Katharina Hinsberg

Ernest W. Uthemann

Fragil, doch durchaus merklich leuchten rote Linien auf weißer Wand und jeder Schritt, der den Betrachter naher bringt, ändert deren Anmutung: Ein feines, weißes Gitter spannt sich unter und um das Gebilde. Später, ganz dicht davor, lost hier und da ein Schatten die Stringenz des Rasters auf und zeichnet Plastizität um beiderlei Linien.

Katharina Hinsberg (*1967) erweitert den gängigen Begriff der Zeichnung. Es geht nicht um traditionelles Abbilden oder Aufzeichnen, sondern um ein Austarieren der Moglichkeiten der Linie, die längst nicht mehr nur durch Stift oder Mine ihre Gestalt findet. Das Blatt als ursprünglicher Träger wird durch (Aus-)Schneiden und die so entstehenden neuen Kanten = Linien selbst zur
Zeichnung. Gleichwohl rückt die Materialqualität, ob fragil, fest, durchscheinend oder farbig, ins Zentrum der Betrachtung. Die Formen von Katharina Hinsbergs Zeichnungen folgen eher dem Klang des Stiftes, einem gewissen Rhythmus, als der visuellen Anordnung der Linien zueinander: »Zeichnen kann wie Regnen beginnen, manchmal mit dem Klopfen eines Stiftes auf Papier«(1) schreibt sie in einem ihrer zahlreichen Texte, mit denen sie ihr künstlerisches Tun begleitet und bildreich veranschaulicht. Konträr zur Flüchtigkeit des Zeichnens steht das hochkonzentrierte, präzise Ausschneiden, das mittels Schere oder Skalpell die Linien von ihrer starren, papiernen Einfassung befreit oder umgekehrt diese als Leerstellen markiert. Das tägliche Zeichnen
und Schneiden, das sich »weder beschleunigen noch in die Länge ziehen«(2) lässt, die Wiederholung, gilt der Künstlerin als wichtiges Maß in Ihrem Tagesablauf. Eine weitere Maßeinheit ihrer Arbeit bildet das Raster, seit der Renaissance als Hilfsmittel zur Übertragung vom Sichtbaren auf das zweidimensionale Blatt gebräuchlich, das Katharina Hinsberg sowohl in ihren Zeichnungen
auf Papier wie auch ihren Installationen/Zeichnungen im Raum als eigenständiges Element thematisiert.

So auch bei den beiden Erwerbungen des Saarlandmuseums, die zur Werkgruppe der Gitter/Linien zählen. Ausgehend von den Découpagen(3), fügen sich hier rote, vielfach zusammenhängende Linien zu zentrierten Gebilden, die vom Gitter wie in einem Netz aufgefangen werden. Die roten Striche, die beim Ausschneiden durchs Raster fallen, verwahrt Katharina Hinsberg, um sie vielleicht in einem neuen Zusammenhang in Erscheinung treten zu lassen.

 

1 Katharina Hinsberg: Die Annahmen der Linie, Textbuch, Edith Wahlandt Galerie, Stuttgart 2007.
2 Barbara Weidle „Interview mit Katharina Hinsberg“, in: Hors-Champ, Ausst. Kat. Museum Schloss Hardenberg, Bonn 2002.
3 Die „Découpagen“ entstanden Mitte der 1990er Jahre. Hierbei wurden handtellergroße Zeichnungen ausgeschnitten und mittels Nadeln wie Insekten an die Wand gepinnt.

in:

Ernest W. Uthemann: Katharina Hinsberg, in: 2000+. Neu im Saarlandmuseum, hg. von Kathrin Elvers-Švamberk, Ausst. Kat. Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken 2013, S. 58.