Katharina Hinsberg. Feldern (Farben)

Sabine Elsa Müller

Neue Wege der partizipatorischen Einbindung des Museumsbesuchers beschreitet die Kunstsammlung NRW seit 2010 mit dem »Labor«, einem in die Ausstellungsfläche integrierten Experimentierraum. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den hochkarätigen Meisterwerken der Moderne finden hier im halbjährlichen Wechsel Projekte zeitgenössischer Künstler statt. Biegt der Besucher nach der Begegnung mit Picassos Frau vor dem Spiegel in diesen Raum, verlässt er abrupt und unerwartet den Sammlungskontext und trifft auf eine Situation, die ihn zur Teilnahme auffordert. Der geschmeidige Wechsel von der kontemplativen Haltung zur aktiven Auseinandersetzung ist gefragt. 

Der nüchterne Raum bietet nicht mehr als eine Hülle, die sich allerdings als sehr wandlungsfähig erweist. Katharina Hinsberg (geb. 1967) verpasst dem fensterlosen Raum von etwa 20 Metern Länge, knapp 6 Metern Breite und 4,7 Metern Höhe ein Festtagsgewand. Vom Boden bis zur Decke sind die Wände mit fugenlos dicht an dicht gehängten Farbquadraten ausgekleidet. Die Installation Farben (Feldern) schwelgt in einer für Katharina Hinsberg, die vornehmlich mit dem Farbklang Weiß-Rot arbeitet, ungewöhnlich breiten Farbenspektrum. Der Besucher ist aufgefordert – mit einem langen Stock als Hilfsmittel – Blatt für Blatt nach eigenem Gutdünken zu entfernen und so in großen Dimensionen »mit leichter Hand zu malen«. 

Jeder dieser 2.670 Stapel aus 28 Schichten verschiedenfarbiger Seidenpapiere wurde nur mit zwei Nägeln an den oberen Ecken befestigt, so dass die hauchdünnen Lagen nicht nur leicht abzulösen sind, sondern auch auf jeden Luftzug reagieren und sich sehr reizvoll auf und ab bewegen. Die unteren Farben kommen kurz zum Vorschein und verschwinden wieder. Zusammen mit den abgelösten, sacht herunterschwebenden Blättern stellt sich eine permanente, fließende Bewegung ein, die sehr stark an die Natur und ihre gerade jetzt im Herbst rasch fortschreitenden Veränderungen erinnert. Unterstützt wird die Assoziation der Naturnähe von der schieren Fülle und Farbenvielfalt der fallenden Blätter. 

Um den Rückbau in eine geordnete Struktur zu bringen, darf wöchentlich immer nur eine einzige Farbschicht abgenommen werden. Sukzessive wird der Raum von den Besuchern in den neutralen und für neue Interventionen offen stehenden White Cube zurückversetzt und zeigt dabei mit jeder Farbkonstellation ein anderes Gesicht. Auf der Basis des Blatt-Rasters von 30,3 x 30,3 cm wird das Ineinandergreifen der sich stets verändernden Farb- und Raumwirkungen eindrücklich spürbar, aber nicht überschaubar. Die wandlungsfähige und trotz ihrer Vielschichtigkeit überhaupt nicht massiv wirkende Farb-Emanation gibt der Farbwirkung als sinnliche Erfahrung Raum. Jeder Farbwechsel verändert die Raumatmosphäre unmittelbar. Die Wahrnehmung öffnet sich der Komplexität ›selbst-verständlicher‹ Begriffe wie ›Farbe‹, ›Fläche‹ und ›Raum‹ über das strenge Raster eines abstrahierten Farbmusters. 

Katharina Hinsberg kommt von der Zeichnung. Bei ihr verbindet sich die Linie, der Strich, mit dem Schnitt und wandert dadurch aus der Zweidimensionalität in den Raum. Schon in den 90er Jahren experimentierte sie mit ausgeschnittenen Linienkürzeln, den sogenannten Découpagen, die sie als reliefhafte Zeichen vereinzelt an die Wand montiert. Die Notationen heben sich von der Wand ab, auf die sie ihre Schatten werfen und greifen in den Raum. Der Schnitt hebt die Linie aus der Planimetrie und übereignet sie dem Raum. Hinsberg übertrug diese Wechselbeziehung zwischen Zeichnung und Raum in zahlreichen Installationen auf die Untersuchung der Korrespondenzen zwischen Linie, Fläche und Raum. 2004 ging sie im Kunstraum Düsseldorf von den Raumflächen aus, die sie in Raumlinien überführte. In Lichtes Maß II entsprach ein auf den Boden gelegtes, quadratisches Blatt Papier in Länge und Breite der Höhe des Raumes. Das Blatt wurde in einen einzigen durchgehenden Streifen geschnitten, mit dem sie, von einer Ecke ausgehend, rechtwinklige Kuben im Raum umfasste, eben ein ›lichtes Maß‹. Schon hier ging es um Felder im Sinne eines vorformulierten Sehfelds als offenes Angebot an den Betrachter. 

Umgekehrt wurden 2012 im Ulmer Kunstverein in Fluren (Die Teile und das Ganze) die Dimensionen des Fußbodens in Felder unterteilt und als Raumteiler in die Vertikale gehoben. Der gesamte Fußboden des Kunstvereins wurde alternierend mit roten und weißen Streifen aus zusammengeklebtem Seidenpapier ausgelegt. Der solchermaßen aus Papier nachgebildete Grundriss wurde daraufhin zerschnitten und als vom Luftzug leise bewegte Papierfahnen in denselben Raum gehängt. Das Grundmaß des Raumes findet sich in eine leuchtend farbige und in ihrer Transparenz vom Licht erfüllte Raumordnung übersetzt. Ebenso spielt das Zeitkontinuum, die Logik aufeinander bezogener Prozesse in ihrer sich bedingenden Abhängigkeit, schon in diesen älteren Arbeiten eine wichtige Rolle. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Beides ist untrennbar miteinander verbunden.

Im »Labor« verwendet Katharina Hinsberg nicht zum ersten Mal die vollständige Farbpalette des zur Verfügung stehenden Sortiments; ähnlich vielfarbig ging sie bereits bei einer Installation im Kunstraum Alexander Bürkle in Freiburg (2008) oder im Museum Ritter in Waldenbuch (2014) vor. In Feldern (Farben) erreicht sie damit eine eindrucksvolle Komplexität von Farb- und Papierschichten, die sich nach und nach auflösen, deren letzte vereinzelte Reste aber immer noch davon erzählen. Am Schluss wird von den ursprünglich 74.760 Blättern nichts mehr zu sehen sein. Nur das regelmäßige Muster der Nägel an den Wänden wird zurückbleiben. Die abgenommenen Seidenpapiere wandern in die Museumspädagogik, wo sie weitere Verwendung finden. Auch dieses Weiterdenken der eigenen Arbeit in einen lebendigen Kreislauf gehört heute zu einem künstlerischen Konzept dazu. 

in:

Sabine Elsa Müller: Katharina Hinsberg. Feldern (Farben), in: Kunstforum International Bd. 230, 2014, S. 242–243.