Scholie

Katharina Hinsberg

Kann ich Zeichnen? Unterrichten? Ich kann Fähigkeiten vermitteln, die ich erlernt, mir angeeignet und in meiner Arbeit fortgeschrieben habe (oder auf der Strecke ließ). Vermitteln, was ich über Materialien, Umrisse, Proportionen, Hell und Dunkel weiß? Als Grundlage, die weiterentwickelt und hinterfragt werden kann? Ich kann auf die Vielfalt der Zeichnung gegenwärtig und in ihrer Geschichte hinweisen, welche sich aber weiter schreibt, mit der man korrespondiert und die jeder – weil Zeichnen auch lapidar ist – stets mit sich trägt. 

Zeichnen könnte ›jetzt‹ beginnen, indem sich etwas von mir aus, auf etwas anderes zu bewegt. Zum Beispiel: sind Striche wie Licht, das fällt und erst an einer Oberfläche sichtbar wird und sich dort abzeichnet? Beginnt ein Strich da, wo er auf Widerstand trifft, zeigt er sich dort und verbraucht er sich daran? Ein Strich ist die Spur einer Bewegung, sein Verlauf auf einer Fläche ist am Ort des Vorgangs zunächst ein kleines Reiben zwischen Gegenstand und Stift. Vielleicht entsteht Reibungswärme, vielleicht Geräusch. 

Die Handzeichnung liegt an einem ein äußeren Ende meines Systems, dort wo ich an Umgebung grenze, diese abtaste und stets Spuren hinterlasse – sichtbar oder nicht. (Ich klopfe mit den Fingern auf den Tisch). Zeichnen markiert sich unmittelbar und liest sich als Berührung von zwei Dingen, Bleistift und Papier, und bezeugt, worin (in Bewegung) eines ans andere grenzt. 

Der Zeigefinger ist Zeichenfinger, indizieren. Vielleicht ist ein Fingerabdruck mit Linien und Leerlinien bereits Signatur, und vielleicht sind Fingerkuppen in besonderem Maße Grenzorgane, welche Identität bezeugen. Eine Fingerfeder fungiert (zwischen Füller und Fühler), indem ich eine Spur zugleich zeichne und spüre. Ich nehme genau dort war – und zeichne – wo ich Umgebung streife, ihre Gegenstände und Zirkumstanzen. Aber gibt es Kriterien zum Beispiel für die Qualität einer Zeichnung? 

Ich stelle mir nur Fragen, aber andauernd, (wobei eine unbeirrt zur anderen führt). Denn wie ich es auch drehe und wende, ist ein Zwiespalt Bestandteil meiner Bilder, welche ursächlich darin auftauchen, blättern, greifen und bildhaft werden im Raum. 

Ich denke, dieses Hin und Her entlang der Linien und Grenzen von Zeichnung öffnet die Felder, und nur zu gerne sehe ich Zeichnung über das Manifeste hinaus. Aber zeichne ich bereits, indem ich unterscheide? Eine Zeichnung kann man sehen zwischen Glas und Wand, Linien im Flattersatz, aber auch zwischen Hand und Ärmel oder Socken auf dem Parkplatz. Immer: einerseits, andererseits, oder inzwischen (mindesten zwei Ansichten auf die gleiche Sache, die sich wechselseitig widersprechen und ergänzen). 

Lieber als Position zu beziehen, beginne ich jetzt untersuchende Bewegungen um unbestimmte Dinge, die immer wieder kehren und sich üben. Am besten stetig, indem ich neu ansetze, fortsetze, weiter zeichne. Regeln gelten (oder nicht) wenn ich versuche, Ziele oder Vorhaben zu vergessen, und zu vergessen, dass ich zeichnen kann (was ich gelernt habe). Ergebnisse könnten doch auch etwas sein, das ich mit niemandem teilen muss, was nicht gezeigt und nicht abgeschlossen wird, sondern eher weiter führt zum nächsten und zum übernächsten – Blatt für Blatt.

Zunächst ist ein Strich, am Ort seines Entstehens, etwa in der Berührung von Stift und Blatt, unsichtbar. Darin, wie im Händedruck, teilt sich etwas mit, was darüber hinaus nicht mitteilbar ist. 

Eigentlich zeigt ein Strich später stets zurück auf diesen Augenblick des Zeichnens und kann darin ohne Umschweife verfolgt und nachvollzogen werden. Zeichnen nimmt zuerst Anlauf, wird vorbereitet, sammelt sich, schickt sich zur Gebärde an und schlägt sich nieder in einem Strich.

Einer Spur aber wird – absichtlich und beiläufig – immer etwas mitlaufen, das sie mitteilt, und dass über sie hinaus geht. Ich mag im Abdruck einer Kralle im Staub einen Vogel lesen, und vielleicht sogar eine Amsel mit ihrem Gesang. In einer anderen Spur: Auto, Pirelli 165 SR 13. Der Abdruck ist auch ein Übertrag, und stimmt – getreu in Umriss und Proportion – mit dem Modell überein. 

Die untersuchenden Bewegungen des Sehens, der Hand, des Umdrehens, des Denkens gegenüber einem Gegenstand, sind – und wären – Bestandteil eines ›Naturstudiums‹: zeichnerische, mechanische, optische, digitale, lern- und lehrbare Tranzspositionen. Gegenstände ganz genau zu sehen, und sie abzuzeichnen ist auch ein bisschen so, als würde ich sie mir aneignen und anverwandeln, schließlich geht ein Teil davon über meine Augen, durch meine Nerven, Muskeln, bis in die Spitzen meiner Hand. 

Ich male Paprika ab, die auf einer Fensterbank liegen. Mein Blick sitzt auf fremden Häuten und tastet diese ab, wie eine Fliege. Ich beginne aufzuzählen, und zu malen, was ich sehe. Dann kann ich eins zum anderen addieren: Stückzahl, Schatten, Fenstersprosse, Stängel, Neonlicht – oder Gegenlicht am Abend. Es gibt Analogien und Übereinkünfte zwischen dem Bild und den Paprika, die dort liegen und vertrocknen. Nähere ich mich ihnen in skizzierter Ähnlichkeit? 

Ich zeichne eine Freundin ab, notiere die Falten und Linien ihres Kleides (Nase, Knie, Schultern, Hand). Aber nur wenige Aspekte sind übertragbar. Gleich fallen Unterschiede ins Auge, in allem, was ich weglassen muss. Was macht eine Zeichnung reich, obwohl sie als Übertragung vielleicht, von Paprika oder einer Person, so kümmerlich ist? Zeichnet sich ein Porträt, zunächst in einem Mangel, der so beträchtlich ist, dass ich ihn nur andeuten kann, in dem wenigen, was ich zu übertragen vermag? Vielleicht übertrage ich weniger eine Person, als dass ich sie in der Unzulänglichkeit der Zeichnung verliere. Und, im Verlust, in Abwesenheit, wieder finde. Ich räume mir (und ihr) das zumindest ein, in Distanz und Differenz. Rumort darin jetzt die Prägnanz einer Zeichnung? 

Ich stelle mir vor, ein Porträt wäre die Gegenwart einer Person in Abwesenheit, sie bliebe in Schemen deutlich, beides zugleich: sichtbar und verdeckt. Wenn ich ein Portrait zeichne, über Stunden oder Tage, dann habe ich im Hin- und Herblicken, zwischen einer Person und ihrem Portrait unzählige Gesichter gesehen, und doch nur eines gezeichnet. Wird darin etwas summiert, deutlich, ohne dass es wirklich sichtbar war? Etwas benannt, ohne ausgesprochen zu sein? 

Die Phantomzeichnung, das Fahndungsbild, verkehrt das Verfahren des Abzeichnens vielleicht sogar: dass es nicht von einer Person weg, sondern zu ihr hinführt – dass es sie überführt. Wer wäre dann aber der Urheber in der Zeichenkette eines Phantombildes? Ein Augenzeuge fahndet in seiner Erinnerung nach einem vagen Bild und teilt dies mit. Der Zeichner überträgt es dann möglichst, ohne selbst etwas hinzuzutragen. Ein Vor- oder Abbild in Etappen, teilt sich mit und verändert beide, von einem zum anderen. 

Zeichnung ist (auch) Markierung, gleichsam Rahmen, Borte, Zeile, Zwischenraum. Außen bleibt ungezeichnet, und unbestimmt. Die Schemen des Zeichnens entwerfen grobmaschige Gebilde. 

Ihre Muster werden sich – auch im unterrichten – immer wieder neu zusammensetzen, verwirren und entfalten, im Anschaulichkeiten, Bildlichkeiten, Darstellungen und im Tun. Es gibt etwas, was mich an der Zeichnung schon lange interessiert, aber manchmal liegt schon in der Formulierung eine Einschränkung. 


 

in:

Katharina Hinsberg: Scholie, in: Edith Wahlandt Galerie (Hg.): Katharina Hinsberg. Die Annahmen der Linie, Stuttgart 2007, S. 93–97. 

Auszug aus Bewerbungsvortrag für eine Professur für Zeichnen in Bremen, 11. April 2003. 
2003_Kann-ich-zeichnen-HfK-Bremen_Vortrag