Für die Kunst am Bau im Innern des Neubaus hatte das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zwei Standorte bestimmt: die Flurwände der Obergeschosse zwei bis fünf sowie als Standort im Erdgeschoss die Wand vor der Cafeteria am Ende des Flurs, den schmalen Flur selbst sowie optional den Konferenzbereich. Wegen der räumlichen Enge sahen die Auslobungsunterlagen des Wettbewerbs jeweils eine zweidimensionale flächige Gestaltung der Wände vor, die »die Struktur und die Funktion des Raumes berücksichtigen« sollte. Eine thematische Auseinandersetzung mit den Aufgaben des Ministeriums war möglich, aber nicht Bedingung.
Katharina Hinsberg, die eine Professur für Zeichnen an der Hochschule für Künste Bremen innehatte und nun Professorin für »konzeptuelle Malerei« an der Hochschule der Künste Saar ist, gewann den Kunst-am-Bau-Wettbewerb, zu dem sechs Künstler und Künstlerinnen eingeladen waren, mit dem Entwurf für eine abstrakte Gestaltung der etwa 19 Meter langen Flurwand und der 314 x 550 Zentimeter großen Wandfläche im Übergangsbereich zur Cafeteria. Die sich flächenfüllend ausbreitende Arbeit besteht aus tausenden eng zusammenliegenden Bohrlöcher.
Zwischen 1,3 und 5 Millimeter stark und 2 bis 10 Millimeter tief, bilden diese vertikal orientierte, manchmal auch quer verlaufende und sich überschneidende Punktlinien. Die Diversität der niemals gleichen Linien und der Helligkeit der Punkte verleihen der Wand eine lebhabfte Struktur – trotz der Zurückhaltung der künstlerischen Mittel.
Der scheinbar spontanen und unmittelbaren Bohrung in den Putz liegen konzeptuelle Vorarbeiten zugrunde. Nach einer auf einem Kopierverfahren der Renaissance basierenden Methode hatte Katharina Hinsberg Papierbahnen an die Wände geheftet und darauf nach Maßgabe der räumlichen Situation, der wechselnden Perspektiven und Sichtachsen mit Grafitstiften ihre linearen Setzungen vorgenommen. Die durch das Papier hindurch im Verhältnis 1:1 anschließend vorgenommene Bohrung ist genau genommen ein skulpturaler Akt einer zeichenhaften Setzung, bei der das Werkzeug kein Zeichenstift, sondern die Bohrmaschine, und der Bildträger nicht Papier, sondern die Wand ist.
Für eine klassische ›Kunstbetrachtung‹ aus unterschiedlichen Perspektiven und Abständen lässt die Enge des Flures zwischen Foyer und Cafeteria keinen Raum. Er ist kein Ort des Aufenthalts, sondern Passage. In der Bewegung nimmt der Vorbeigehende Linien und Löcher wahr, die einen Schritt vorher noch nicht und einen Schritt später so nicht mehr zu sehen sind. Dabei ergibt sich ungezwungen eine sinnfällige Beziehung zu den aufragegenden Pflanzen, die sich der schmalen Flurwand gegenüber in dem vitrinenartig verglasten Atrium vor dem Konferenzbereich befinden. Erst im Bereich der Stirnwand vor der Cafeteria am Ende des Flures öffnet sich die Arbeit einer ruhigeren Bildbetrachtung.
Katharina Hinsberg hat die Arbeit zunächst unter dem Titel Diskrete Stetigkeit vorgestellt, später als Perceiden. Das eine thematisiert eine abstrakte Präsenz der Kunst und »differenzierte Wahrnehmungen«, die die Künstlerin als »changierend, vexierend, stetig, diskret« beschrieb. Das andere bezeichnet einen Sternschnuppenschwarm. Letztlich geben die Bohrlinien keine bestimmte Lesart vor. Kondensstreifen, schlingernde Algen, windbewegtes Hochgewächs, Spuren von Holzwürmern, Zugvögel am Himmel – auch solche und andere Assoziationen, die das Ministerium in seiner Zuständigkeit für Ernährung und Landwirtschaft befördert, sind möglich, wenn auch nicht zwingend.
Der tiefere Sinn dieser Kunst liegt wohl aber kaum darin, Figuren zu imaginieren und Bildinhalte, die im gegenständlich-beschreibenden Sinne gar nicht beabsichtigt und vorhanden sind, zu identifizieren. Das Thema der Arbeit ist eher die Kunst selbst beziehungsweise deren sinnliche und intellektuelle Wahrnehmung.
Katharina Hinsberg, die »konzeptuelle Malerei« lehrt, vertritt eine erweiterte, experimentelle, in den Raum drängende Auffassung von Zeichnung. Im Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium verbindet sie Bildkunst und Baukunst zu einer idealen Kunst-am-Bau-Symbiose. Dabei erstreckt sich die technisch und medial innovative ›Wandzeichnung‹ zweidimensional in die Fläche, während die Löcher sich direkt dem architektonischen Leib einschreiben und ihn ästhetisch auflösen, ohne die raumbildenden Strukturen tatsächlich anzutasten.
Die Zeichnung mit Bohrlöchern ist ein künstlerisches Bravourstück. Es hascht aber nicht nach Effekten. Im Gegenteil: Die ›Zeichnung‹ nimmt sich zurück und entwickelt weit weniger visuelle Präsenz als vielmehr eine leise und poetische konzeptuelle Prägnanz.
Um für den Betrachter zum Kunsterlebnis zu werden, bedarf es keiner analytischen Aufmerksamkeit und keines angestrengten Sinnens. Die Arbeit erfordert – um eine Bemerkung aus Walter Benjamins Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935) hinsichtlich der Wahrnehmung von Bauwerken beziehungsweise von Kunstwerken aufzunehmen – weniger ein »gespanntes Aufmerken« als ein »beiläufiges Bemerken«.
Auch Betrachter, die zu Kunst und speziell zu abstrakter oder ganz ungegenständlicher Kunst keinen speziellen Zugang haben, werden die zurückhaltende atmosphärische Ausstrahlung der Arbeit schnell als Gewinn und Aufwertung des Ambientes empfinden können . Zudem setzt sich das Werk bewusst und auf hohem Reflexionsniveau mit der ›Zeichnung‹ als einer noch immer über Entwicklungspotential verfügenden historischen Kunstgattung auseinander. Auch diese ›kennerschaftliche Ebene‹ ist ganz selbstverständlich in dem Werk vorhanden.
Kunst am Bau muss fast immer mit unterschiedlich ausgeprägten ästhetischen Ansprüchen und lnteressen der Nutzer eines Gebäudes rechnen. Das ist ihre große Herausforderung. Katharina Hinsbergs Arbeit im Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium g hört zu den Glanzlichtern der neueren Kunst-am-Bau-Geschichte, die dieser Anfordrung spielend leicht gerecht werden.
in:
Martin Seidel: Katharina Hinsberg. Perceiden, 2011, in: Kunst am Bau im Bundeministerium für Ernährung und Landwirtschaft, hg. von Bundeministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Berlin 2016, S. 26–31.
Martin Seidel: Katharina Hinsberg. Perceiden, 2011, in: Kunst am Bau im Bundeministerium für Ernährung und Landwirtschaft, hg. von Bundeministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Berlin 2016, S. 26–31.