Gitter und Netze, geordnete Linienstrukturen und solche, die in freier Formation Raum erobern, gehören zu einem umfangreichen Œuvre, das Katharina Hinsberg in variantenreichen Werkgruppen kontinuierlich weiter entwickelt. Ihr Interesse gilt unterschiedlichen Verfahren, mit denen sie das Medium Zeichnung immer wieder befragt und neue Möglichkeiten auslotet. Sie folgt dabei den Bedingungen des Materials, der Zeit und des Raumes. Mit Stiften auf Papier zeichnen, diese Zeichnungen – Linien, Striche – dann durch Ausschneiden mit einem Messer hervorheben oder entfernen, tilgen, beziehungsweise Papierschnitte ohne (Vor)Zeichnung anfertigen, dies sind Techniken, die Hinsberg konsequent praktiziert.
Kennzeichen ihrer Arbeitsweise ist die Serialität. Es gibt Werke, die als Serie respektive Reihung entstehen (z. B. Gitter/Linien). Andere Arbeiten fertigt die Künstlerin in kleiner Zahl in längerem zeitlichem Abstand (z. B. Nulla dies sine linea). Der serielle Aspekt dieser Werkgruppe, die mehrere eigenständige Werke umfasst, erschließt sich über das spezifische Verfahren ihrer Herstellung. Die jeweiligen Arbeiten können als Einzelwerk oder als Gruppe gezeigt werden. Wiederum andere Werke entwickeln sich über Jahre hinweg, gehören hinsichtlich der angewandten Technik einer Serie an, ohne dass ihr Erscheinungsbild eine zwangsläufige serielle Zuordnung nahelegt (z. B. Diaspern I + 0).
Innerhalb der Serien spielen Gitter, Module, Reihungen eine bedeutende Rolle. Ihnen kommen diverse Funktionen zu, die sowohl formal-kompositorisch als auch inhaltlich konnotiert sind. Der Entstehungsprozess der Arbeiten beinhaltet transformatorische Aspekte, die ausgehend von einer traditionell zweidimensionalen Zeichnung mittels Entfernen oder Hinzufügen in die dritte Dimension vorstoßen. Die bewusst reduzierte Bildsprache elementarer Linien, Striche und Formen kann man als serielle Notationen(1) bezeichnen, die skulpturale und installative Aspekte verkörpern. In den Variationen der sich wiederholenden notathaften Anordnungen rückt die Künstlerin das Zeichnen als Zeichnen in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens, ohne a priori weitergehende Bedeutungen zu intendieren. Die jeweilige Notation verweist vielmehr auf die ihr eigene Prozesshaftigkeit. So entstehen freie, offene Ausdrucksformen, die in ihrer Serialität das Potenzial von Veränderung und Variabilität veranschaulichen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass der Betrachter darüber hinausgehende Inhalte assoziiert.
Das zentrale Gestaltungsmittel Hinsbergs ist die Linie, als Positiv- oder Negativform. Zunächst entstehen unter Verwendung von Farbstift, Tusche, Graphit oder Acrylfarbe Linienzeichnungen auf Papier. Diese Linien schneidet die Künstlerin mit dem Messer – einem Cutter mit extrem spitzer Klinge – aus. Das Ergebnis: die Linienzeichnungen erscheinen als freigestellte Spuren, welche die Bewegung der Hand sichtbar machen, oder als Leerstellen, Leerzeichen, Leerräume. Vorangegangene Zeichnungen werden dann als solche gelöscht, sind zumindest nicht mehr in ihrer ursprünglichen Ausführung zu sehen, scheinbar abwesend, bleiben aber in anderer Form und Wirkung wahrnehmbar. Die persönliche Handschrift wird in gewisser Weise negiert. Als geschnittene Linie ist sie dennoch anwesend, definiert Außen- und Binnengrenzen, Flächen, Felder; sie ist Kontur, markiert eine Strecke, äußert sich raumgreifend. Die so gewonnenen Positiv- und Negativformen entfalten gleichberechtigt ihre Wirkung im und mit ihrem (Um-)Raum.
Durch das Ausschneiden der gezeichneten Linien wird die Fläche eines Blattes, wie im Falle der „Di Segno-Blätter”, aufgebrochen oder verschwindet vollständig, wie bei den „Netzen”. Es entsteht Räumlichkeit. Eine Wand oder eine Glasplatte sind, als Hintergrund und Umraum, Bestandteil der jeweiligen Arbeit. Licht- und Schattenspiel verändern sich je nach Lichtintensität sowie Richtungswechsel des Betrachters. Die Zeichnung wird zum Material im Raum, gleichzeitig der Raum zum Material der Zeichnung. »Meine Zeichnungen«, erläutert Katharina Hinsberg, »lasse ich sein (oder eben nicht sein) erst nachdem ich sie partiell getilgt, die entstandenen Striche also aus dem Papiergrund ausgeschnitten habe: Der Schnitt folgt dem Strich, wiederholt ihn umgehend, entlang seiner Ränder, und löscht ihn indessen«.(2)
Durch den Prozess des repetitiven Zeichnens und Ausschneidens, welcher Geduld und ein erhebliches Maß an Konzentration erfordert, bringt Hinsberg Werke hervor, die, betrachtet man die neuesten Werkgruppen Ajouré beziehungsweise „Giornate”, als Schnitte, ohne eine vorangegangene Zeichnung, entstehen. Ob als Kombination von Zeichnung und Schnitt oder als reiner Schnitt, ob in strenger Reihung platziert oder in lockerer Gruppierung arrangiert, immer vermögen die Werke von Katharina Hinsberg die Serialität in ihren Variationen eindrucksvoll vor Augen zu führen.
Die Serie als solche intendiert eine immer wieder neue Auseinandersetzung mit künstlerischen Problemstellungen und verkörpert gleichsam eine stetige Suche nach möglichen Antworten. Katharina Hinsberg geht es nicht vorrangig darum, sich festzulegen, sondern vielmehr ergebnisoffen Studien nicht näher bezeichneter Formen zeichnerisch zu entwickeln. Da die einzelnen Blätter ständig neue Fragen aufwerfen und die Künstlerin in einem ›Zwiespalt‹ zurück lassen, entsteht in ihr eine Unrast, diesen Schaffensprozess fortzusetzen: »Ich stelle mir nur Fragen, aber andauernd (wobei eine unbeirrt zur anderen führt). Denn wie ich es auch drehe und wende, ist ein Zwiespalt Bestandteil meiner Bilder, welche ursächlich darin auftauchen, blättern, greifen, und bildhaft werden im Raum. [...] Lieber als Position zu beziehen, beginne ich untersuchende Bewegungen um unbestimmte Dinge, die immer wiederkehren und sich üben. Am besten stetig, indem ich neu ansetze, fortsetze, weiter zeichne.«(3) Beharrlich und zugleich erwartungsvoll entfaltet sich in dieser unermüdlichen Aktivität eine minimalistische, mitunter poetische Bildsprache.
»Itinerar« heißt die Ausstellung im mpk. Spuren, Routen, Wegenetze eröffnen und verwandeln Räume, die zur Reflexion über Wirklichkeit und Vorstellung, Figur und Grund, Fülle und Leere, An- und Abwesenheit einladen. Im Sinne einer ›Wegbeschreibung‹ gibt die Präsentation, welche markante, zwischen 1999 und 2015 entstandene Arbeiten unterschiedlicher Werkserien kombiniert, einen Überblick über Katharina Hinsbergs konzeptuelle Ideen und Vorgehensweisen.
Aus der 2015 entstandenen Werkgruppe Gitter/Linien zeigt die Ausstellung in strenger Reihung sechs Papierarbeiten mit den Maßen 180 x 150 cm. Jeweils auf ein vorgezeichnetes Raster beziehungsweise Gitter, das aus Quadraten besteht, zeichnet Katharina Hinsberg mit rotem Farbstift kürzere und längere Striche in unregelmäßigen Abständen. Sie folgt dabei keiner mathematischen Ordnung, sondern vielmehr dem akustischen Rhythmus der sich wiederholenden zeichnerischen Geste. Mal erscheinen die spontan hingeschriebenen Linien dicht gedrängt über das ganze Blatt verteilt, mal vereinzelt und spärlich gesetzt. Nach dem Ausschneiden wirken die roten Linien auf den weißen Papiergittern reliefartig, als seien sie einzeln aufgebracht worden. Tatsächlich sind sie aus dem zweidimensionalen Blattgrund frei gestellt, so dass dessen Fläche einen Leerraum ergibt, der wiederum die Wand als Hintergrund des ›Bildgeschehens‹ einbezieht.
Der seriellen Präsentation dieser Arbeiten kommt eine besondere Bedeutung zu, erlaubt sie doch einen Rezeptionsprozess, der nicht nur von Motiv zu Motiv erfolgt, sondern auch verschiedene Blätter in Beziehung setzt, sie zum Beispiel infolge der Ordnung durchgehender horizontaler Zeilen miteinander verknüpft und darüber das räumliche Nebeneinander organisiert, es zu einer Gesamtheit zusammenschließt. Die Wahrnehmung des Betrachters wird durch optische Ähnlichkeiten und Differenzen strukturiert, ähnlich wie bei Satzzeichen oder rhythmischen Musik-Notationen.
Divis (lat. dividere, teilen; divisum, geteilt; in der Typographie: das Divis, Binde-, Trenn-, Ergänzungsstrich) heißt eine Werkserie, die Katharina Hinsberg seit 2011 entwickelt. Ebenso wie bei der Serie Gitter/Linien spielt auch hier die rote Linie eine wichtige Rolle, die sich formal äußerst variativ zeigt: zwei dicht nebeneinander platzierte rote Linienknäuel; eine Serie innerhalb der Serie, bestehend aus einer sich wandelnden roten Kreis- beziehungsweise Ovalform, die im weitesten Sinne an Kopfformen denken lässt; ein hängendes rotes Liniengeflecht, senkrechte, in unregelmäßigen Abständen verlaufende rote Linien, die wie Wollfäden wirken, um nur einige Beispiele zu nennen. Die relativ kleinen quadratischen Blätter (25,5 x 25,5 cm beziehungsweise 30 x 30 cm) bestehen aus gezeichneten und anschließend mit dem Messer freigestellten Linien. Ein weißer Papierrahmen bildet den ›Handlungsraum‹. Rahmen und Figur sind nur scheinbar geteilt. Alle Motive wirken räumlich, reliefartig und dennoch bilden sie mit ihrem geometrischen Rahmen eine einheitliche Ebene. Diese Serie lebt vor allem von ihrem dynamisch-experimentellen Charakter.
Ajouré und Giornate sind die beiden neuesten Werkgruppen Katharina Hinsbergs. Ohne eine Zeichnung als erstem Schritt, entstehen die einzelnen Arbeiten unter Verwendung einer Lupe als reine Papierschnitte. Das Interesse der Künstlerin gilt hier vorwiegend einer äußerst kleinteiligen, sehr dichten Arbeitsweise, die auch meist mit einem kleinen Format verbunden ist. Sie experimentiert mit der Größe der Schnittlöcher, und erreicht über bestimmte Schnittweisen eine oft dynamische, zuweilen räumliche Bildhaftigkeit. Bei den Ajourés (frz. mit Löchern durchsetzt, durchbrochen) greift Hinsberg auf ein Werk aus dem Jahr 2006 zurück und schafft mit den 2014/2015 gefertigten Arbeiten eine neue Abfolge variantenreicher Blätter mit Lochmustern. Ihre textile Anmutung fällt ins Auge. Groß- oder kleinmaschig, gehäkelt oder genäht, geometrisch geordnet oder dynamisch-bewegt, gar in Falten gelegt, wirken die All-over-Motive aus Papier wie Ausschnitte aus einem größeren Ganzen. Ihre räumliche Wirkung verleiht den verhältnismäßig kleinen Dimensionen eine gewisse Großzügigkeit und Offenheit.
Das bisher größte Format der Serie Giornate (Giornata, ital. Tagwerk, Pl. Giornate) mit den Maßen 47,1 x 57,4 cm beeindruckt allein durch seine Ausdehnung, die eine aufwändige Arbeitsweise spürbar macht. Über das Material Papier und die Technik seiner Bearbeitung wird unter anderem Zeit zum herausragenden Bildthema. Dieses Blatt ist während eines einjährigen Romaufenthaltes von Katharina Hinsberg zwischen dem 15.2.2014 und dem 12.2.2015 entstanden. Mit der Serie „Giornate” bezieht sich die Künstlerin auf die ›Tagwerke‹ italienischer Freskomalerei der Renaissance. Durch das tägliche Neuansetzen werden voneinander abgegrenzte Felder sichtbar, die als Flächen auch die Zeiträume der täglichen Arbeitsabschnitte markieren. Das Drehen des Blattes ändert den Schnittwinkel der Löcher im Blatt. Hellere und dunklere Felder changieren je nach Lichteinfall und Bewegung des Betrachters. In ihrer gegenstandsfreien Bildsprache lassen die Arbeiten durchaus ambivalente Assoziationen zu. Denkt man an stoffliche Strukturen, textile Gewebe, ähnlich wie bei den Ajourés, oder eher an eine kultivierte, in Parzellen angelegte, aus der Vogelperspektive sich darbietende Landschaft, oder an etwas ganz anderes?
Ein optisches Verwirrspiel setzt ein, nähert man sich den Arbeiten der Werkgruppe Lacunae (lat. lacuna, Lücke, Loch; Pl. lacunae). Der Blick wechselt zwischen Papiergrund und Leerstelle, zwischen vertikalen Linien und horizontalen Reihungen, zwischen Rot und Weiß. Es ist zunächst schwierig, sich den Entstehungsprozess der Blätter allein aufgrund des visuellen Eindrucks zu verdeutlichen. Der Leer- oder Fehlstelle kommt eine entscheidende Rolle zu. Sie schafft Räumlichkeit, sie trennt und verbindet, sie konturiert und öffnet, sie wird zum Zwischenraum, den die Imagination kontextuell zu überbrücken vermag. Je nach Größe, Anzahl und kompositorischer Anordnung differiert das Gesamtbild eines Werkes erheblich. Solche Überlegungen werden innerhalb der Lacunae-Serie anschaulich, besitzen jedoch ebenso im Hinblick auf das Gesamtwerk der Künstlerin ihre Gültigkeit.
Katharina Hinsberg zeichnet zunächst freihändig mit roter Tusche vertikale Linien auf ein Blatt Papier. Zwischen diesen lässt sie ebenso breite weiße Papierstreifen stehen. Bis auf kleine schräg angeschnittene rote Flächen, die wie Stege die weißen Papierstreifen miteinander verbinden, schneidet sie die roten Bahnen aus. Die Zeichnung verschwindet beinahe, besser, sie wird teilweise mit Leerstellen durchbrochen. Flächen und Räume treten miteinander in einen Dialog, bilden ein Netzwerk.
Erst die Serie ermöglicht, bei gleicher Arbeitsweise, eine Wahrnehmung differenzierter Wirkungen, die von den beiden 2012 entstandenen kleinen Blättern und dem in unmittelbarer Nachbarschaft platzierten Großformat aus den Jahren 2013/2014 ausgehen. Hinzu kommt, dass Katharina Hinsberg die Farbe Rot (4) seriell einsetzt. In den beiden kleinen Formaten wirken die roten Flächen wie in Zeilen horizontal angeordnet. Im Gegensatz dazu sind sie auf dem großen Blatt wie zufällig platziert, jeglicher Ordnung enthoben. Das Auge springt zwischen regelmäßigen beziehungsweise zufällig anmutenden Setzungen hin und her. Hier nutzt Hinsberg auch die formal-ästhetische Wirkung des Abstandes, also das ›Dazwischen‹, sei es Papierfläche oder Leerstelle.
Zwei großformatige Arbeiten aus der Werkgruppe Netze von 2003 und zwei kleinere, gerahmte Formate aus dem Jahre 2013 begegnen einander in einem weiteren Ausstellungsraum. Spontan hingeschriebene Graphitlinien – zuweilen mit einer langen Stange, an deren Ende sich ein Graphitstift befindet, im Stehen ausgeführt – ergeben mehr oder weniger dichte Liniengefüge. Die einander überlappenden Linien bilden nach dem Ausschneiden des Blattgrundes ein sich selbst tragendes Gewebe. Filigran und sensibel muten diese Papiernetze an. Zugleich wohnt ihnen eine eigene, fast haptische Plastizität inne. Die beiden Großformate hängen, punktuell mit feinen Stecknadeln befestigt, frei vor der Wand. Eine leichte Wellenbewegung oder – je nach Lichteinfall – eine differierende Schattenbildung, verstärken den Eindruck textiler Stofflichkeit, zumindest aus der Ferne. Nähert sich der Betrachter, erkennt er ein papierenes Liniengefüge in gestischer Großzügigkeit oder in feiner Undurchdringlichkeit. Die Netze öffnen oder verdichten sich. Diese Serie vermag Gegensätzliches pointiert zur Sprache zu bringen. Wendet man nun die Aufmerksamkeit den kleineren, benachbarten Netzen zu, stellen sich Assoziationen wie Pfade, Weggabelungen, Spuren, ein. Zusätzlich lassen sich bei genauerem Hinsehen Spuren von Graphitlinien als (Vor)Zeichnung erkennen. Hinsberg blendet so unterschiedliche Wegenetze ineinander. Bei den Netzen werden zum Ausschneiden meist zwei Blätter übereinander gelegt. Sie bilden aber nach dem Arbeitsprozess kein Paar wie beispielsweise bei den Diaspern, sondern sind als Einzelwerke zu sehen.
Die große, zweiteilige Papierarbeit Diaspern I + 0, 2007/2009, zeigt fallende, fließende Linien. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass die gebündelten langen Striche nicht unmittelbar gezeichnet, sondern durch die von Katharina Hinsberg praktizierte Schnitttechnik entstanden sind. Neben den ›positiven‹ Linien der Netze muten sie wie ›negative‹ Spuren, Verläufe, Fäden an. Anwesenheit und Abwesenheit stehen hier unter anderem wieder zur Diskussion. Auf Blatt I zeichnet Hinsberg mit Graphitstift und legt es dann über ein zweites, leeres Blatt 0. Beide Blätter bearbeitet sie dann mit dem Messer so, dass sie die Linien in Abschnitten einzeln aus dem Blattgrund schneidet. In diesem Vorgang überträgt sie die geschnittenen Silhouetten auf das leere, zweite Blatt. Die sichtbaren Schnitte, also die Negativräume, zeigen sich beinahe identisch auf dem unteren Blatt 0. Der Titel Diaspern bezieht sich auf eine Webtechnik persischen Ursprungs, mit der man im 13. und 14. Jahrhundert in Lucca, das als Seidenzentrum galt, ein- oder zweifarbige Damast ähnliche Seidenstoffe herstellte.
Eine etwas ältere Arbeit aus der Serie Diaspern I + 0, 2003/2006, 2-teilig, besteht aus je zwei Papierbahnen. Auf den großformatigen Blättern sammeln sich kurze, wie Hiebe ausgeführte Striche, in Form von Leerstellen, unregelmäßig über die gesamte Fläche verteilt, ganz so als würden sich Vogelschwärme formieren, um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen. Die bildkonstituierende Licht- und Schattenverteilung unterstützt dieses fiktive ephemere Moment.
Bei den Schattenzeichnungen wird dies erst recht deutlich. Dem Flüchtigen eine adäquate Form oder besser einen spürbaren Ausdruck zu verleihen, in dem Bewusstsein, es nicht festzuhalten zu können, das spiegelt die von Katharina Hinsberg seriell angelegte Folge wider, aus der fünf Blätter in der Ausstellung zu sehen sind. Während ihres Aufenthalts als Artist in Residence der Chinati Foundation in Marfa/Texas, USA, im Jahre 2000, entstehen diese Zeichnungen. Als Beifahrerin zeichnet sie im fahrenden Auto, auf einem vor ihr auf den Knien liegenden Blatt, Schatten nach, die auftauchen, weiter wandern, anwesend sind und sogleich wieder verschwinden. Indem Hinsberg die gezeichneten Spuren anschließend ausschneidet, löscht sie sie in gewisser Weise, entfernt beziehungsweise verwandelt das handschriftliche Moment. Dadurch entstehen Durchlässigkeit und Offenheit zum Raum hin. Einfallendes Licht ergibt zusammen mit der Bewegung des Betrachters ein Licht- und Schattenspiel, das sich in Form dunkler Flächen und Räume vor der weißen Wand zeigt. Es wird über die Serie variantenreich visualisiert und damit erlebbar. Zu Ihrem Vorgehen äußert sich Hinsberg wie folgt: »Ich versuche in meinen Zeichnungen, etwas wie anhand von Netzen einzufangen, vielleicht in der Absicht, es schließlich betrachten oder irgendwie bildhaft verdingen zu können. Dabei bleiben Bilder unbedingt flüchtig: dergestalt schimmernde Schemen.«(5)
Um eine Schattenzeichnung ganz anderer Art geht es bei dem Werk Nulla dies sine linea #4 (kein Tag ohne Linie)(6). Die einzige Skulptur in der Ausstellung, ebenfalls aus Papier, ist eine 2001 konzeptuell angelegte, bisher in vier Fassungen entstandene Arbeit, die man als hintergründigen Kommentar unter anderem zu dem Thema Handschrift und Kopie lesen kann. Nulla dies sine linea besteht aus 931 aufeinanderliegenden Einzelblättern, die einen Würfel von 21 x 21 x 21 cm ergeben. Die erste Linie auf dem untersten Blatt, die dieses genau halbiert, zieht Katharina Hinsberg mit Tusche und Lineal. Darauf legt sie ein zweites Blatt und zeichnet die durchscheinende erste, als Schatten sichtbare Linie von Hand so genau wie möglich nach. Ein Verfahren, das sie Blatt für Blatt wiederholt. Dabei summieren sich die geringen Abweichungen von Mal zu Mal, so dass sie sich an zwei von vier Seiten und auf dem obersten abschließenden Blatt als eine unregelmäßig verlaufende Linie zeigen. Somit entwickelt die Zeichnung als zunächst gebundene, kopierende Linie in ihrer strikten Wiederholung eine ihr eigene handschriftliche Dynamik und Ästhetik.
Di Segno (ital. disegno, Zeichnung; segno, Zeichen; lat. designare, bezeichnen, zeichnen, im Umriss darstellen), aus dem Jahre 1999, die älteste Arbeit in der Ausstellung, besteht aus 6 x 19 Blatt (114 Blatt, je 30 x 24 cm) mit Graphit auf Papier gezeichnet, ausgeschnitten und jedes Blatt zwischen zwei Glasscheiben gelegt. In sechs Reihen auf einer Wand präsentiert, haben die Blätter immer denselben Abstand voneinander. Die konzeptuell angelegte Arbeit lässt ein Bild aus dem anderen, eine Zeichnung aus der anderen hervorgehen. Zu Beginn entsteht eine Vorzeichnung. Dieses Motiv des ersten, nicht gezeigten Blattes, ist die Grundlage für weitere Transformationen und wird sechs Mal abgezeichnet, in einem Verfahren, das die Künstlerin von Blatt zu Blatt wiederholt. Mit dem Blick studiert sie die Vorzeichnung intensiv, mit dem Ziel, das Motiv parallel ganz genau abzuzeichnen, ohne dabei auf ihren Stift zu sehen. Dabei entsteht eine Vorstellung von dem, was sie zeichnet, ohne dass sie diese Vorstellung, das Motiv und ihre Zeichnung visuell vergleichen und zeichnerisch in Übereinstimmung bringen kann.(7) Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty stellte folgende Überlegung zur Beziehung von Bild, Zeichnung und Kopie an, bei der er auf das ›Imaginäre‹, das in der Vorstellung Vorhandene, verweist: »Das Wort ›Bild‹ (image) hat einen schlechten Ruf, weil man gedankenlos geglaubt hat, daß eine Zeichnung ein Abdruck, eine Kopie, ein zweites Ding sei, und das geistige Bild eine Zeichnung dieser Art in unserer privaten geistigen Rumpelkammer. Wenn nun aber das Bild nichts dergleichen ist, so gehören Zeichnung und Gemälde ebensowenig wie das Bild der Sphäre des An-sich an. Sie sind das Innen des Außen und das Außen des Innen, das die Doppelnatur des Empfindens möglich macht, ohne die man niemals die Quasi-Gegenwart und die imminente Sichtbarkeit verstehen könnte, die das ganze Problem des Imaginären ausmachen.«(8)
Hinsbergs ›Zeichnungen‹ entstehen nicht als Skizze oder Entwurf im Sinne einer Vorbereitung für das eigentliche Werk, sondern als autonome, seriell angelegte künstlerische Äußerungen. Jedes Motiv ist zugleich Abbild einer vorausgegangenen aber auch Vorbild einer folgenden Zeichnung. Dabei entfernt sich die Zeichnung mit den wiederholten Etappen des Abzeichnens immer weiter von dem ursprünglichen abwesenden Bild. Die Parallelität der gleichen Bildetappen ermöglicht zwei vergleichende Blickachsen: von links nach rechts die graduelle Veränderung des Bildmotivs innerhalb einer Reihe, und vertikal die zunehmenden Differenzen innerhalb der gleichen Zeichenetappen.(9) Die serielle Arbeitsweise birgt bei diesem Beispiel grundsätzlich die Möglichkeit einer Fortsetzung. Auch wenn die Künstlerin mit der Vorzeichnung den Anfangspunkt und mit der Anzahl der Blätter den Endpunkt festgelegt hat, ist eine Fortführung prinzipiell nicht ausgeschlossen.
Offen und frei wendet Katharina Hinsberg das Prinzip der Serialität auf die Installationen Marginalis, 2004-2015, und Outline, 2015, an. Jeweils auf bestimmte Raumsituationen bezogen, reagieren diese Arbeiten auf architektonische Maße und Proportionen. Marginalis (lat. margo, der Rand; marginalis, zum Rand gehörig) besteht aus roten Rahmen. Mit roter Acrylfarbe auf Papier gezeichnet, bleiben diese nach dem Ausschneiden übrig, als Außen- und Innenränder, die sich vom inneren Leerraum, der bei einem größeren Rahmenexemplar keinerlei Unterteilung erfährt, abheben. Die kleineren Formate sind in geometrische Felder geteilt und wirken für sich und zugleich im großen Zusammenhang räumlich. Die Wand wird zum sichtbaren Hintergrund. Denn aus einem Fundus zahlreicher, über Jahre hinweg entstandener Varianten, mit den Maßen 21 x 15 cm beziehungsweise 21 x 29,7 cm oder 29,7 x 42 cm, wählt die Künstlerin Anzahl und Motive aus, die sie rhythmisch an drei Wänden platziert und dadurch miteinander in einen Dialog treten lässt.
Die Arbeit Outline ist im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern entstanden. Die Künstlerin transferiert den geschlossenen rechteckigen Umriss der Zwischenwand im Graphischen Kabinett (Höhe 3 m x Breite 5 m), mittels einer, diesen Dimensionen entsprechenden, roten Mantelschnur (Länge 16 m) und feinen Nägeln Punkt für Punkt – als ›work in progess‹ – in eine lineare Form auf der Wand. Die feinen Nägel belässt sie bewusst an Ort und Stelle. Diese verweisen auf die prozesshafte Entstehung und machen die Etappen von der architektonischen Außengrenze der Wand zu einer Binnenform innerhalb der Wandfläche nachvollziehbar.
Zeichnung präsentiert sich im 21. Jahrhundert weit gefächert und stark differenziert. Zugleich lässt sich konstatieren, dass es keine festgelegte Definition dessen gibt, was genau Zeichnung ausmacht. Sensibel und variationsfreudig entfaltet das seriell angelegte Werk von Katharina Hinsberg facettenreiche Wirkungen, indem sie die Wahrnehmung an sich zum Thema macht. Vermeintliche Grenzen werden überschritten, indem die Künstlerin malerische, skulpturale, installative Vorgehensweisen einbezieht und dadurch das Medium in seiner Erlebbarkeit erweitert. Zudem vermag sie Zeichnung zu verräumlichen, dadurch zu öffnen. Zeichnung ist für sie unter anderem »Bildrand, Schnitt, Rand zum Raum, Bildkonstituierendes«.(10) Sie versteht Zeichnen als »Grenzgang«, als »ein Bestimmtes zwischen unbestimmten Umgebungen«, als »ein Phänomen [...] des Rührens an (damit bestimmte) Wirklichkeit«.(11)
Eine Definition mag treffend die Intention Katharina Hinsbergs zusammenfassen:
»Es ist eine Art beweglicher Reziprozität zwischen Existenz und Inexistenz, die das Wesen der Zeichnung ausmacht. Die Frage der Zeichnung unterscheidet sich deutlich von der Frage in Hamlet: Nicht ›Sein oder Nichtsein‹, sondern ›Sein und Nichtsein‹.«(12)
1 Vgl. Andrea Röpke-Tutkan, ›Serielle Notationen‹, in: gleich und gleich und gleich und anders, Serialisierungen in der Kunst seit den 1960er Jahren, Ausst.kat., hrsg. von Silke von Berswordt-Wallrabe, Maria Schulte, Annette Urban, Situation Kunst (für Max Imdahl), Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, 6.9. bis 8.11.2015, S. 90f. Zu unterschiedlichen seriellen Verfahren siehe: Elke Bippus, Serielle Verfahren, Pop Art, Minimal Art, Conceptual Art und Postminimalism, Berlin 2003.
2 Katharina Hinsberg, ›Felder Zeichnen‹, in: Katharina Hinsberg, Die Annahmen der Linie, hrsg. von edith wahlandt galerie, Stuttgart 2007, S. 138–146, hier: S. 139.
3 Katharina Hinsberg, ›Scholie‹, in Katharina Hinsberg, Die Annahmen der Linie, hrsg. von edith wahlandt galerie, Stuttgart 2007, S. 93–94.
4 Rot beziehungsweise Rotorange ist die einzige Farbe, die Katharina Hinsberg in verschiedenen Werkgruppen verwendet, weil diese Signalwirkung hat und keine Naturassoziationen nahelegt, vgl. Andreas Schalhorn, ›Präparierte Linie, erweiterte Räume. Zu Katharina Hinsbergs zeichnerische Arbeiten auf Papier‹, in: Katharina Hinsberg, Itinerar/Traces, hrsg. von der Galerie Fahnemann, Berlin, anlässlich der Ausstellung »Vorzeichnungen (Linie, Rand, Grund)«, 25.2. bis 29.3.2024, Galerie Fahnemann, Berlin, [o.S.].
5 Katharina Hinsberg, ›Felder Zeichnen‹, in: Katharina Hinsberg, Die Annahmen der Linie, hrsg. von edith wahlandt galerie, Stuttgart 2007, S. 138–146, hier: S. 139.
3 Katharina Hinsberg, ›Scholie‹, in Katharina Hinsberg, Die Annahmen der Linie, hrsg. von edith wahlandt galerie, Stuttgart 2007, S. 138–146, hier: S. 146.
6 Der Titel geht auf die Apelles-Anekdote nach Plinius d.Ä. zurück, wonach der im 3. Jh. v. Chr. lebende Maler Apelles, nie einen Tag vergehen ließ, ohne durch das Ziehen einer Linie, sein Können zu üben. Plinius berichtet über einen Wettstreit zwischen Protogenes und Apelles, der die Idee der unverwechselbaren Handschrift in der Kunstgeschichte eingeführt hat. So soll Apelles eine Linie von höchster Feinheit über eine Tafel in Protogenes’ Werkstatt auf Rhodos gezogen haben, als dieser abwesend war. Im Moment seiner Rückkher erkannte der Hausherr allein an der Linie, dass sie von Apelles stammen müsse. Vgl. Carmela Thiele, Zeichnung, Köln 2006, S. 20.
7 Katharina Hinsberg in einer E-mail vom 13.10.2015 an die Autorin.
8 Maurice Merleau-Ponty, ›Das Auge und der Geist‹, 1961, in: Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, Philosophische Essays, Philosophisches Bibliothek, Bd. 530, neu bearbeitet, kmmentiert und mit einer Einleitung herausgegeben von Christian Bermes, Hamburg 2003, S. 275-317, hier: 282.
9 Katharina Hinsberg in einer E-mail vom 13.10.2015 an die Autorin.
10 Katharina Hinsberg, ›Holder‹, Brief 13. Mai 2001, in: Katharina Hinsberg, Die Annahmen der Linie, hrsg. von edith wahlandt galerie, Stuttgart 2007, S. 64.
12 Alain Badiou, in: Lacanian Ink 28, 2006, S. 44, zit. nach Räume der Zeichnung, hrsg. von Angela Lammert, Carolin Meister, Jan-Philipp Frühsorge, Andreas Schalohorn, Dokumenation des Symposiums, 13. bis 15. Oktober 2005, Akademie der Künste, Berlin; Staatliche Akademie der Künste Berlin, Kuperstichkabinett – Sammlung der Zeichnungen und Druckgraphik, Berlin 2007, S. 189.
in:
Annette Reich: Serielle Notationen. Zeichnungen auf Papier, Papierschnitte, in: Lacunae. Katharina Hinsberg, hg. von Museum Pfalzgalerie Kaiserlautern, Ausst. Kat. Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Kaiserslautern 2015, S. 69–80.
Annette Reich: Serielle Notationen. Zeichnungen auf Papier, Papierschnitte, in: Lacunae. Katharina Hinsberg, hg. von Museum Pfalzgalerie Kaiserlautern, Ausst. Kat. Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Kaiserslautern 2015, S. 69–80.