Manum de tabula

Katharina Hinsberg

Ich denke mir eine Zeichnungsinstallation für einen großen Raum, welche Wand, Grund und ›Figur‹ thematisiert, und den Bildrand zum ›Ort‹ des Bildes macht. Ich werde die ganzen Wände einbeziehen, möchte aber ausschließlich mit dem Glas und dessen Rändern arbeiten.

›Raum‹ denke ich mir ideal wie im Rohbau, bar jeder funktionalen Attribute. Real ist fast jeder Raum ausgestattet (Tapeten, Bodenbelag, Steckdosen, Kehrleisten, Heizungen, Lichtschienen). Ich kann Gegebenheiten dann übergehen, wenn sie in keinem wesentlichen Zusammenhang mit der Arbeit stehen oder gesehen werden. Ein Bild mag dann als unabhängiges, für sich stehendes Objekt zu lesen sein, vielleicht steht es dann auch für einen Begriff, als Konvention oder Zeichen. Vielleicht vermag ein ›Bild‹, als zeichenhaftes ›Etwas‹, seine Umgebung auszublenden. Bild als Blende, als Auszug von Wirklichkeit, stellt aber auch die Frage nach seiner Herkunft, seinem Zusammenhang. 

Das Bestehen eines Bildes liegt für mich zwischen Bildobjekt (als irgendwue bezeichneter, bezeugter oder bedingter Gegenstand) und Wand (Gegebenheit), es ist darin, es ist sowohl als auch, es ist einerseits/andererseits, und ist dann nicht, und kann – so gesehen jedenfalls – alleine nicht sein, sondern nur in einem größeren Ganzen (Hors-Champ). Entsprechend versuche ich gerade auch, die begrifflichen Werkzeuge für mich gebräuchlich zu machen.

Ein Bild hat Grenzen und wird durch sie bezeichnet und bezeugt. Ich denke Zeichnung, Linie, Schnitt als Grenze oder in Abgrenzung von Bild zum gegebenen Raum (Dibutades usw.). Der Bildrand wäre eine Linie und beides: bildkonstituierendes Zeichen und manifeste Zeichnung., er wurde gesetzt, verwischt, überschritten, aufgehoben, bezweifelt: ›ins Bild gesetzt‹. Um Bild zu erzeugen, genügt es, den Rand zu setzen (oder ihn mir zwischen Punkten vorzustellen). Mit dieser Unterschiedenheit ist es mir möglich, was Bild ist, zu benennen. Ort meiner Auseinandersetzung ist aber – entsprechend unentschieden – Wand und Bild oder ihr dazwischen. Und der Rahmen spielt dabei, als Bildrand und -grenze, eine bezeichnende Rolle. 

Mit der, als größeres Ganzes, bildbedingenden Wand steht deren Beschaffenheit gleichwertig neben der Oberfläche des Bildes. Die Tapete als haftende Papierschicht auf der Wand, mit nurmehr rudimentärer Funktion, in einer reichen Kulturgeschichte der Teppiche, Tapisserien, der Wände, des Webens, des prägnanten Decorums ›ummantelnder Bewandtnisse‹ und häuslicher Häutungen.

Gemeinsam mit der Veränderung des Decorums, vom angemessenen, umfassenden Zusammenspiel architektonischer (zunächst rhetorischer) Komponenten hin zu ›dekorativen‹, eigentlich obsoleten Attributen, verläuft, quasi auf Tuchfühlung, auch die Geschichte des Bildes. Die dem Raum angemessene Tapete war vielleicht der sesshaft-haftende, immobile Konterpart zum mobilen Bild – Umgebung und Ort. Die Tapete war Reflektion, Schatten und Wiederholung des Bildes, dessen Fortsatz, rankender Rapport und Weiterträger bis in die Umgebung, in Auflösung und Verschränkung mit dem Raum. Bild und Tapete als unterschiedenes Ganzes. Hat sich der Rahmen dazwischen verloren?

Die Verwandtschaft von Tapete und Bild ist in einer Ausstellungssituation mit einer Raufasertapete möglicherweise ein Moment, der die Angelegenheit von Bild, Grenzung und Wand entschärft und relativiert, wenn ich diese Gegebenheit nicht mit einbeziehe. Ausgeschnittene Zeichnungen sind wie eine durchlässige Membran, die sich zwischen Wand und Betrachter schiebt, wie eine Blende. Hier werden die ausgeschnittenen Striche relevant, aber wiederum als (geschnittene) Binnengrenze des Bildes zum Raum. Raum und Bild durchdringen sich. Meine Bilder werden, sowie Wand auch Bild wird, auch Tapete.

Eine Raufasertapete würde, indem sie keine neutrale Wandoberfläche ist, mit der Installation meiner ausgeschnittenen Arbeiten, selbst Bild, als implantierte, kaschierte und kaschierende Membran, mit eigenen Eigenschaften (Materialität, Farbe, Struktur, Oberfläche), wie sie auch den ausgeschnittenen Zeichnungen zu eigen sind. Tapeten haben, wie Bilder, Bild- und Blendseite. 

Mit dem Ausschneiden der Zeichnung aus dem Papiergrund egalisiere ich das Verhältnis von Vorder- und Rückseite der Blätter, und damit verschwinden die Bildeigenschaften der ›blinden‹ und der ›blickenden‹ Seite. 

Ich bin also am Überlegen, und ich denke fast ausschließlich daran, wie ich mit den tapezierten Wänden, die ich freilich oft vorfinde, grundsätzlich umgehen könnte, ohne in Kauf zu nehmen, die Fragestellung meiner Arbeiten wesentlich einzuschränken oder zu relativieren. 

[Für die Ausstellung manum de tabula (›Hände vom Bild‹), habe ich schließlich die Schnittkanten der Gläser mit roter Lackfarbe von Hand nachgezeichnet und vor die Wand mit Raufasertapete montiert.]

in:

Katharina Hinsberg: Manum de tabula, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 76–79.

Briefauszug in Vorbereitung der Ausstellung »manum de tabula«, 2001. (an Galeristin, Galerie Eva Mack Stuttgart, 27.7.2001.)