Katharina Hinsberg

Stefan Gronert

Katharina Hinsbergs Schaffen ist überaus vielseitig und erweitert den engen Begriff des Zeichnens im Hinblick auf Scherenschnitte (Strichgitter), geradezu plastische Gebilde (Nulla dies sine linea) bis hin zu Rauminstallationen, die auf Papier-Konstellationen beruhen. Dabei versteht die Künstlerin Papier als konkrete Materialität, das nicht durch einen Rahmen ›einbalsamiert‹ vom Betrachter distanziert wird. 
    In diesem Sinne folgen in Diaspern, I und O (2006/2007) die Schnitte im Papier den vorgegebenen Linien, tilgen die Zeichnung, indem sie diese durch eine plastische Leerstelle ersetzen. Zugleich ergibt sich eine Verschiebung zwischen den beiden Blättern: Während sich Negation und Kreation wechselseitig bedingen, ist die Wiederholung mehr als eine Kopie. 
    Ähnliche Aspekte, aber in gänzlich anderer Form, werden in der 932-teiligen Arbeit Nulla dies sine linea # 3 (Kein Tag ohne Linie # 3) von 2001 thematisch. Hinsberg hat ihre Vorgehensweise wie folgt beschrieben: »Die erste Linie, auf dem untersten Blatt mit Lineal gezogen, halbiert das Blatt genau. Auf einem darüber gelegten, zweiten Blatt wurde die durchscheinende erste Linie von Hand so akkurat wie möglich nachgezeichnet. Dieses Verfahren wurde hierauf Blatt für Blatt wiederholt. Die erste Linie kopiert mithin sich selber, wiederholt und teilt ihren durchscheinenden Schatten, wobei sich die geringen Abweichungen von Mal zu Mal summieren.«
    Die Schichtung verdeckt den prozessualen Lauf der Linie, der sich an den Seiten der Papierskulptur manifestiert. Neben der selbstreflexiven Beobachtung der Hand am quasi-wissenschaftlichen Ausschlag der Linie kann der Papierkubus auch als eine Reaktualisierung von Plinius’ Erzählung des Wettstreits von Protogenes und Apelles gesehen werden, wo es um den letztlich unmöglichen Versuch einer wiederholten Teilung der Linie geht, die aber als Spur einer Verschiebung zugleich ›Bild‹ wird. Mit reduzierten, aber ausdrucksstarken Mitteln untersucht Hinsberg grundlegende Kategorien wie Bezeichnung, Bedeutung, Raum, Handlung, Zeit oder Zufall – vieles, das über die Zeichnung, ja die Kunst hinausgeht.

in:

Stefan Gronert: Katharina Hinsberg, in: Linie Line Linea. Contemporary Drawing, hg. von Elke aus dem Moore, Ausst. Kat. Institut für Auslandsbeziehungen, Köln 2010, S. 58–63.