Katharina Hinsberg

Franziska Wilmsen

Die Linie als Kern der Zeichnung und Papier als ihr klassischer Träger werden bei Katharina Hinsberg von jeglicher Bedeutung oder Intention befreit. Die Künstlerin unterwandert nicht nur tradierte Vorstellungen des Mediums, das seit der Renaissance auf Papier genuin Bildräume formt und organisiert, sondern platziert die Zeichnung am Kipppunkt zwischen zweidimensionaler Fläche und dreidimensionalem Raum. Anders ausgedrückt: Bei Hinsberg ereignet sich Zeichnung durch das Ausloten der Bedingungen von Material, Zeit und Raum. Eindrucksvoll beobachten lässt sich diese Praxis an Installationen wie etwa Spatien (2011), in der rote dünne Fäden von der Decke hinabhängen und sich am Boden zu undurchdringlichen Haufen auftürmen. In solchen Arrangements erlangt die Linie eine physische Präsenz im Raum. In anderen Arbeiten und insbesondere in Hinsbergs kleinformatigen Werkgruppen werfen ihre Zeichnungen Schatten oder weisen Negativ- oder Positivformen auf. Solche ›Effekte‹, die zwar nie erklärtes Ziel, aber Ergebnis des künstlerischen Arbeitens sind, kommen zustande, indem Hinsberg in das Papier schneidet, bohrt oder mit Finger und Stift zeichnet. Bei Lacunae hat die Künstlerin zunächst in roter Tusche vertikale Striche über das gesamte Blatt Papier gezogen, bevor sie mit dem Skalpell große Teile dieser Linien ausgeschnitten hat. Von solchen bleiben in unregelmäßigen Abständen rote Stege zurück, die nun das Weiß des Papiers in durchgehenden Horizontalen, so scheint es, unterteilen. Die neu entstandenen Linienmuster wurden durch das gezielte Ausstanzen der gezeichneten Geraden herbeigeführt. Hinsberg spricht von einem »Linienziehen im Kopf«, das durch das Messer nachvollzogen wird.

in:

Franziska Wilmsen: Katharina Hinsberg, in: Sammlung Kunsthaus NRW. A-Z Kunst in NRW 2000-2023, hg. von Marcel Schumacher, Kat. Slg. Kunsthaus NRW Berlin/Boston 2024, S. 176.