Katharina Hinsberg

Kathrin Elvers-Švamberk

Bevorzugter Werkstoff von Katharina Hinsberg (geb. 1967 in Karlsruhe) ist ›Papier‹, ihre maßgebliche Technik die ›Zeichnung‹. Das innovative Konzept ihrer Position liegt darin, dass sie die hergebrachten Vorstellungen beider Begriffe radikal erweitert, indem sie den Zusammenhang von Bildträger, Farbe, Lineament und Raum höchst erfindungsreich neu interpretiert.

Ihrem Wesen nach ist die Handzeichnung als unmittelbarerund genuiner Niederschlag einer künstlerischen Aktion zu begreifen. Hinsberg stellt sie zumeist an den Ausgangspunkt und ins Zentrum ihrer Arbeit. Zwar setzt sie im Sinne der Tradition voraus, dass das Agens der Zeichnung die ›Linie‹ sei. Deren Identität allerdings bereichert die Künstlerin in gleichermaßen poetischer wie anarchischer Weise mit immer wieder neuen Funktionen und Erscheinungsweisen – zumal, wenn ihre fragilen papierenen Setzungen, oftmals in monumentalem Maßstab, installativ auf eine bestimmte räumliche oder auch institutionelle Ausstellungssituation eingehen.

Ab 2010 entsteht die Werkreihe Gitter / Linien, aus der mehrere Arbeiten für die Grafische Sammlung des Saarlandmuseums erworben werden konnten. Ein lapidares, leuchtend rotes Strichgefüge erscheint hier als Resultat einer informellen, intuitiv-spontanen Geste. Die lebhafte Zeichnung ist dabei nicht einfach im landläufigen Sinne ›auf das Blatt geworfen‹, sondern vielmehr in einem erweiterten, hochoriginellen Sinne ›zu Papier‹ gebracht: Das grafische Liniengespinst ist entlang seiner Konturen freigestellt, ausgeschnitten aus einem weißen Bildträger, der seinerseits in ein zartes, empfindliches Raster von Papierstegen verwandelt wurde. Im Kontext dieses präzise geschnittenen Gitters wird die flüchtige Zeichnung in ganz neuer Weise zum Bild, gewinnt an Monumentalität, materieller Präsenz und Kostbarkeit. Das bewegliche papierene Gesamtgefüge, mit wenigen Nadeln am Präsentationsort befestigt, entfaltet vor der Wand ein subtiles, variantenreiches Schattenspiel.

Mit Zeichnungen dieser Art stellt Katharina Hinsberg nicht nur die herkömmliche Hierarchie zwischen Darstellung und Bildträger in Frage. Sie irritiert unsere Sehgewohnheiten auch insofern, als dass sie das ›Blatt‹ in neue, ingeniöse Relationen zur Wand und zum Raum setzt – noch auf den Luftzug am Ausstellungsort reagieren ihre feinnervigen und flexiblen Objekte zuweilen. Hinsbergs Linien in ihrer besonderen materiellen Realität machen erfahrbar, dass der Raum der Zeichnung stets in vitaler Relation zur (körperlichen wie gedanklichen) Wahrnehmung und Bewegung und zum eigenen räumlichen Bezugssystem – des einzelnen Betrachters wie des Publikums insgesamt – zu denken ist.

in:

Kathrin Elvers-Švamberk: Katharina Hinsberg, in: I love Women in Art, hg. von Janine Mackenroth und Bianca Kennedy, München 2020, S. 86–87.