Katharina Hinsberg arbeitet im Medium des Papierschnitts. Ihre Arbeit gleicht der einer Zeichnerin, die jedoch nicht auf der Fläche, sondern in der Fläche ihre Linien zieht. Mit »Regelmaß und Pensum«(1), wie sie es selbst nennt, und fern von jedem spontan-gestischen Ausdruck trennt sie die Linie von ihrem Trägergrund und prüft, was sie sein kann: »Ufer, Schnitt, Umriss, oder Markierung«(2), in jedem Fall eine »Grenze«(3), die nicht mehr auf dem Papier verläuft, sondern im Raum, dadurch ein Vorne und Hinten hat und zum Körper wird. In ihrem Strichgitter hat Katharina Hinsberg vertikale rote Linien so aus der Fläche gelöst, dass diagonale Stege zwischen den heraus getrennten Leerstellen stehen bleiben. Das Ergebnis ist ein offenes Gitter von fast textiler Qualität.
Ihrer Arbeit X x A4 liegt ein Konzept zugrunde, das sie bereits mehrmals umgesetzt hat,(4) welches aber je nach der räumlichen Situation und durch das Papierschneiden von Hand zu unterschiedlichen Resultaten führt. In X x A4 schneidet sie Farbflächen der Größe DIN A4 zu langen, zusammenhängenden Streifen und befestigt sie so an die Decke, dass sie in Überlänge auf den Boden fallen. Das Ergebnis ist ein umgehbarer Farbraum aus vertikalen Papierbändern, der die gesamte Höhe des Raumes durchmisst und sich auf dem Boden horizontal farblich verdichtet. Einzelne Linien sind als solche kaum mehr zu unterscheiden, ihr Eindruck löst sich im Volumen des gesamten Installationskörpers auf. Was Katharina Hinsberg an dieser Arbeit jedoch vor allem interessiert, ist die »Transformation einer Fläche per Schnitt in ein räumliches Gebilde«(5). Tatsächlich entspricht die Flächensumme der verwendeten DIN A4-Blätter stets dem Bodenmaß der Installation. Der Unmöglichkeit der Zeichnung, mit Linien Flächen herzustellen – es sei denn über den Umriss oder die Schraffur – ,(6) begegnet sie mit dem Schnitt und schafft durch ihn visuelle Felder, die letztlich auch auf Farbfelder der Malerei rekurrieren. X x A4 realisierte Katharina Hinsberg zunächst im Farbton »Feldmohnrot« (# 506) des Papiersortiments »Canson Mi-Teintes«, der ihr als Sinnbild für Farbe schlechthin erschien, wechselte dann, einer konzeptuellen Vorgehensweise folgend, auf das gesamte Farbspektrum dieses Zeichenpapiers und wählte nun für die Arbeit in der Hamburger Kunsthalle aus der vorhergehenden Skala wiederum nur einen einzigen Farbton aus, das »Rotorange« (# 453). Fragen nach »Farbe, Fläche und Raum, nach Oberflächen und deren Durchlässigkeit, nach Figur und Umgebung – also Fragen nach Fragen des Bildes«(7) werden hier gestellt und ermöglichen es, den Zeichnungsbegriff erweitert zu sehen und zu erleben.
1 Hinsberg zitiert nach Diehl 1999, S. 8.
2 Gespräch mit Katharina Hinsberg. Vgl. Hinsberg 2002, S. 147.
3 Ebd.
4 Vgl. Kunstverein Wilhelmshöhe, Ettlingen, 2002/04, Edith Wahlandt Galerie, Stuttgart, 2004, Museum Schloss Hardenberg, Velbert, 2002, Galerie Lelong, Zürich, 2007, und Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg, 2008.
5 E-Mail-Korrespondenz von Katharina Hinsberg und der Autorin über ihre Arbeit vom September 2010.
6 Vgl. Hinsberg 2006, S. 14.
7 E-Mail-Korrespondenz von Katharina Hinsberg und der Autorin vom September 2010.
in:
Henrike Mund: Katharina Hinsberg in: Cut, hg. von Christine Wetzlinger-Grundnig, Ausst. Kat. Kunsthalle Hamburg und Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt 2011, S. 38–41.
Henrike Mund: Katharina Hinsberg in: Cut. Scherenschnitte 1970-2010, hg. von Dr. Petra Roettig und Henrike Mund, Ausst. Kat. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2010, S. 48–51.
Henrike Mund: Katharina Hinsberg in: Cut, hg. von Christine Wetzlinger-Grundnig, Ausst. Kat. Kunsthalle Hamburg und Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt 2011, S. 38–41.
Henrike Mund: Katharina Hinsberg in: Cut. Scherenschnitte 1970-2010, hg. von Dr. Petra Roettig und Henrike Mund, Ausst. Kat. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2010, S. 48–51.