Projektskizze (II)

Katharina Hinsberg

Die Orangerie hatte ursprünglich ein gläsernes Dach, und die Rotunde sollte von außen mit hängenden und kletternden Gewächsen begrünt werden. Ich stelle mir vor, dass Pflanzen auch über das Glas gewachsen wären. Innen und Außen, Oben und Unten hätten sich berührt, sich im Blick durchs Glas miteinander verschlungen und durchdrungen. Die gegensätzlichen (botanischen) Kulturen, die hiesige und jene ›fremde‹, wären durch die jeweils andere wahrnehmbar gewesen. Von außen und innen bewachsen, musste der Raum wie ein Dickicht erscheinen, das Licht gesiebt, grünhelle sonnige Flecken über Wände und Boden malend usw., das Glas als trennende, transparente und mittelnde Membran.

Aus den Maßen des Raumes, zum Beispiel aus der Fläche des Grundrisses, wäre beispielsweise ein (Schnitt-)Muster zu entwickeln, nach dem ich diese Flache teile. Mit (beispielsweise rotem) Papier ausgelegt, wäre sie linear so zu schneiden, dass ein schmales, rotes Band entsteht. Dieser Streifen entspräche der Bodenfläche und ist zugleich ein Gebilde, das tentakelnd Raum greifen, diesen prinzipiell in all seinen Richtungen, in Höhe und Breite bemessen, umfassen und durchziehen kann. Ich stelle mir vor, dass sich diese Streifen (Linien wie Lianen) durch den Raum schlingen.

Ich könnte mir aber auch denken, dieses Hängen zu einem Fallen oder Trudeln zu machen, zu einer Zeichnung in Sequenzen, für die Dauer einer Ausstellung: Wenn ich das Band regelmäßig quer schneide, entstehen Abschnitte, kurze Streifen wie flatternde Fähnchen, die regelmäßig in Abständen in den Raum fallen, mit Unterbrechungen, über einen bestimmten Zeitraum, über Wochen Tag für Tag.

Die Abschnitte wären Banderolen, Streifen aus farbigem, leichtem, weichem Papier (Seidenpapier). 10.000 Stück(1), je einen Meter lang, je einer fallt pro Minute, 60 pro Stunde, fünf Stunden am Tag. Sie fallen aus den Deckenluken der Kuppel. Sie trudeln, schweben, treiben, rieseln, glandern von dort aus in den Raum. Dieses Trudeln ist ein eigener Vorgang, weil die fallenden Bänder ihrer Eigenart folgen und im Fallen (durch den Raum und die Luft) unter anderen Zirkumstanzen andere Eigenschaften zeigen als ihre gebräuchlichen. Wenn Papierstreifen in weichen Schwüngen herabflattern dann zeichnet jeder ganz eigene Linien: barocke Schlenker, Schleifen, Schnörkel, Schlängel, Arabesken, Schrift, wie überflüssiges, ausgefallenes, abgefallenes Ornament.

Je länger diese Streifen ›ausfallen‹, desto deutlicher zeichnen sie, schlingernde Linien, deren Fallen oder Fließen eine Dauer hat und mit den Augen verfolgt werden kann. Zeichnen zeigt sich als räumliches Verfahren, zwischen Boden und Oberlicht. Das Papier zeigt sich anders, aber auch der Raum: in den Dimensionen seiner Fallhöhe, die auch ein Zeitraum sind, Augenblicke, folgend, möglicherweise auf- und abwartend, zählend. Die Streifen fallen und legen sich zufällig in Schleifen (Intensitäten) auf den Boden, zunächst vereinzelt, zunehmend sich überlagernd, dann häufiger, zuhauf, Grund und Muster, häufend.

 

1 10.000 Pflanzentafeln sollten im Auftrag von Prinzessin Caroline Luise für die Botanische Sammlung Karlsruhe gestochen werden.

in:

Katharina Hinsberg: Projektskizze (2), in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 170–172

Projektskizze für die Orangerie, Kunsthalle Karlsruhe, 2007.