiner Form immer auch Einschänkungen: räumlich, finanziell, situativ oder zeitlich. Manchmal sind es aber gerade die Maßgaben und Gegebenheiten, die produktiv werden. Dabei ist Zeit meist die größte Herausforderung, Zeit und Geduld brauchen meine Arbeiten manchmal maßlos, meist meine eigene, aber manchmal auch die von Mitarbeitenden. 
    MG: Im Umgang mit mir selbst und anderen im Vorfeld einer Ausstellung habe ich gelernt, voll und ganz auf den organischen Prozess zu vertrauen, dann muss man sich nicht übernehmen oder verkämpfen, sondern geht eben mit dem ›Flow‹. Das war schon immer so. In meiner Arbeit geht es nicht darum, einen Raum zu füllen mit möglichst vielen Linien. Es geht vielmehr darum, den Raum zu transformieren und darin zum Ausdruck zu bringen, was mir in dieser Zeit an diesem Ort als Gedankengeflecht angemessen erscheint.

PO: Wenn Du ein DIN A 4 Blatt weißes Kopierpapier hättest und solltest eine Linie sichtbar machen, was würdest Du machen?
    KH: Auf einem weißen Kopierpapier würde ich wohl am ehesten Schreiben. Wenn es nur eine Linie sein darf, vielleicht mit einer verbundenen Handschrift …
    MG: Falten.

in:

Petra Oelschlägel: Interview Petra Oelschlägel mit Monika Grzymala und Katharina Hinsberg, in: Zwischen einer Linie. Monika Grzymala. Katharina Hinsberg, hg. von Johan Holten, Ausst. Kat. Kunsthalle Mannheim, Berlin/Bielefeld 2024, S. 128–135.