Katharina Hinsberg

Reinhard Ermen

Linien sind seltsame Wesen. Gezeichnet, als Teil eines Zusammenhangs bemerkt man sie vielleicht gar nicht oder nimmt sie lediglich als selbstverständlichen Teil eines größeren Ganzen zu Kenntnis. Werden sie indessen radiert oder ausgeschnitten, sind sie plötzlich so präsent, als würde man sie einzeln in die Hand nehmen. Vielleicht ist so eine Präsenz durch ständiges abwägendes Umkreisen, bis zur Auslöschung, ein Erkennungsmerkmal der Arbeit von Katharina Hinsberg. Zum Beispiel in Diaspern, einer Serie, die sie seit einigen Jahren beschäftigt. Eine Zeichnung wird durchaus spontan zu Papier gebracht, meist in fließenden abwärts fallenden Ranken, die durch ihre Unmittelbarkeit schon Zeichnung genug sind. In einem langwierigen Arbeitsprozess wird das zuweilen dichte Liniengewirr mit dem Skalpell eliminiert, das heißt: Die Bleistiftstriche werden, sorgsam ausgeschnitten, zu Hohlformen. Der große Rest, einschließlich zahlloser zarter Brücken hält die durchbrochene Arbeit. Figur und Grund sind partiell neu zu definieren. Das Herausnehmen oder Freilegen mag man sich dabei vorstellen als eine Mischung aus handwerklicher Sorgfalt bis hin zum stupiden Fleiß und einer hochkonzentrierten Meditationsübung. Es geschieht auch so etwas wie ein medialer Transport der Zeichnung in eine andere Seinsweise. Die Schnitte werden gleichzeitig auf ein darunter liegendes, gleichgroßes Blatt übertragen, das so durch die Schnittspuren gezeichnet ist, ohne die erste Spur der Zeichnung je gesehen zu haben. Die beiden, nahezu ähnlichen Blätter bilden zusammen einen Diptychon, eine Einheit durch die gleichzeitige Anwesenheit von zwei Zuständen eines Bildgewinnungsprozesses, der nur aus der Perspektive des ersten Blattes eine Dekonstruktion gewesen ist. Und wenn man genau hinsieht, dann ist zu bemerken, dass das erste, das zuoberst liegende Blatt noch Spurenelemente der ursprünglichen Zeichnung trägt oder Blessuren der intensiven Arbeit. Das zweite Blatt ist im übertragenen Sinne der mechanische Schatten des ersten. »Zeichnung und ihr Schnitt«, sagt Herbert Köhler, »Dessin und Silhouette, vielleicht auch Ein-druck und Aus-schnitt, haben so ihre Konkurrenz bereinigt.«

In ihren Découpagen ist Hinsberg in den Jahren 1996/97 genau umgekehrt verfahren. Die eigentliche Zeichnung (in der Regel handtellergroß) wurde vom Blatt befreit und als ein höchst empfindliches Geschöpf auf einer Insektennadel an der Wand freigesetzt; in großräumigen Installationen als ein wirkungsmächtiger Aufmarsch zarter Kreaturen. Der Schatten auf der Wand könnte bereits auf das spätere Verfahren mit dem Übertrag verweisen, ist aber im Augenblick nicht mehr als ein Echo der Konkretion. Das Ausschneiden erscheint als ein Freisetzen und ist gleichzeitig eine Strategie, sich in den Raum zu begeben. Etwas pathetisch gesagt: Hinsberg befreit die Linie aus dem Gefängnis des Blattes und macht aus ihr ein selbstständiges Wesen, das nur noch durch eine Minimalkonstruktion im Raum gehalten werden muss. Rote Linien treten etwa als geometrische Universalform auf oder als diagonal gestutzte Gesten, deren Gitter durch die Reste von Stegen gehalten werden (Strichgitter). Hinsberg schneidet aber auch Din A 4 Blätter zu schmalen Streifen, die in sanften Kaskaden von der Decke fallen, wie ein immerwährender, linearer Regen, der ganze Raumkuben mit seinen Farben erfüllen kann. Die Befreiung der Linie kann noch weiter gehen. Binnen hieß eine temporäre Installation 2008 in der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. »Aus der Höhe des Raumes fallen 10.000 leichte Rote Streifen aus Papier: binnen 100 Tagen, täglich 100 Minuten, jeder ist 100 x 1 Zentimeter groß.« Und auch das Markieren durch Auslöschen hat mittlerweile eine neue Spielart gefunden. In großen Wandarbeiten im Folkwang Museum (»Zeichnung als Prozess«) oder im Kunstmuseum Stuttgart werden Linien, die zuvor auf einem großen Karton entworfen wurden durch gebohrte Punkte markiert. Graziös, leicht und tiefsinnig zugleich, wie alles bei dieser Zeichnerin, die das Nachdenken über ihre Arbeit konzeptionell erfasst und zur Strategie ihres künstlerischen Handelns macht.

»nulla dies sine linea« lautet ein Motto, das Plinius d.Ä. dem antiken Maler Apelles in den Mund gelegt hat. Bei Katharina Hinsberg wird dieser Sinnspruch des tagtäglichen Zeichnens seit 1999 mit neuem Sinn erfüllt. Das Blatt muss kein Gefängnis sein, es bildet hier einen eigenen Raum; das Prinzip der Übertragung tritt auf in einer neuen, originären Spielart. Hinsberg zieht eine (gerade) Linie über ein Blatt, legt ein weiteres darüber und schreibt die durchscheinende Linie exakt durch. Das könnte eine optischen Variante der »Stillen Post« sein: In zahllosen Übertragungen und den dazugehörigen winzigen Abweichungen verselbstständigt sich die Linie als Kopie ihrer selbst und wandert über die sich summierenden Blätter, bis der Stapel so hoch ist wie das (quadratische) Blatt breit. Am Rand, am Papierblock hat sich eine Fieberkurve, wie ein Art Protokoll der Wanderungsbewegung, gebildet. Der sich selbst reflektierende Prozess hat die Zeichnung zu einer Skulptur der anderen Art werden lassen; die Linie ist wieder im Raum.

in:

Reinhard Ermen: Zeichnen zur Zeit III.Katharina Hinsberg, in: Kunstforum International, Bd. 200, 2010, S. 188–191.