Lichtes Maß (I)

Katharina Hinsberg

Ich weiß eigentlich nicht, was ein Navigationssystem erzählt (Sonne, Radar, Sterne). 

Ich stelle mir, der Zeichenstift wäre wie Kiel oder Mast eines Bootes, dazwischen lägen Deck und die Fläche des Meeres, bis an den Horizont. Oder der Pinsel ist wie ein Besen: senkrechter Stiel, waagrechtes Borstenbrett. Ich fege zuerst, Strich für Strich, den Boden.

Dann bedecke ich ihn vollständig mit einer durchgehenden weißen Papierfläche. Um den weißen Boden zu betreten, gehen alle in Strümpfen.

Aus den Maßen des Raumes, Breite, Länge und Höhe, errechne ich ein Raster, dessen Quadrate in einem ganzen Verhältniss zum Volumen stehen. Das Raster wird in rechtwinkligen Längen- und Breitenlinien eingemessen pun mit roter Lackfarbe nachgezeichnet.

Ich male die roten Langlinien am Boden, wie die eines Schwimmbads, und denke an die Reihen beim Erdbeerernten. Und wie man den schwerer werdenden Korb nachzieht. Die eigene Geschwindigkeit bemisst man besten an der eines anderen. In Gesprächsweite.

Die beiden kurzen Wände stehen diagonal. Der Raum ist schiefer als er erscheint, und Neonröhren und Querbalken gehen maßgeblich durchs Gefüge.

Das Raster habe ich den Linien entlang, ausgeschnitten und freigestellt, die weißen Binnenfelder entfernt. Auf dem Boden entsteht ein durchlässiges, großes rotes Gitter, das ich quer teilte: Sequenzen in der Höhe des Raumes, die ich dann, aus ihrer horizontalen Lage, in die Vertikale stellen kann. (Mich würde interessieren, die geschnittenen Linien in Spuren des Schnitts sichtbar im Boden zu hinterlassen, indem ich sie, durch das Papier hindurch, auf den Boden übertrage, vielleicht mit einer Handkreissäge, die – mit dem Papier gleichzeitig den Boden sägt.)

Wir stehen auf Leitern und rollbaren Gerüsten und hängen die Raster aus der Horizontalen in die Vertikale, in eine Flucht im Raum, parallel zu den kurzen diagonalen Wänden. Dadurch ergeben sich wechselständig seitliche Durchgänge. Und, bei aller Genauigkeit, Abweichungen in rauen Mengen.

Man betritt dann den Raum, in welchem sich die Raster, hintereinander gestaffelt, wiederholen. Dazwischen kann man herumgehen. Die Raster wiederholen und überschneiden sich im Blick. Und mir gefällt die Vorstellung, dass sich jedes am anderen bemisst. Als wäre jedes Netz jenes einer Landkarte, an dem ich Umgebung lese. Karte und Umgebung (in einem). Eins, eins : eins. Sie durchqueren einander (fixieren aber nichts). Indem ich dort gehe, verschiebt sich das Raster: ich bin Teil des Gefüges, Figur im Raum.

Aus den Papierresten in den Ecken nähe ich mir ein Sommerkleid, quer zum Fadenlauf.

Ein dreidimensionales Feld bindet mich, selbst außen stehend, unmittelbar über meine Blickachsen in sich ein. Und die eigene Bewegung oder ums Feld verändert die Bezüge mit jedem von Schritt. Die Relationen Linien sehe ich variabel immer in einem Bezug zu mir als Sichtachsen oder Beziehungslinien. Ich bin und habe Teil. Das, was eigentlich in großen Abständen voneinander entfernt steht, kann sich, in der Flucht meines Sichtfeldes, in unmittelbarer Nähe zueinander zeigen. Die Entfernung ist » ein Verschwinden machen der Ferne«, sie ist lichtes Maß.

Im Raum schwimmen. Sich von der kurzen Seite abstoßen und ihn mit ein paar kräftigen Zügen der Länge nach durchqueren.

in:

Katharina Hinsberg: Lichtes Maß (I), in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 128–135.

Rede zur Ausstellungseröffnung, Kunstverein Ravensburg, Raum für Kunst, 2003.