Der Ausstellungsraum ist ringsum mit Stellwänden bestellt: dahinter verbergen sich Lüftungsanlagen, Nutzflächen und Fenster, welche verblendet sind, um Tageslicht abzuhalten. Diese Wandelemente bilden einen Raum im Raum, welcher die eigentlichen Dimensionen und Eigenheiten der Gas Hall weitgehend verdeckt.
Ein nachhaltiger Impuls war für mich, mit diesen Gegebenheiten so zu arbeiten, dass sich der eigentliche Raum erneut vergegenwärtigt: Die Stellwand soll lichtdurchlässig perforiert werden, indem ich eine große Lochzeichnung durch die Wand bohre. Die Fenster hinter den Wänden sollen geöffnet werden, sodass Tageslicht von außen durch die Wand dringen kann. Je nach Betrachterstandort wird dieses Licht, wie durch ein Sieb, durch die nunmehr durchlässige Wand scheinen. Die Zeichnung wohnt damit, in lichten Löchern, dem Baukörper inne, und hat sich diesem, in Fehlstellen, quasi inkorporiert und eingeschrieben.
Für diese Wandzeichnung wird eine Vorzeichnung auf Papier mit der Bohrmaschine in die Stellwand übertragen. Loch für Loch zerfallen die Linien in Einzelheiten, und dazwischen entstehen Abstände, Pausen, so groß, dass meine Fragen dazwischen nisten und deutlicher werden können. Vergleichbare Verfahren dienten dem Übertragen von Schnittmustern oder Bildvorlagen auf einen Trägergrund, indem Linien einer Vorlage durch eine Reihe von punktierten Löchern auf einen Hintergrund kopiert wurden.
Wenn ich Abbildungen per Lochpause übertrage, ist auch das Übertragen selbst ein Motiv des Umsetzens. Die Vorlagen müssen deshalb Eigenschaften haben, die nicht nur dem Abgebildeten, sondern auch dem Verfahren entsprechen. Erst dann können die Gegenstände von ihren Abbildungen soweit zurücktreten, dass sich das Motiv als beides zeigt: als etwas Gemachtes und als etwas, das sich – als Bild, in Abwesenheit – nur angibt, an Löchern und Zwischenräumen. Es bleibt zu ergänzen. Etwas klafft und wird denkbar – als Differenz zwischen Gedachtem (Bild) und Gemachtem.
Was zeigt die Zeichnung? Das Bohren ist ein zeichnendes Verfahren, welche sich nicht ab-, sondern (durch und durch) einzeichnet. Ein Bild ist nicht hier, es gibt sich anderweitig an: zwischen Löchern und Zwischenräumen.
Diese Löcher der Pausen, sind Sicht- und Stichstellen. Ist das Bild dann da, wo die Löcher nicht sind? Die Wand wird porös, sickerlicht, durchlässig.
Ein Loch, gesetzt, markiert und wird bestimmt, ist und ist nicht. Es stiftet Position und steht in einem Zusammenhang, der sich infolge, von Punkt zu Punkt, lesen lässt, als Linie oder als Teil eines Gebildes, als Leiste von Ösen, an die ich etwas knüpfen und fädeln kann. Nichtssagende, stumme und taube Pünktchen in einer ebenso schweigsamen Umgebung. Aber vom einem zum anderen sammeln sich die Summen, zu Punktfolgen. So erhält ein Bild dann und wann Durchlass, durch etwas durch, das nicht vorhanden ist. Es sickert zwischen Pausen und Löchern, zeigt, zeichnet, entfaltet sich.
in:
Katharina Hinsberg: [Perceids], in: Lost in Lace. Transparent Boundaries, hg. von Lesley Millar, Ausst. Kat. Birmingham Museum & Art Gallery, Birmingham 2011, S. 52–55.
Katharina Hinsberg: [Perceids], in: Lost in Lace. Transparent Boundaries, hg. von Lesley Millar, Ausst. Kat. Birmingham Museum & Art Gallery, Birmingham 2011, S. 52–55.