Zeichnung als Spaltung

Johannes Meinhardt

Katharina Hinsberg versteht und behandelt Zeichnung von einer sehr grundsätzlichen Ebene aus, auf welcher Zeichnung vor allem Trennung (Spaltung, Scheidung) oder Unterscheidung ist; an der Linie der Zeichnung, an der Graphie oder dem Riss, unterscheidet und trennt sich etwas, das vorher als Unterschied nicht existiert hat: eine Zeichnung artikuliert zwei visuell unterschiedene Flächen auf dem Papier (Zeichnung als kompositionelle Linie oder als Umriss); sie artikuliert die Trennung zweier Flächen, den Schnitt oder Riss, der zwei materiell getrennte ›Hälften‹ entstehen lässt (das Symbolon, die zerbrochene Münze); sie artikuliert den Unterschied zwischen einem Innen und Außen bzw. einem Körper (einem Innenraum) und dem Raum (Zeichnung als Form); sie repräsentiert (und präsentiert) eine Abwesenheit, die durch die Linie im Symbolischen angezeigt oder markiert wird (die Zeichnung als Zeichen, als ›Schrift‹, als Graphie, als signifikante Einheit); sie produziert in weiteren Stufen sogar die Unterscheidung zwischen dem Original und der Kopie, zwischen der Kunst und dem Kunsthandwerk, zwischen dem Werk und der graphischen Reproduktion, zwischen dem Model (oder der Gußform bzw. Matrize) und dem Abguss oder Abdruck, zwischen dem Prototyp oder Modell und den identischen seriellen Produkten – und so zuletzt zwischen negativer und positiver Form. Diese grundsätzliche Vieldeutigkeit von Zeichnung (als Umriss, Riss, Spaltung, Form, Teilung, Verzweigung, Kante, Schnitt, Linie, Symbolen, Zeichen, Schrift, Graphie) liegt jenseits der konventionellen Unterscheidung von Zeichnung als idealer schöpferischer Linie (von Zeichnung im Sinne eines Kunstwerks) und von Zeichnung als realer materieller Kante von (flachen) Gegenständen. Denn es kann nicht mehr um den Ursprung der Zeichnung in einer definitionslosen oder neutralen Ur-Graphie gehen (Zeichnung wird immer schon in bestimmten Wahrnehmungs- und Kontextzusammenhängen wahrgenommen), sondern darum, beide Seiten des Blattes (bzw. der Münze) oder beide Teile des Schnitts (bzw. beide Teile des zerbrochenen Symbolon) oder beide unterschiedliche Einstellungen und Realitätstypen wieder zusammenzubringen; was nicht impliziert, sie zu einer neuen Einheit zu verschmelzen (ein solcher Wunsch wäre dem Phantasma und dem Begehren eines unversehrten Ursprungs, der sich rekonstruieren ließe, hilflos ausgeliefert), sondern umgekehrt, sie in ihrer irreduziblen Differenz zu sehen und zu verstehen – also sie nicht einzeln oder hierarchisch wahrzunehmen (wodurch immer einer der beiden Terme oder Teile unterdrückt wird), sondern in ihrer differentiellen Beziehung zueinander. Bei Katharina Hinsberg ist Zeichnung deswegen immer mehrschichtig, ein mehrstufiger Prozess, dessen unterschiedliche Stufen oder Ebenen einander konterkarieren und in Frage stellen. Die Frage danach, was denn Zeichnung überhaupt sei, und ebenso die Unmöglichkeit, diese Frage sinnvoll zu stellen, ergibt sich quasi von selbst in diesem Prozess; einem Prozess, der aus unlösbaren Widersprüchen komponiert ist, der unvereinbare Begriffe von Zeichnung in ein Spiel bringt. 

Das beginnt mit – auf den ersten Blick – traditionellen Handzeichnungen. In den früheren Découpagen (seit 1996) zeigen die Zeichnungen in der Landschaft gefundene Verzweigungsformen oder Bifurkationen, die jedoch nicht die Landschaft oder in ihr gesehene Formen direkt abbilden, sondern sich infolge der Bearbeitung durch Erinnerung und durch Wiederholung stark verändern; bei späteren Arbeiten, etwa der Werkgruppe Division (2002), entstammen die kurzen, nahezu parallelen Linien auf den Blättern fast motorischen Einsätzen, einem bloßen ›Fallen der Hand‹, einem ›Regnen der Linie‹. Dieses ›Fallen‹ oder ›Regnen‹ ist ein stark rhythmisches oder musikalisches Geschehen, das mehr vom Ohr geleitet oder angeregt wird als vom Auge – die Hand wird nicht überwacht, sondern folgt einem Rhythmus über die Papierfläche. Diese graphischen oder fast nur motorischen Einsätze sind nicht völlig neutral oder gar antimimetisch; sie bewahren ein gewisses Maß an biographischer Bedeutung, erinnern an die Situation des Findens oder zumindest an den Prozess ihrer Herstellung. Sie lassen sich deswegen durchaus als Zeichnung im starken und traditionellen Sinn ansprechen. Doch schon auf der Ebene der einzelnen Handzeichnungen wird ein erster Widerspruch zwischen den ›authentischen‹ Gehalten der Zeichnung (bezogen aus dem subjektiven oder expressiven Bedeutungsgehalt der Linie), die selbst schon durch Wiederholungen und eine fast intentionslose Motorik der Hand in Frage gestellt sind, und der antiidealistischen und nicht schöpferischen Verfahrensweise des Kopierens oder Nachzeichnens aufgerissen. In der Arbeit nulla dies sine linea (kein Tag ohne Linie) von 1999 hat Katharina Hinsberg eine erste, mit dem Lineal gezogene gerade Linie durch ein darüber gelegtes Blatt Papier hindurch mit der Hand abgepaust oder nachgezeichnet; diesen Vorgang hat sie insgesamt 920 mal wiederholt, so dass sich ein Würfel aus Papierblättern ergeben hat, durch den eine komplex gekrümmte Fläche (eine Trennfläche) aus übereinanderliegenden, immer weniger geraden Linien hindurchläuft. 

In einem zweiten Schritt schneidet Katharina Hinsberg diese Linien aus; sie schneidet auf beiden Seiten des Graphitstrichs höchst sorgfältig in das Blatt (oder, in vielen Arbeiten, auch noch in ein zweites, darunter liegendes Blatt), so dass sich zuletzt die ›Zeichnung‹ als höchst futiles, zartes und vergängliches Papiergespinst aus dem Blatt heben lässt – wobei das Blatt die Negativform dieser Ausschnitte, dieser Découpagen jedoch bewahrt und sie, in einer mehrdeutigen Abwesenheit, bezeichnet und zeigt; diese von einer Art Fraßspuren oder Wurmlöchern zerfressenen Papierblätter sind, unter dem Titel Zirkumstanzen (das, was um die leere, um das Ausgeschnittene herum stehenbleibt), selbst Zeichnungen; aber Zeichnungen, die wie Gußformen oder eher Schablonen nicht eigenständig hergestellt wurden, sondern Negativformen einer Zeichnung bilden, diese verdoppeln – auf diese Weise wird die erste, ›authentische‹ Zeichnung, das Werk, durch eine zweite Zeichnung, einen Schnitt oder eine Art Graphik, eine kunsthandwerkliche Arbeit, verdoppelt oder eher in sich selbst aufgespalten (wobei die Reproduzierbarkeit oder Wiederholbarkeit der Zeichnung durch Graphik noch klarer durch ein zweites Blatt betont wird, das, unter der Zeichnung liegend, mit ausgeschnitten wird, und das keine Spuren des Graphits der Zeichnung oder des Schmutzes der Hand aufweist). 

Die extrem leichten und verletzlichen Découpagen können, an Stecknadeln aufgespießt, an die Wand geheftet werden; sie sind zugleich kleine Objekte (in einem postminimalistischen Sinn), die ihre eigene Materialität und den vorgefundenen Ort markieren, und kleine Zeichnungen, die die kreative Arbeit eines künstlerischen Subjekts zu sehen geben. Doch ist dieser gewichtige Gegensatz in ihnen so sehr durch die Leichtigkeit und Vergänglichkeit dieser Papiergespinste aufgelöst, dass sie eher in eine neue Wahrnehmungskategorie des ›Fast nichts‹, des Flüchtigen und Verschwindenden fallen. 

Das Ausschneiden verdoppelt die Zeichnung: der Schnitt wird nach der Zeichnung gefertigt (wie in den traditionellen graphischen Künsten), während diese ›nach der Natur‹ oder ›mithilfe der Natur‹ (der Hand) verfertigt wurde. Der Schnitt situiert sich aber in einem anderen Zeichentyp, in einer materiellen Spur einer leiblichen Arbeit und nicht mehr in der geistigen Tätigkeit eines schöpferischen Akts eines sich ausdrückenden Subjekts; oder er ersetzt diese sogar, ein handwerklich gefertigtes Zeichen ihrer Abwesenheit. Das Handwerk des Ausschneidens ist autorlos, ist eine Tätigkeit, die nur vorgegebene Aufgaben erfüllt. Der Prozess des Ausschneiden der Zeichnung verändert (Veränderung durch Spaltung oder Verdoppelung) diese grundlegend: die Bewegung der Hand im Zeichnen war schnell und frei, bis hin zu einem flüchtigen Graphismus, und deswegen sind auch die gezeichneten Linien zügig und flüssig; die Arbeit des Ausschneidens dagegen ist eine langsame, sorgfältige Tätigkeit, ein wortwörtliches Nachziehen oder Nachzeichnen, eine Arbeit, die technisch-neutral geleistet werden muss – und auch von anderen geleistet werden könnte. Dieses Ausschneiden ist, noch über die Entgegensetzung von freier Hand und Handwerk, von Kunstwerk und technischer Kopie hinaus, mehrdeutig: die gezeichnete Linie wird beseitigt, wird weggeschafft (herausgeschnitten), aber zugleich dadurch noch verstärkt und vergröbert; die ausgeschnittene Leerstelle im Blatt bewahrt die Zeichnung nicht als Abbildung, als ikonische Kopie, sondern als materiellen Index ihrer Beseitigung, der aber ikonisch lesbar ist (dieses Ausschneiden ist also mit der Photographie verwandt, in der das Diagramm des energetischen Prozesses der Einschreibung des Lichts in eine rezeptive Schicht ikonisch, als Bild gelesen wird). 

in:

Johannes Meinhardt: Zeichnung als Spaltung, in: Katharina Hinsberg. Division, hg. von Ute Christine Berger, Ausst. Kat. Städtische Galerie am Markt, Schwäbisch Hall 2002. (Anm. keine Seitenzahlen im Katalog vorhanden.)

Gekürzte Version in:
Johannes Meinhardt: Zeichnung als Spaltung, in: Kunstbulletin, 1/2, 2003, S. 28–31.