Katharina Hinsberg. Diskrete Stetigkeit. Wandgestaltung, 2011

Martin Seidel

Die Gebäude des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bilden ein heterogenes Ensemble. Der 2009 fertiggestellte Erweite rungsneubau entlang der Französischen Straße entstand nach Plänen des Berliner Architekturbüros Anderhalten. Das unmittelbare Nebeneinander von Alt- und Neubau ist funktional, repräsentativ und kontrastreich inszeniert. Die
Fluchtlinien und Traufhöhen des streng horizontal gegliederten sechsgeschossigen Neubaus folgen dem Blockraster der Berliner Friedrichstadt. Doch die auf der Längsseite dezent ein- und wieder ausschwingende Fassade, deren anthrazitfarbene Natursteinverkleidung und die ›weltoffene‹ Verglasung des Erdgeschosses setzen in der Umgebung und gegenüber dem Bestandsbau einen deutlichen Akzent. Auch das Innere des lang gestreckten Gebäudes ist markant, ganz
besonders das unregelmäßig geformte, alle Geschosse durchbrechende und seiner Enge wegen auch ›Canyon‹ genannte Atrium.
    Für die aus dem Bautitel finanzierte Kunst im Innern des Neubaus hatte man mehrere Standorte ausersehen: zum einen die Flurwände der Obergeschosse für Fotokunst, zum anderen im Erdgeschoss die das verglaste Atrium und den Konferenzbereich flankierenden Flurwände und optional den Konferenzbereich selbst. Hierfür wünschte man eine nicht näher festgelegte zweidimensionale flächige Gestaltung der Wande, die »die Struktur und die Funktion des Raumes berücksichtigen« (Auslobungstext) sollte. Eine thematische Auseinandersetzung mit den Aufgaben des Ministeriums war möglich, aber nicht gefordert.
    Katharina Hinsberg (Jahrgang 1967), die eine Professur für Zeichnen an der Hochschule für Künste Bremen innehatte und nun Professorin für »konzeptuelle Malerei« an der Hochschule der Künste Saar ist, entschied den Kunst-am-Bau-Wettbewerb zwischen sechs Künstlern mit einem gänzlich abstrakten Entwurf für sich.
    Ihre Arbeit, die die Flurwand und eine Wandflache im Übergangsbereich zur Cafeteria einbezieht, besteht aus unzähligen, meist vertikal orientierten Punktlinien, die manchmal auch quer verlaufen und sich überschneiden. Die niemals gleichen, eher krakelig tastenden als geschmeidigen Linien konstituieren sich aus eng zusammenliegenden Bohrlöchern, die zwischen 1,3 und 5 Millimeter stark und zwischen 2 und 10 Millimeter tief sind. Die Diversität des Verlaufs, der Stärke und der Helligkeit der Punkte und Linien verleiht der Wand trotz großer Zurückhaltung in den künstlerischen Mitteln eine höchst abwechslungsreiche Textur.
    Die scheinbar spontane und unmittelbare Bohrung in den Putz basiert auf konzeptuellen Vorarbeiten. Nach einer schon in anderen Arbeiten praktizierten Methode hatte Katharina Hinsberg Papierbahnen flächendeckend an die Wande geheftet und darauf nach Maßgabe der spezifischen räumlichen Situationen, der wechselnden Perspektiven und Sichtachsen mit Grafitstiften ihre linearen Setzungen vorgenommen. Die durch das Papier hindurch im Verhältnis eins zu eins umgesetzte Bohrung ist im Grunde eine dynamische, dabei reflexiv vermittelte Freihandzeichnung, wenn auch das Werkzeug kein Zeichenstift, sondern die Bohrmaschine, und der Bildtrager nicht Papier, sondern der Putz ist.
    Für eine statische ›Kunstbetrachtung‹ bietet der schmale Erdgeschossflur zwischen Foyer und Cafeteria des BMEL keine Gelegenheit. Er ist kein Ort des Aufenthalts, sondern Passage. Und in der Bewegung nimmt der Vorbeigehende Linien und Löcher wahr, die einen Schritt vorher noch nicht und einen Schritt später nicht mehr zu sehen sind. Die Konfigurationen der Gestaltung sind in
ständigem Fluss und formieren sich jeden Augenblick aufs Neue zu lebendigen sinnlichen Erscheinungen.
    Der Ort, das Ministerium in seiner Zuständigkeit für Ernährung und Landwirtschaft, fördert vermutlich die ein oder andere gegenständliche Assoziation: Kondensstreifen, schweifende Sternschnuppen, schlingernde Algen, windbewegtes Hochgewächs, Spuren von Holzwürmern, Zugvögel am Himmel – solche und andere Gedanken sind möglich, aber nie zwingend. Offenkundig ist die Arbeit mit dem treffend auf ihre Wahrnehmung und stille Präsenz bezogenen
Titel Diskrete Stetigkeit frei von Themen, die außerhalb der Kunst und ihrer sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmung liegen.
    Katharina Hinsberg, die seit Langem einen erweiterten experimentellen und in den Raum drängenden Begriff von Zeichnung vertritt, konzentriert sich auf die Gattung an sich und lotet deren Möglichkeiten in Bezug auf die Architektur aus. Wie sie Bildkunst und Baukunst poetisch verbindet und das Kunst-am-Bau-Ideal der Symbiose verwirklicht, ist absolut originell. So erstreckt sich die ›Wandzeichnung‹ im BMEL einerseits zweidimensional in die Fläche. Andererseits schreibt sie sich invasiv dem architektonischen Leib ein und versetzt die Architektur in Schwingung, ohne die eigentlich raumbildenden Strukturen substanziell anzutasten.
    Sensibilität und Subtilität umgeben und tragen das Werk im BMEL. Um zum Kunsterlebnis zu werden, bedarf es noch nicht einmal großer Aufmerksamkeit, genauen Hinsehens und der Reflexion. Die Arbeit erfordert, um eine Bemerkung von Walter Benjamin hinsichtlich der Wahrnehmung von Bauwerken aufzunehmen, weniger ein ›gespanntes Aufmerken‹ als ein ›beiläufiges Bemerken‹. Auch für Menschen, die mit Kunst wenig im Sinn haben, stellt die Arbeit deshalb in ihrer räumlichen Zurückhaltung einen Gewinn dar. Mit unterschiedlichen ästhetischen Ansprüchen und Erfordernissen fertig zu werden, ist eine nicht zu unterschätzende Kunst-am-Bau-Leistung. Katharina Hinsbergs Arbeit gehört auch darin zu den Glanzlichtern der neueren Kunst-am-Bau-Geschichte.
 

in:

Martin Seidel: Katharina Hinsberg. Diskrete Stetigkeit. Wandgestaltung, 2011, in: Kunst am Bau. Projekte des Bundes 2006-2013, hg. von Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin 2014, S. 82–85.