Parallel zu ihren vielfältigen, oft temporären und daher nur in der Dokumentation fortbestehenden Raum- und Wandinstallationen schafft Katharina Hinsberg seit mehr als 15 Jahren unabhängig von einer konkreten Präsentation ›dauerhaft‹ bestehende Arbeiten auf Papier. Diese teilen sich in verschiedene Werkgruppen auf, die in der vorliegenden Publikation erstmals in einer repräsentativen Auswahl – und mit dem Fokus auf neueren Arbeiten zu den einzelnen Werkgruppen – in Buchform zusammengefasst werden.
Die weniger chronologisch denn thematisch voneinander zu unterscheidenden, gleichwohl auf die eine oder andere Art miteinander verwandten Zeichnungsgruppen sind Diaspern, Netze, Gitter / Linien, Divis, und Lacunae. In diesen Werken, die in ihrem Format variabel sind, wie etwa die verschiedenen Fassungen von Diaspern belegen, werden die künstlerischen Prinzipien und Fragen, die Hinsbergs ortsspezifischen, ephemeren Projekten zu Grunde liegen, vertieft, variiert oder auf neue Art und Weise behandelt.
Auch die Papierarbeiten begreifen den konkreten Raum ihrer Umgebung und Präsentation als Bestandteil und Widerpart ihrer selbst. Dies lässt sich schon daran festmachen, dass der zeichnerische Akt der Setzung von Linien auf dem Papier nicht in konventionellem Sinne erfolgt beziehungsweise abgeschlossen wird: Die von Hinsberg entwickelten Linien, die häufig, wie etwa in den Werkgruppen Divis und Gitter / Linien, gestisch-bewegt anmuten, werden nicht einfach im neutralen Feld des weißen Papiers angebracht und belassen. Vielmehr wird das Blatt Papier als Trägermaterial der Zeichnung ebenso wie die auf ihm mit Grafit oder rotem Stift gesetzten Linien in einen neuen räumlichen Modus gebracht. Das Geviert des Papiers mutiert, wie im folgenden deutlich wird, durch den präzisen Einsatz von Skalpell und Messer, mit denen Partien des Blattes aus- oder eingeschnitten werden, zur offenen Membran, zum Gitter oder einer Mischform aus Rahmen und Tragwerk für die eigentliche Setzung. In jedem Fall entstehen neue Räume, welche die flächengebundene Existenz der Zeichnung aufbrechen, ja aufheben. Die Wand, auf der ein Werk angebracht wird, wird als Rück- und Umraum der Zeichnung in diese integriert. Werden Zeichnung, Linie und Papier zu Material im Raum, so wird gleichzeitig der Raum zum Material der Zeichnung – wenn man Hinsbergs Arbeiten mit, auf und in Papier überhaupt noch mit diesem Begriff fassen kann.
Wesentlich für die Verräumlichung der Zeichnung ist, wie schon angedeutet, das Wegschneiden und damit Entfernen von Papier als dem unerlässlichen Basismaterial einer Zeichnung. Der Prozess des Einschneidens und Ausschneidens ist dabei mit dem Akt der Liniensetzung und ›Linienaufbereitung‹ fast zwangsläufig verbunden. Die gezeichnete Linie wird zur geschnittenen Linie, die wie etwa in den Netzen den Charakter eines weißen ›Linienschattens‹ gewinnen kann. Was das Präparieren und damit räumliche Umbilden (vor)gezeichneter Linien angeht, ist auf Hinsbergs Installation 1999 im Kunstmuseum Bonn zu verweisen. Im Rahmen der von Stefan Gronert initiierten Reihe »Zeichnung heute« brachte sie an sämtlichen Wänden des Ausstellungsraumes eine ganze Reihe von ausgeschnittenen Linien (Découpagen) an, die nur auf Nädelchen aufruhten und so vor der Wand schwebten. Die präsentierten zeichnerischen Formen erinnerten teilweise an lockere, geworfene Schlingen und Knoten, die ein offenes Zentrum umschließen, das den Blick auf die Wand freigibt. In den Divis-Arbeiten und den Gitter / Linien wird dieser kreisende, gleichwohl skizzenhafte Linienduktus weitergeführt.
Nicht nur hier erweist sich, dass bei Hinsberg die (geschnittene) Linie zwischen bewegter subjektiver Spur und konzeptuellem Mittel der Analyse von Zeichnung und Raum angesiedelt ist. Dies führte den Verfasser dieser Zeilen dazu, ihre monumentale, zweiteilige Papierarbeit Diaspern, I und 0 von 2007 / 2008 mit den Werken anderer Gegenwartskünstler (u. a. Gabriele Basch, Damien Hirst und Chris Newman) in die Ausstellung »Vom Esprit der Gesten. Hans Hartung, das Informel und die Folgen« (2010, Kupferstichkabinett Berlin) einzubeziehen.(1)
Ebenso wie der informelle Maler Hans Hartung (1904 –1989), dessen Werk seit den Anfängen und besonders nach 1970 immer auch von der Reflexion des Gestischen und den Mitteln der Umsetzung kalkulierter Gesten geprägt war, geht es auch Hinsberg niemals nur um die reine Expressivität der Linie. Die kaskadenartig nach unten fließenden Strichbündel der beiden großen Diaspern-Blätter erweisen sich bei genauerer Betrachtung nicht als direkte Zeichnung, sondern als arbeitsreiches, minutiöses Schnittwerk.
Der Titel Diaspern leitet sich nach Auskunft der Künstlerin von einer in der Renaissance praktizierten Webart her, bei der Grund und Muster oft gleichfarbig, aber nicht gleichwertig, also getrennt sind. Blatt ›I‹ wurde zuerst mittels Grafit bezeichnet und dann über ein zweites, leeres Blatt ›0‹ gelegt. Beide Blätter wurden dann mit dem Skalpell so bearbeitet, dass die von Hinsberg gezeichneten Linienbündel sukzessive weggeschnitten wurden. Im gleichen Prozess wurden ›kongruente Schnittsilhouetten‹ (Hinsberg) auf das leere zweite Blatt übertragen. Die nun als Öffnungen des Papiers, als Schatten werfende Negativräume der entfernten Linien sichtbaren Schnitte tauchen als annähernd identisches Echo auf dem unteren Blatt ›0‹ wieder auf.
Im Zusammenhang mit Diaspern sei an die frühe, mittels eingeschnittener Papierbahnen gefertigte Installation Panoramamembran erinnert, die Hinsberg 2002 in Museum Schloß Hardenberg in Velbert installierte. Der in Diaspern erfolgende Transfer von Linien in raumhaltige Öffnungen des Papiers wird zudem in den direkt in die Wand eines Ausstellungsraumes gesetzten Perceiden weitergedacht. Eine Fassung entstand 2008 im Kunstmuseum Stuttgart, wo sie bis 2012 zu sehen war. 2 Ein wenig vergleichbar mit dem Einsatz perforierter Zeichenkartons in der Renaissance wird eine auf dem Papier angelegte Vorzeichnung mittels Bohrmaschine und Bohrern verschiedener Stärke ( je nach der Strichbreite der Zeichnung) auf und in die Wand übertragen. Anders als bei Diaspern wird die durchbohrte, übertragene erste Zeichnung zwar nicht ausgestellt, dient aber als Schablone für spätere Fassungen der Arbeit.
Die Papierarbeiten, die Hinsberg unter dem Titel Netze zusammenfasst, muten bisweilen wie die positiven Gegenstücke zu den negativen Schnitträumen von Diaspern an. Während bei letzteren die rechteckige Grundfläche des durch Linienausschnitte perforierten Papiers gewahrt bleibt, sind bei den Netzen, die im Unterschied zu den Divis- und Gitter / Linien-Arbeiten auch keinerlei vermittelndes Gitter-Rahmenwerk besitzen, die sich kreuzenden Linien ein sich selbst stützendes und tragendes Gewebe von eigener Plastizität und Haptik. Vereinzelt finden sich lineare Spuren, die im weiteren Sinne als Reste einer Vorzeichnung zu bezeichnen sind, da Hinsberg zuerst beide Blattseiten bezeichnet und dann entscheidet, welche Seite in die geschnittene Form übertragen wird. Nach dem Ausschneiden mit dem Skalpell wird dann die definitive Schau- also Vorderseite festgelegt. »Auch bei den ›Netzen‹ werden zum Ausschneiden meist zwei Blätter übereinander gelegt. Sie bilden nach dem Ausschneiden anschließend aber kein Paar, sondern sind als Einzelwerke zu sehen.« (Katharina Hinsberg)
Raumöffnungen ganz eigener Art vermittelt die Zeichnungsgruppe der Lacunae (lacuna, lat. = Lücke). Wie bei den meisten Werken auf Papier gelingt es dem Betrachter kaum, das ›Making of‹ zu entschlüsseln und den eigentlichen Ausgangspunkt der Arbeit zu rekonstruieren. In diesem Fall war es ein Blatt Papier, das Hinsberg frei Hand mit vertikal verlaufenden roten Linien versah, die durch genauso breite Streifen des weißen Papiers voneinander getrennt werden. Aus diesem rot-weißen Feld entfernte Hinsberg dann alle roten Linien – bis auf kleine, rautenförmige Reststücke, die nun die weißen, isoliert stehenden Papierstreifen zusammenhalten und eine Gegenbewegung zur senkrechten Streifenstruktur aufbauen, da sie scheinbar schräg beziehungsweise diagonal durch den Blattraum verlaufen.
Das in den Lacunae-Arbeiten, den Gitter / Linien-Schnitten wie auch der Gruppe der Divis-Zeichnungen zu findende kräftige Rot der Liniensetzungen findet sich auch in mehreren installativen Arbeiten von Katharina Hinsberg. Die Künstlerin entschied sich für den Farbton Rot (bisweilen auch für Rotorange), da dieser im Unterschied zu Blau oder Grün ihrer Meinung nach Naturassoziationen ausschließt und deutlicher als Markierung und Signal begriffen wird. Rot ist für sie »die Farbe, die für Farbe steht und damit auch nicht nur Farbe und Material, sondern auch Zeichen ihrer selbst ist.« (Katharina Hinsberg)
Man beachte zum Einsatz des ›Materials‹ Rot im installativen Kontext etwa die jüngste Fassung der sich sukzessive im Raum entfaltenden Arbeit Spatien. Sie entstand im Rahmen der »SaarArt 2013« in der Stadtgalerie Saarbrücken unter Einsatz von rotem, in Streifen geschnittenem Seidenpapier, das in seinem Flächenmaß der Grundfläche des Ausstellungsraumes entsprach.
Bei der Werkgruppe Gitter / Linien baut die Künstlerin auf ein weißes, somit in der Papierfarbe verbleibendes Gitter, in das mit rotem Stift gesetzte Liniengebilde integriert sind, die nur von den horizontalen und vertikalen Streben des Gitters gehalten werden. Das Gitter als ein inszenatorisches Rahmenwerk und Hilfsmittel der Fokussierung und Verortung räumlicher Situationen – in diesem Fall der Topografie des Ausstellungsraumes – findet sich auch in einer im Jahre 2003 realisierten Installation im Kunstverein Ravensburg.
Rote, anschließend mit dem Skalpell freigestellte Linien oder deren Fragmente spielen ferner in den im Format kleineren, quadratischen Divis-Blättern eine Rolle, die teilweise wie Ausschnitte oder Nahaufnahmen aus den Gitter / Linien anmuten. Wieder findet sich ein weißer Papierrahmen, allerdings nun in Form der streifenförmig ausgebildeten Seiten eines Quadrates. Wie das Raster bei Gitter / Linien trägt und umschließt das weiße Rahmengerüst den Aktionsraum der roten, freigestellten Linien, die nicht allein in kreisenden Bewegungen wie bei den Gittern / Linien ausgeführt werden, sondern bisweilen auch Gevierte markieren oder nur mehr als kurze lineare End-, ja Reststücke am oberen und unteren Rand des quadratischen Rahmens auftauchen. Ähnliche Striche, an kurze Schnitte in den Diaspern- Werken erinnernd, finden sich auch in Gitter / Linien mehrfach. Divis, eigentlich der typografische Begriff für den Trenn- und Bindestrich, umschreibt spielerisch das Thema der Trennung linearer Zusammenhänge, die sich zwischen den sich gegenüberliegenden Seiten des quadratischen Rahmens entfalten oder eben auflösen.
Die fünf Werkgruppen der zeichnerischen Arbeiten von Katharina Hinsberg, die sich gegenseitig fortdenken und in Spannung halten, zeigen eindrucksvoll auf, dass der künstlerische Ansatz der Künstlerin, wie man es in der US-amerikanischen Minimal Art von Fred Sandback (1943 – 2003) kennt, über den Akt des Zeichnens hinaus ein plastisch-skulpturaler ist. Die Zweidimensionalität, die der Kunst auf Papier gerne zugeschrieben wird, erweitert sich in Hinsbergs Werken auf eine ebenso systematische wie lebendige Weise ins Dreidimensionale – und damit hinein in den Erfahrungsraum des Betrachters.
1 Die Ausstellung basierte auf einer von Clemens Fahnemann, Berlin, vermittelten Schenkung von 130 druckgraphischenWerken der 1940er bis 1980er Jahre von Hans Hartung durch die Fondation Hans Hartung et Anna-Eva Bergman in Antibes. 2011 wurde „Vom Esprit der Gesten“ im Rahmen des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Gut Altenkamp in Papenburg/Ems gezeigt.
2 Siehe zur Stuttgarter und zwei weiteren Versionen der Arbeit die Publikation: Katharina Hinsberg. Perceiden, Wien – Hombroich 2012.
in:
Andreas Schalhorn: Präparierte Linien, erweiterte Räume. Zu Katharina Hinsbergs zeichnerischen Arbeiten auf Papier, in: Katharina Hinsberg. Intinerar // Traces, hg. von Galerie Fahnemann, Ausst. Kat. Galerie Fahnemann, Berlin 2014. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)
Andreas Schalhorn: Präparierte Linien, erweiterte Räume. Zu Katharina Hinsbergs zeichnerischen Arbeiten auf Papier, in: Katharina Hinsberg. Intinerar // Traces, hg. von Galerie Fahnemann, Ausst. Kat. Galerie Fahnemann, Berlin 2014. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)