Berühmter als jedes andere Kunstwerk der Antike war – Plinius zufolge – ein Gemälde, das »nichts anderes als kaum sichtbare Linien« zeigte. Drei Linien in höchster Feinheit hatten Apelles und Protogenes, im Wettstreit einander überbietend und einer die Linie des anderen überzeichnend auf einer ansonsten leeren Tafel hinterlassen.
Eine Linie ziehend, diese Linie wiederholend, die wiederholte Linie wiederholend – diesem Verfahren 954- bzw. 926-mal folgend sind Katharina Hinsbergs Würfel nulla dies sine linea (2001) entstanden. Den Anfang bildete dabei eine erste, geometrische Linie, die mit dem Lineal in der Mitte des Zeichenpapiers ausgeführt wurde: nüchtern, sachlich, technisch, wie der lsograf, mit dem die Linie gezogen wurde. Ein Stocken der Hand, ein Atemholen, eine Verhaltenheit verlangsamen und verwandeln in der Folge den wiederholenden Strich. Blatt für Blatt wird die je vorangegangene Linie auf dem Leuchttisch freihändig durchgepaust und kopiert, bis nach 953 beziehungsweise 925 Durchgängen auf dem obersten Blatt eine seismografisch anmutende Linie sichtbar wird. 953 bzw. 925 Durchgänge waren notwendig, damit aus dem ersten quadratischen Blatt jeweils ein Würfel mit 21 x 21 x 21 cm Kantenlänge wurde. Auch auf den Seitenflächen der beiden Würfel zeichnen sich individuelle Linienverläufe ab, als Summe der Berührungspunkte des Blatt für Blatt je neu an- und abgesetzten Zeichenstiftes.
Wer andere Arbeiten von Katharina Hinsberg kennt, merkt bald, dass das Objekt ›Würfel‹ bzw. der Eindruck einer minimalistischen Skulptur nicht vom Ende (telos) eines zeichnerisch vorbereiteten und dann plastisch realisierten Entwurfs, sondern vom Anfang her (arche), das heißt, ursprünglich differenziell entwickelt ist: von jener ersten Linie ausgehend, die eine erste Teilung des Blattes und zugleich eine erste Mitteilung als Zeichnung ist.
Jenseits ihrer akademisch dienenden Funktion gewinnt die Zeichnung darin ihren grundlegenden, in der Kunsttheorie mit dem Begriff des ›disegno‹ nobilitierten Charakter zurück, der jedoch entidealisiert und prozessualisiert, das heißt in ein Handlungskonzept ›Zeichnung‹ überführt ist.
Es sind zwei Merkmale, die nulla dies sine linea mit anderen, weniger plastisch denn installativ realisierten Werkgruppen verbinden: die Wiederholung der Linie und die Schichtung des Papiers. So wird in der Serie Diaspern (2004) die zeichnerische Geste eines Blattes 1 wiederholt, indem die Grafitspur hier und zugleich auf dem darunter liegenden Blatt 0 mit dem Skalpell umfahren und also im Doppelschnitt aus beiden Blättern herausgelöst wird. Die nun allein mit Schnitten durchzeichneten Blätter werden einzeln vor einer Wand gezeigt, erscheinen durch den leichten Abstand zu ihr jedoch wieder doppelschichtig und sind insofern installativ aufgefasst. Zeichnung und Wand, Werk und Ort treffen raumbildend zusammen, so wie in den Würfeln nulla dies sine linea die Zeichnung erst durch die Schichtung des Papiers als Objekt und die Linie als Bewegung im Raum gesehen wird: hier wie dort mit dem Ergebnis, dass die Zeichnung im Zwischenraum zwischen den Papierlagen und im Zeitraum der Repetitionen ereignishaft wird. Als bildnerisches Ereignis erscheint die Geschichte einer einzigen Linie, die zwischen dem geschichteten Papier und durch die verändernde Kraft der Wiederholung Blatt für Blatt ausformuliert wird.
Die Kunsthistoriker mögen darüber streiten, ob im Gleichnis von Apelles und Protogenes von der Linie als Umriss und Kontur oder tatsächlich von einem Gemälde mit drei feinen, ungegenständlichen Linien die Rede ist. Für Katharina Hinsbergs Auffassung der Zeichnung jedenfalls gilt, was sie selbst in einer Notiz festhält: »Apelles' Zitat – nulla dies sine linea / kein Tag ohne Linie – darf sicher als Motto für ein tägliches Zeichnen verstanden werden. Mir gefiele aber auch, das Zitat auf Eigenschaften der Linie zu beziehen, welche begrenzend, zählend oder erzählend Tag für Tag erzeugt und verzeichnet«, was jenseits ihrer Wiederholung unsichtbar ist.
in:
Martina Dobbe: Katharina Hinsberg, in: Gegen den Strich. Neue Formen der Zeichnung, hg. von Markus Heinzelmann und Matthias Winzen, Ausst. Kat. Staatliche Kunsthalle Baden–Baden, Nürnberg 2004, S. 84–89.
Martina Dobbe: Katharina Hinsberg, in: Gegen den Strich. Neue Formen der Zeichnung, hg. von Markus Heinzelmann und Matthias Winzen, Ausst. Kat. Staatliche Kunsthalle Baden–Baden, Nürnberg 2004, S. 84–89.