Künstlerisches Denken entsteht in einer Praxis des Unvorhersehbaren und das ›Atelier‹/die ›Klasse‹ ist der gemeinsame Raum dieses Tuns; er ist dynamisch, mit beweglichen Bezügen zwischen allen Beteiligten und ihren Themen. Individuelle Arbeitsansätze werden der gemeinsamen Reflexion übergeben, indem Konzepte besprochen oder unmittelbar erprobt werden. So entsteht die gemeinsame Revision indivudeller Fragen, jede/r erfährt die Anliegen der anderen und die Öffnung der eigenen Auseinandersetzung.
Ein Lehrprojekt ist ein kollektiver Prozess, abhängig vom Einsatz jeder/jedes Einzelnen, darin überschneiden, durchkreuzen oder ergänzen sich die eigensinnigen Vermögen. Das führt zur Durchmischung der unterschiedlichsten Kapazitäten und jedes Engagement riskiert oder feiert seine uneigenützige Verschwendung, es vermischt, vernebelt oder vervielfacht sich.
Die Möglichkeit des Scheiterns ist ein wesenhafter Bestandteil künstlerischer Prozesse. Experiment und Erfahrung sind Größen an den Rändern des eigenen Vermögens. Kontinuität und die Aneignung von Wissen und Fertigkeitn helfen der zuversichtlichen Umsetzung von Ideen und üben des Vertrauen in Strategien offener Experimente.
Arbeitet zusammen.
Entwickelt gemeinsame
Projekte – auch jenseits der Hochschule.
Esst zusammen im Atelier.
(jede*r bringt etwas mit).
Beobachte Dein Tun genau.
Schreibe Deine Beobachtungen auf.
Bewerte sie nicht.
Schreibe jeden Tag.
Jeden.
Zeichne (male, baue, …)
Tag für Tag.
Führe ein Notitzbuch,
das Du immer dabei hast.
Es ist ein Ort für alles.
Stelle den Anderen etwas
vor, das eng mit Deiner
Arbeit verbunden ist.
Stelle Dir etwas vor, das
nicht mit Deiner Arbeit
verbunden ist.
Arbeit in der Nacht,
wenn Dich keiner stört.
Arbeite, wenn das Atelier leer ist.
Nutze das ganze Atelier.
Beurteile keine Konzepte, sondern
was darauf entstanden ist.
Mehr machen
(weniger sprechen).
Arbeite regelmäßig.
Entwickle Variationen,
entwickle Reihen.
Nimm dir Zeit für das,
was Du machst.
Arbeite fortgesetzt an einem Werk,
das nicht fertig werden soll.
Probiere aus,
was Dich interessiert,
ungeachtet, ob es nützlich ist.
Nutze alle Werkstätten.
Fordere Deine Lehrenden.
Absolviere möglichst viele Kurse,
auch die, von denen Du glaubst,
dass Du sie nicht brauchst.
Sprich über Werke
(über Dinge), die Dich
beschäftigen.
Ändere Deine Blickrichtung.
Recherchiere Künstler*innen
in der Bibliothek.
Stelle sie den anderen vor.
Bringe Deine Materialien
und Ideen mit und lasse
andere damit arbeiten.
Stelle ein Werk eines Kommilitonen/
einer Kommilitonin so vor, als wäre es
Dein eigenes.
Schreibe kurze Interventionen
auf einen Zettel, von denen
dann eine (nach der anderen)
gemeinsam umgesetzt wird.
Ein Werk/Projekt wird vorgestellt
(aber nicht besprochen).
Jede*r schreibt dazu eine ausführliche
Stellungnahme.
Geht ins Museum und zeichnet dort.
Suche einen Artikel auf einer Kunst-
zeitung und collagiere darauf
einen Text über das eigene Werk.
Zeiche und Singe
(das ist mit geschlossenen
Augen leichter).
Setze Dich an einen Platz
und notiere/skizziere alles,
was Du wahrnimmst.
Zeichne blind,
vielleicht mit beiden Händen.
Jede*r legt zwei Blätter
DIN A4 auf den Boden
und bewegt sich darauf
durch den Raum.
Studiert anschließend die
Spuren auf den Blättern.
in:
Katharina Hinsberg: [Künstlerisches Denken entsteht in einer Praxis des Unvorhersehbaren] in: Susanne Lorenz (Hg), Grund. Haltung, Übung, Hamburg 2021, S. 136-144.
Katharina Hinsberg: [Künstlerisches Denken entsteht in einer Praxis des Unvorhersehbaren] in: Susanne Lorenz (Hg), Grund. Haltung, Übung, Hamburg 2021, S. 136-144.