Katharina Hinsberg hat ihrer Installation in der Kunsthalle Göppingen den Titel Ich möchte eine Linie im Raum gegeben. Mit diesem Satz ruft die Künstlerin bereits Vorstellungen einer Linie im Raum hervor. Wie könnte diese Linie konkret aussehen? Dieser Gedanke stand am Anfang der Überlegungen und damit begann eine Bezugnahme zum Raum, genauer: der »Halle oben«. Die Größe dieses Raumes und seine architektonischen Besonderheiten haben Katharina Hinsberg eingeladen, angeregt und herausgefordert. Sie fügt mit ihrem Konzept dem Raum etwas hinzu und macht damit Vorhandenes neu erfahrbar, verändert und sensibilisiert die Wahrnehmung des Betrachters/der Betrachterin grundlegend.
Katharina Hinsberg setzt sich seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Medium der Zeichnung auseinander. Sie erweitert und lotet Vorstellungen, von dem was Zeichnung ist und sein kann, aus. Papier wird im Werkprozess geschnitten, durchbohrt, Formen werden daraus ausgeschnitten und separiert. Mit ihren Decoupagen löst sie minutiös Linienfiguren aus dem Papier heraus und fixiert sie mit Nadeln an der Wand, so dass diese in den Raum treten und sich als Schatten auf den Wänden abzeichnen.(1) Das Papier ist damit nicht mehr nur allein Träger der Zeichnung. Die Linie ist in der Auseinandersetzung mit dem Thema Zeichnung ein wesentlicher Aspekt. Eine Linie, gezeichnet auf ein Blatt Papier, definiert eine Fläche und den umgebenden Bildraum. Mit dem Schnitt in die Papierfläche entsteht ein realer Raumbezug, ein Darunter und Darüber, ein Dahinter und Davor. Daraus abgeleite interessiert die Künstlerin die Figur im Raum und die Frage, wie interagieren Bildgrund und Figur.
Eine Linie im Raum – die Installation in der Kunsthalle Göppingen besteht aus einzelnen roten Punkten im Raum, die in ihrer Gesamtheit eine Linie bilden. Diese Punktlinie scheint im Raum zu schweben, und ihn schwerelos zu durchziehen und ist dabei zart und energetisch zugleich. Der Betrachter/die Betrachterin formuliert und denkt diese Linie aus der stringenten Folge der einzelnen Punkte. Die Zwischenräume sind dabei ein wesentlicher Aspekt und die Frage, wie das Abwesende einen Raum oder die Sicht auf ihn verändern kann. Trotz oder gerade wegen ihrer ›Kleinheit‹ setzen die Punkte dem Raum etwas entgegen.(2)
Dieser Ausstellungsraum mit seinen Maßen, Charakteristika und Vorgaben bietet der Künstlerin in der Entwicklung einer installativen Arbeit einen spezifischen Rahmen. Nach den Voruberlegungen und der Formulierung des Konzepts, eine Linie aus roten Punkten im Raum zu installieren, war die erneute Begegnung mit dem Ausstellungsraum in der Kunsthalle Göppingen entscheidend. Elementar war das sich Aufhalten im Raum.
Bei der Entwicklung des Konzepts entstanden zunächst Vorzeichnungen auf Papier. Die Linie war damit gedanklich in den Raum gezeichnet, aber noch nicht manifest. Katharina Hinsberg hat dann in einem ersten Arbeitsschritt vor Ort den Raum durchmessen, das heißt, sie hat ihn über mehrere Stunden durchschritten und ihn dabei mit ihren Schritten erfahren. Die Künstlerin ist die Wände der Halle entlanggegangen, hat ihre Schritte gezählt. Ein konzentriertes Wahrnehmen des Raumes und seiner Dimensionen fand statt. In ihrem zweiten Arbeitsschritt hat die Künstlerin mit Kreide, die an einem langen Stab befestigt war, erste Zeichnungen auf dem Boden der Ausstellungshalle vorgenommen und eine Linie gezogen, die um die Stützen des Raumes verläuft. Im nächsten Schritt ersetzte sie die Kreide durch Graphit und zeichnete die endgültige Linie auf den Boden. Anschließend zog sie eine zweite Linie auf der weißen Wand. Für sich gesehen, suggeriert diese Linie eine Landschaft oder formuliert einen Horizont. Eingebettet in die Installation wird diese Linie, die als zeichnerische Geste der Künstlerin entstand, zur Konstruktionslinie. Der Akt des Zeichnens ist eine physische Setzung, die Künstlerin schreibt sich der Oberfläche ein und der Raum trägt nun ihre Spur. Vergleichbar ist diese leibliche Setzung mit einem einnehmenden, territorialen Vorgang. Dieses Ziehen der Linie hat etwas Körperliches – es ist mit dem Körper der Künstlerin, ihrer Hand, ihrer Größe und ihrem Gehen im Raum verbunden.
Die beiden Linien am Boden und an den Wänden bilden das Koordinatensystem für die Linie im Raum. Die Künstlerin gab den Werkprozess dann ein Stück weit ab und legte in ihn in weitere Hände, die nun die Linie im Raum realisierten, mit zahlreichen Überlegungen und Proben zur technischen Umsetzung, zum Materialverhalten und zum Vorgehen. Der Werkprozess bekommt ab diesem Punkt eine erwartete Eigenmächtigkeit.
An der Linie auf der Wand sind Markierungen und Maße zu sehen, die die Künstlerin notierte. Sie definieren die Abstände der Kugeln voneinander sowie ihre Höhe im Raum und geben damit einen Einblick in das Entstehen der Installation. Katharina Hinsberg hinterfragt mit ihrem Ansatz die Rolle der künstlerischen Geste. Die Zeichnung verändert im Werkprozess ihren Status und wird zur Vorzeichnung, wie sie es in der italienischen Renaissance als ›disegno interne‹ war und als kunsttheoretischer Begriff verwendet wurde.(3) ›Disgeno interno‹ ist demnach Plan und Entwurf und liegt dem eigentlichen Kunstwerk als Vorzeichnung zu Grunde. Giorgio Vasari bezeichnete den Disegno als Fundament jeder Kunstgattung, er sei Ausdruck der inneren Vorstellungskraft und beruhte auf der Dominanz des Linearen.
Katharina Hinsberg reflektiert und denkt die Bedeutung der künstlerischen Geste, der Zeichnung neu und stellt damit die Frage nach dem Stellenwert der Autorschaft.
Auf Grundlage der Vorzeichnungen an Wänden und Boden entst and die dritte Linie im Raum. Deren handwerkliche Herstellung erhielt ab diesem Punkt Aufmerksamkeit und trug wesentlich zum Charakter der Installation bei. Mit Geduld, Genauigkeit und in unzähligen Arbeitsschritten ist die Linie im Raum entstanden. Dieser Sorgfalt und Demut gegenüber dem, was man tut, ist nachzuspüren. Betrachtet man die Punktlinie und nimmt bei näherem Hinsehen die 890 fast unsichtbaren Nylonfäden wahr, die sich wie Saiten eines Instruments gleichmäßig aneinanderreihen und an der Decke einzeln fixiert wurden, dann wird deutlich, wie sich auch Zeit in das Werk eingeschrieben hat, Teil davon ist und für uns als Betrachtende sichtbar wird.
Das Nebeneinander von messbaren, kalkulierten Werten, und Faktoren, die von der Genauigkeit abweichen, sind Teil des Werkes. So sind die Kugeln nicht maschinell hergestellt, sondern einzeln von Hand geknetet. Jede ist für sich eigen und anders.
Eine besondere Konzentration und Stille ist in der »Halle oben« durch die Installation Ich möchte eine Linie im Raum wahrzunehmen. Es sind gegensätzliche Assoziationen, die sich im Betrachten der roten Linie entwickeln und durch sie erfahrbar werden: Fülle und Reduktion und leere, Vielheit und Kleinheit, Stillstand und Bewegung, Fragilität und Stabilität, Flüchtigkeit und Präsenz, Dasein und Verschwinden, Begrenzung und Weite. Trotz des geringen Materialeinsatzes, der ›Kleinheit‹ der einzelnen Einheit, dominiert die Linie den Raum und lässt ihm gleichzeitig doch Luft. Wie in einem Moment des Stillstands gleicht die Linie der Erinnerung an eine Bewegung, eine flüchtige Geste und ein Innehalten zugleich. Die Linie steht im Raum, wie eingefroren für einen kurzen Augenblick. Zugleich hat sie in ihrer filigranen Erscheinung etwas Tänzerisches, Beschwingtes.
Die Präsenz der roten Linie lässt den Betrachtenden staunen, ihr reines Vorhandensein im Raum lässt aufmerken. Es ist aber auch die Schönheit der Linie und ihre Bewegung durch den Raum, die anzieht und im Sehen und Wahrnehmen Freude auslöst. Der Betrachter/die Betrachterin kann dynamisch Positionen im Raum wechseln. Er/sie geht der Linie entlang, kann sich im Innenraum oder außerhalb dieser positionieren, das Stehen, Gehen, Sitzen oder liegen in der Installation lässt diese aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen. Dabei wird ersichtlich, wie manche Abschnitte der Linie langsam und klar gezeichnet verlaufen und andere, je nach Blickachse, sich geballt, verdichtet und schneller durch den Raum winden. Eine starke Präsenz der Linie einerseits und eine Flüchtigkeit andererseits sind im Betrachten nachvollziehbar. Die Lücken oder Eingangsbereiche der Installation deute an, wie schnell sich die Linie auflösen könnte, verdeutlichen ihre Fragilität und lassen die Möglichkeit ihres Verschwindens erkennen.
1 Vgl. Katharina Hinsberg. Die Annahme der Linie, Düsseldorf 2007, S. 11 .
2 Im Gespräch mit der Künstlerin im September 2019.
3 Vgl. Lexikon der Kunst, Vierter Band, Erlangen 1994, S. 51.
in:
Melanie Ardjah: Katharina Hinsberg. Zeichnen im Raum, in: Katharina Hinserg. Ich möchte eine Linie im Raum, hg. von Katharina Hinsberg, Ausst. Kat. Kunsthalle Göppingen, Wien/Hombroich 2019. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)
Melanie Ardjah: Katharina Hinsberg. Zeichnen im Raum, in: Katharina Hinserg. Ich möchte eine Linie im Raum, hg. von Katharina Hinsberg, Ausst. Kat. Kunsthalle Göppingen, Wien/Hombroich 2019. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)