Nulla dies sine linea

Reinhard Ermen

Um das Museum Folkwang herum wird heftig gebaut. 2010 (dann wird Essen Kulturhauptstatt Europas sein) soll das neue Haus des David Chipperfield seine Tore öffnen. Der erst 1983 erstellte Erweiterungsbau wurde dafür geopfert, der ›Altbau‹ von Horst Loy und Werner Kreuzberger (1960), dessen schöne Funktionalität noch immer neu erscheint, bleibt unangetastet. Hier finden zurzeit Sonderausstellungen statt, denn der Kernbestand der Gemäldesammlung ist zurzeit in der Villa Hügel zu sehen. Die Grafik nutzt die Gelegenheit für eine ambitionierte Ausstellung zu prozessualen Aspekten der zeitgenössischen Zeichnung. Prozess meint Bewegung und Veränderung. Vielleicht ist das über die allgemeinen Anliegen dieser Ausstellung hinaus auch eine augenzwinkernde Programmatik: In den weiten, offenen Räumen werden Andeutungen für die Zukunft gemacht, denn im kommenden Chipperfieldbau soll die Grafische Abteilung über ähnlich großzügige Möglichkeiten verfügen.

Jeder künstlerischen Arbeit geht ein Prozess voraus, der je nachdem, wie stark das Werk auf sich selbst bezogen ist, hinter dem Ergebnis zurücktritt oder als ein Echo der Intention bleibt. Naturgemäß eignet der Zeichnung eine sozusagen idealistische Gestimmtheit, die sich auch im 20. Jahrhundert nicht vollends verflüchtigt hat. Idealistisches, vielleicht sollte man besser sagen: Konzeptionelles zeichnet sie aus und veredelt sich in der medialen Selbstreflexion. Tobias Burg, seit April 2007 Kurator und Leiter der Abteilung, hat jedenfalls 10 Zeichnerinnen und Zeichner ausgewählt, auf die so eine Charakteristik passen könnte. Das ursprünglich Prozessuale ist ihnen als sichtbares (wahrnehmbares) Wesen eingeschrieben, das heißt die unmittelbare Einsehbarkeit tritt in der Essener Auswahl durchaus in graduellen Unterschieden auf. Inwieweit nämlich Frank Gerritz (*1964) für seine in dichten, geschlossenen wie präzisen Feldern exakt zusammengeführten Bleistiftstriche noch das Prädikat des Prozessualen reklamieren kann, erscheint fraglich. Bewegung wird hier endgültig zum Stillstand, ja in eine materiale Sicherheitsverwahrung überführt, die alles zuvor Gewesene vergessen machen könnte. Gerritz ist ein (notwendiger) Grenzpfosten des Möglichen. In wahlverwandter Nähe zu ihm, mit mehr Kontakt zur Mitte: Malte Spohr (*1958), dessen Zeilenbilder ihr technisches Geheimnis generös verraten, aber in einer surrealen Biologie mit landschaftlicher Restanmutung transzendieren.

Am anderen Ende, getaucht in das Licht des Offensichtlichen: Roni Horn (*1955); ihre großformatigen Blätter sind idealtypische Verlebendigungen eines prozessualen Konzepts. Ursprünglich mit (fixiertem) Pigmentpulver erstellte, farbige Lineaturen werden zerschnitten und ergeben erst in der ornamentalen Deplatzierung die Zeichnung, die eine Erinnerung an das Früher noch in sich trägt. Dabei geht Horn so systematisch vor, dass Tobias Burg eine entsprechende Rekonstruktion an den zwei Arbeiten der Ausstellung für den Katalog durchspielen kann. Das Verblüffende daran ist nicht, wie diese Ursprungszeichnung aussieht, sondern, dass eine Rückführung möglich ist, verbunden mit der Gewissheit, dass der erste Zustand zwar konstituierenden Charakter hat, aber mit Überführung in die kristalline Zersplitterung nicht mehr zählt. Das Erstellen der Zeichnung vollzieht sich in Phasen, in Akten, fast wie in einem Drama. Ähnlich orientiert, mit etwas anderer Akzentuierung: Katharina Hinsberg (*1967), die auch mit dem Skalpell arbeitet; die Zeichnung wird mit dem Messer eliminiert und dabei auf ein weiteres, darunter liegendes Blatt übertragen, so dass in diesen Doppelarbeiten (Diaspern) zwei annährend gleiche nur durch ihre Unmittelbarkeit unterschiedene Blätter wie 1 + 2 (2 = 1 – X) zusammenfinden. Das Prinzip des Weitertragens realisiert Hinsberg auch in den Papierblöcken, die so hoch geschichtet sind, dass sich die quadratischen Blätter zum Würfel erheben und dabei jeweils eine exakt kopierte bzw. gepauste Linie mitnehmen, die in natürlicher Fortschreibung etwa über 931 Ebenen wandert. Zu Recht wird die Serie Nulla dies sine linea (in Essen # 4, 2001) immer wieder als Paradigma für Zeichnung schlechthin herangezogen, die ihre Grenzen im Prozess des Werdens sprengt.

Den in Essen versammelten Positionen ist ein natürlicher Abstraktionsgrad eigen, was abbildende Orientierungshilfen nicht ausschließt. Wer es nicht weiß, kann es nicht sehen. Malte Spohr arbeitet zum Beispiel nach Fotovorlagen, die Rhythmen in Jill Baroffs (*1954) Gittern und konzentrischen Kreisen verdanken sich den Daten von Wasserständen und diktieren damit die Mächtigkeit ihrer Lineaturen. Die Lesbarkeit der Buchstaben des hebräischen Alphabets, dem Baniel Ben-Hur (*1958) auf der Spur ist, verliert sich in Maßnahmen der Distanzierung durch Blindzeichnung und einen Zeichenapparat, der das kleine Blatt auf einer Entfernung von drei Metern trifft. Blindzeichnung ist auch eine Strategie von Karoline Bröckel (*1964), die den Vögeln nachschaut und dabei gleichzeitig deren Flugbahnen aufs Papier bringt. Während diese offenen Annährungen an etwas, das dabei weitgehend verloren geht, eine schöne Freiheit atmen, faszinieren die Phasenanalysen der Jorinde Voigt (*1977) durch ihre formgenerierenden Amplituden mit den kurvigen Verbindungslinien. Was gelegentlich Assoziationen an die Bewegungsstudien von Étienne-Jules Marey heraufbeschwört (Algorithmus Adlerflug, 2 x 50 Adler Crash), emanzipiert sich letztendlich von der Vorgabe. Diese dynamischen Koordinatensytheme überschlagen sich in einer quasi finalen Selbstreferentialität. Bei Jill Baroff oder Malte Spohr wäre so etwas unmöglich. Für Linda Karshan (*1947) haben sich schließlich alle Vorgaben in einer mentalen Gestimmtheit konzentriert. In einer Linie, frei aus der Hand mit fettem Bleistift gezogen, kann ein ganzes Leben stecken, zumindest ein beträchtlicher Teil davon. Die auf dem Papier abgelegten rhythmischen Fundamentalkonstruktionen erzählen dabei von nichts anderem als sich selbst und ihrem medialen Eigensinn!

Ausstellungen wie diese sind unbedingt notwendig, um die schnelle Kunstwahrnehmung mit gewichtigen Minderheitenvoten zu korrigieren. Im coolen Ambiente meldet sich eine Art von Schönheit, die von den Besucherströmen noch entdeckt werden muss. Wenn sich die Grafischen Abteilungen nur öfter in solchen Räumen aufhalten, werden sie auch öfter gesehen. So einfach könnte das sein. Ohnehin ist die Zeichnung längst auf dem Weg in andere Öffentlichkeiten, die Formate werden größer, Roni Horn und Katharina Hinsberg kann man anschließend nicht einfach in Grafikschränken verschwinden lassen. Dem Medium wachsen aus der natürlichen Konzentrationsfähigkeit ungeahnte Möglichkeiten zu. In den Jahren der ruhigen Rezeption wurden riesige Energiepotenziale gebunkert. Wer bereit ist, sich hier einzulassen, bekommt einen guten Teil davon ab.

in:

Reinhard Ermen: Nulla dies sine linea, in: Kunstforum, Bd. 193, 2008, S. 309f.