Mehrere Tausend Blätter, jedes je 21 x 21 cm groß, werden mittig genutet und wie kleine Dachreihen auf den Boden gestellt, die eine Seite weiß, die andere gelb (zitronengelb). Jede Reihe steht dicht an der nächsten, und zusammen bilden sie – pli selon pli – eine geschlossene, aber aufgefaltete Flache, die schließlich den gesamten Boden bedeckt. Die farbigen Flächen zeigen, dem Betrachter abgewandt, zur Fensterseite, sodass beim Betreten des Raumes ein weißes Furchenfeld zu sehen ist, welches sich durch Grate, Gegenlicht, An- und Widerschein zu einer parallelen Linienzeichnung differenziert. Gegen das Licht leuchtet die Farbe, es wird überall gelbe Reflektionen geben, an den Wänden und auf den weißen Seiten der Karten. Das Farbfeld entfaltet sich dann im Gehen (und zeigt sich).
Die Bewegungen der Besucher im Raum werden jetzt zwangsläufig vorgeschrieben. Die Fläche breitet sich im Raum aus, nimmt den Raum ein. Und ein Feld fügt sich ein, Fuge um Fuge, verfügt über Raum. Der Betrachter begibt sich hinein, geht darin, wird ganz von ihm umgeben.
Die Fläche wird von schmalen ausgesparten Pfaden durchschnitten und kann auf ihnen durchquert werden. Beide Wege (hin und zurück) sind ungleich.
Der sichtbare Raum (und der unsichtbare). Eine Mannigfaltigkeit von verdachten Blickwinkeln, die auf Fug und Nut Gefilde (zweigefächert) sind. Heu- und Häuserzeilen, die unter Dach und Fach im Gegenlicht (cache cache) verschwimmen – szintillieren.
Eins kommt zum anderen. Wechselseitiges Feld, eigenständig. Gleißend oder ruhig. Die Fenster offen oder opak. Der Blick bleibt im Raum. Das Licht kann raus und rein. Das grüne Tageslicht von außen, das gefärbte Neonlicht von innen.
Quer die Papierreihen, längs das Gehen darüber. Das Durchqueren eines Feldes. Ich gehe, entlang der Traktorspuren, durch ein Roggenfeld, und die Grannen sind eben so lang, dass sie meine waagrecht gestellten Handflächen berühren und im Gehen darunter entlang fließen, rieseln.
Was mir gefällt ist, wenn das Feld unberührt bleibt. Ich möchte aber auch, dass es sich in Vorgängen erschließt, dass man schlicht darüber hinweg geht. Erhöht? Entrückt? Weil man größer ist? Weil die Augenhöhe eine andere ist, weil die Türen tiefer sind, weil man über den Boden geht. Japanische Gärten. Tritte über den Wasserspiegel, Seerosen, Nympheas. Steine, die über das Wasser hüpfen.
(Wie bewegt man sich innerhalb dieses Feldes? Oder wie geht oder sieht man darüber hinweg? Daran vorbei?)
Bei Ebbe über den Sand laufen: Rippen, Wellen, dazwischen ein paar ausgespülte Steine, auf denen ich gehen kann, von einem zum anderen. (Ich denke an die Ausstellung.) Felder, Wiesen, Sandstrand, Wasser, Schnee. Lieber als über Teppiche laufe ich über Stege aus Holzbohlen, zwischen denen Wasser blitzt. Ich gehe auch gern über Gitter, die einen hohen Raum durchqueren. Ich weiß nicht, ob ich gerne auf einem Seil gehen würde, eine Balancierstange tragend, in deren Träge ich mich halte.
Zwei parallele Stege durch den Raum, die nicht miteinander verbunden sind. Der Hinweg ist auch der Rückweg. Zwei Personen können gleichzeitig parallel gehen, treffen sich aber nicht. Zwischen ihnen liegt ein Feld, welches nicht überquert werden kann. Geht nur eine Person den Steg entlang, ist die andere abwesend. Gehen zwei Personen die Stege hinab, stehen sie unweigerlich in Beziehung zueinander. Ein gemeinsamer Gang: synchron oder der eine schneller, der andere langsamer, der eine voraus, der andere hinterher, hin oder her.
An begehbaren Betonplatten gefällt mir, dass sie potenzielle Sockel, Bildfüße sind, etwas, worauf man zu stehen kommen kann oder die leer bleiben (in jedem einer Fall aber Teil des ganzen Bildes sind). Sie gleichen Punkten in einer Fläche. Ein möglicher Gang, von einem Punkt zum anderen, folgt einer Linie. Aber welche Linie, welchen möglichen Zusammenhang zeichnen die Sockel, wenn man sie nicht nur von Punkt zu Punkt zählt, sondern von Anfang bis Ende?
Stellen, Stelzen, Stellvertreter, Spielfelder. Nicht auf der Erde gehen, sondern anders gehen, abgehoben, wie über Wasser. In der Schwebe sein, zwischen dem einen und dem anderen. Unausgewogen. Das eine oder das andere, oder, im Schritt, das Dazwischen. Stand, Schritt, Stand – . – . – . – . – .– . – über etwas hinweg gehen.
Ich kann jetzt ausprobieren: Wie bewege ich mich über punktförmige Stellen durch einen Raum. Ich hüpfe von einem Stein zum anderen. Das Spiel heißt: »Den Boden nicht berühren.«
Der Kothurn war eine Art hoher, purpurfarbener Halbstiefel mit dicken Plateausohlen, welcher in der griechischen Tragödie getragen wurde. Die Socke, ein niedriger, leichter Schuh, war der Komödie zugedacht. Socke und Sockel sind eine Zwischenschicht, welche vom Boden trennt.
Sollte man in Socken oder barfuß von einem Sockel zum anderen gehen? Gleich wie man sonst gekleidet sein mag: Ohne Schuhe ist man jeglicher Erhabenheit enthoben. Heruntergekommen.
Schuhe sind Kleidungsstücke, welche gegenüber der übrigen Garderobe immer den letzten Ausschlag geben. Man kann damit alles herausstellen oder verhunzen und versauen. Wenn jemand vollkommen abgerissen herumläuft, mit verspeckten, verschlufften Kleidern, dabei aber hervorragende Schuhe anhat, die solide, teuer und gepflegt aussehen, würde mir das sehr auffallen. Man kann einen perfekt sitzenden Anzug aber auch gleich auslassen, wenn man dazu ausgelatsche Treter trägt.
Ich war heute Schuhe kaufen und bin sehr glücklich, mag sie gar nicht ausziehen. Vielleicht kommt jetzt die Phase, wo ich wieder öfter rausgehe, wegen der tollen Schuhe an meinen Füßen. Denen zeige ich dann die Straßen und Scheißhaufen. Die Schnürsenkel gehen immer auf.
Zwerge sind angeblich x-beinig, damit sie, wenn sie durch hohe, ungemähte Wiesen streifen, das Gras scheiteln und es nicht ständig im Schritt haben, also auch besser sehen können, wo sie hingehen.
Ob die Idee mit den Sockeln so gut ist? Mit dem gefalteten Papier steht eine gefaltete Fläche sehr labil im Raum, flüchtig, papieren, provisorisch. Die Betonsockel darin sind von einer anderen Qualität. Kann ich beides ineinander stellen?
Vielleicht komme ich wieder darauf zurück, Glasplatten auf dem Boden auszulegen, in denen sich dann die Besucher und die Neonleuchten reflektieren. Wie ein Teich kann diese spiegelnde, perfekte oder stellenweise zerbrochene Oberfläche nur über Betontritte überquert werden. Diese sitzen direkt auf dem Glas, welches stellenweise birst, unter der Last von Beton und Besuchern, die darüber gehen.
Glas, habe ich gehört, würde nie aufhören zu fließen, allerdings so unendlich langsam, dass sich messbare Veränderungen erst über Jahrzehnte einstellen. Wahrend es stets in Bewegung ist, eigentlich wie Wasser, erscheint es hart, als hätte es eine andere Zeit. (Eis fließt auch.) Trifft jetzt etwas mit anderem Tempo auf das Glas, gibt dieses nach und bricht aus seiner Zeit. Schneewittchen lag in einem Glassarg, nicht tot, sondern nur außerhalb dieser Zeit, eingeschlossen, vorübergehend eingekapselt in einer anderen.
in:
Katharina Hinsberg: Pli selon Pli, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 114–123.
Notat, 11. Januar 2002.
Katharina Hinsberg: Pli selon Pli, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 114–123.
Notat, 11. Januar 2002.