Zeichnung: Raum, Zeit und Bewegung

Thomas Köllhofer

Zeichnung ist immer die Folge von Bewegung. Insbesondere bei der Linie wird offensichtlich, dass sie im Verlauf einer bestimmten Zeit von einem Punkt zu einem andern gezogen wurde. Deshalb lässt weniges im menschlichen Schaffen die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Zeit so sichtbar werden wie die Linie. Diese Feststellung scheint banal, weil alle Handlung, jede Bewegung letztlich in einer definierbaren Zeit fassbar ist. Und doch kann vor allem das lineare ›Produkt‹ seine Existenz als das Resultat von Bewegung in der Zeit – den Verlauf seiner Entstehung also und dessen Dauer zugleich – vermitteln. Diese Verlaufszeit jedoch ist nicht identisch mit der Zeit, die ein betrachtendes Auge braucht, um das Gezeichnete zu erfassen. Denn jegliches Betrachten folgt dem linearen Geschehen in einem je eigenen Wahrnehmungsmodus.

Folgen von Linien, Strichen oder Schraffuren, die auf ein Blatt gezeichnet werden, entstehen aus vielen kleinen Bewegungen von Hand und Arm. In dieser Hinsicht entwickeln KünstlerInnen unterschiedliche ›Handschriften‹, weshalb ein geübtes Auge die jeweiligen KünstlerInnen an ihrem ›Strich‹ erkennenund etwa Fälschungen vom Original unterscheiden kann. Auch die Zeichnungen von Katharina Hinsberg und Monika Grzymala charakterisiert ein unverkennbarer ›Strich‹. Allerdings entwickelt sich dieser nicht in der Zweidimensionalität von Papier, sondern im Dreidimensionalen der wirklichen Welt und ist als graphisches Werk Ausdruck einer ganzkörperlichen Bewegung. Hinsberg und Grzymala sind u. a. Raumzeichnerinnen, deren Körper in Teilen das Maß ihrer Zeichnungen sind. So verlaufen die Höhen- und Tiefenbewegungen der Linien bei Hinsberg in den Bereichen, die ihr ausgestreckter Arm bei aufrechter Haltung nach oben und unten erreichen kann. Bei Grzymala wiederum verdichtet sich das Lineament zu einer Art Physiogramm ihrer raumbezogenen Bewegungsabläufe. Entsprechend gibt sie für ihre Raumzeichnungen aus Klebeband grundsätzlich auch die dazugehörige Kilometerzahl des verwendeten Bandes an, um ein zumindest annäherungsweise nachvollziehbares Zeitmaß zu vermitteln.

Im Unterschied zur Zeichnung auf Papier, auf Wänden oder Gegenständen, wird bei einer Raumzeichnung keine andere Wirklichkeit suggeriert oder eine Erweiterung der gegenwärtigen imaginiert. Vielmehr führen Linien durch die dritte Dimension, legen messbare Strecken zurück oder umkreisen Binnenräume. Dabei ist auch hier nicht die Linie als solche ein raumhaltiges Element: sie verändert und erweitert in ihrer Beziehung zu dem sie umgebenden und durch den von ihr ›ge- und bezeichneten‹ Raum dessen dreidimensionale Erfahrung.

Katharina Hinsberg hat eine durch kleine Kugeln markierte Linie geschaffen, die auf- und absteigend durch alle Räume der Ausstellung mäandert. Offenkundig einlinig, ist diese Linie im Raum gleichwohl als Synthese zweier Bewegungsfolgen entstanden. Denn zunächst hatte die Künstlerin mit Kreide eine kurvende Linie auf den Boden, eine andere in Bleistift über die Wände gezogen. Anhand von Punkten, die auf beiden Linien in Abständen von je zehn Zentimetern markiert wurden, konnten fortlaufend Schnittpunkte beider Linien im Raum fixiert und jeweils eine Kugel aufgehängt werden.

Ein wesentliches Charakteristikum dieser so entstandenen Linie im Raumist, dass sie sich, trotz aller vorbereitenden Präzision, der sie ihre formale Erscheinung verdankt, ihre eigenen Wege sucht. Dennobgleich Wand- und Bodenlinie das Ergebnis eines so bewussten wie intuitiv suchenden Bewegungsablaufs sind, ergab die Verbindung dieser zwei Linien eine Raumzeichnung, deren Verlauf von der Künstlerin im Nachvollzug veranschaulicht, nicht jedoch vorab im Detail konzipiert werden konnte. Aus ihrer bedingten Freiheit jedoch schöpft die eigentümlich selbstvergessen, sich wellenhaft dahinziehende Linie im Raumihre tänzerisch anmutende Poesie.

In ihrer Gesamtheit ist Katharina Hinsbergs Raumlinie nicht zu überblicken. Selbst innerhalb ein und desselben Raumes lässt sich das entsprechende Teilstück nur sukzessive erfahren. Dazu trägt auch die eigenwillige Dynamik dieser schwingenden Linie bei. Denn einer Geraden folgt unser Blick leichter, er kann sie schneller erfassen als unregelmäßiges Kurven, Hin und Her oder Auf und Ab. Dennoch passen sich die Augen der BetrachterInnen der Linienbewegung umgehend an mit ihrem raschen Dahingleiten, kurvigem Abbremsen und Schwungverlieren im Aufwärts, um am Scheitelpunkt für einen Augenblick schwerelos schwebend zu verharren, bevor es wieder, im Abwärtsgleiten sich beschleunigend, weitergeht.

Da Hinsbergs Raumzeichnung in ihrer konzeptionellen Ganzheit nur zu begreifen ist, wenn sie im Schauen regelrecht erlaufen wird, sind nicht nur die Augen, sondern auch die Füße in Bewegung. Entsprechend ist, so wie Boden- und Wandlinie einerseits und Raumzeichnung andererseits unterschiedliche Bewegungsverläufe verzeitlichen, auch die BetrachterInnenbewegung eine in ihrem Zeitmaß je individuelle.

Anders als Katharina Hinsberg, deren lineare Arbeit wie Töne einer Melodie durch die Räume wandert, nimmt Monika Grzymala mit ihren Raumzeichnungen aus schwarzem, weißem oder/und spiegelndem Klebeband die Ausstellungsräume nachgerade in Beschlag. Ihre Liniensprache erinnert an dynamische Bewegungskürzel aus Comics, an filmische Trickmotive wie die Fäden, die Spiderman ständig und überall als haftenden Klettergriff und Rettungsanker ausschleudert, lässt aber auch an die Strahlenbündel auf Roy Lichtensteins knallbunten Gemälden denken, deren explosive Sprengkraft durch lautmalerisches WHAAMM!, BRATATATA oder BLAM! noch verstärkt wird. Paradoxerweise gelingt es Monika Grzymala mit ihren straff zwischen Boden, Wand und Ecke verspannten, farblosen Linearstrukturen eine vergleichbar krachend-explosive Atmosphäre zu schaffen. Grzymala arbeitet mit Linien, die sie durch die Luft zu werfen scheint, seilartig verdreht, knäuelartig ballt und schichtartig bündelt – teils wirbelnd, teils überkreuz, teils flammenflattrig zwischen Vehemenz und eingefrorener Bewegung und immer wieder bogenförmig auslaufend wie ein ausatmend sich nach innen konzentrierendes Zur-Ruhe-Kommen.

Da Grzymala diese Raumzeichnungen immer eigenhändig ausführt, sind sie deutlich von der Geschwindigkeit und der Motorik der Künstlerin geprägt und werden zu einer Raumzeichnung, deren spannungsvolle Kräfte scheinbar spielerisch die Statik der Wände infrage stellen. Unter Grzymalas Zugriff verwandelt sich der Raum und insbesondere dessen Binnenraum in eine Art plastische Graphik. Dabei beginnt sie bisweilen auch mit einer flächigen Beklebung von Wand und Boden, um erst dann aus strudelnder Verdichtung Liniengefüge zu entwickeln.

Eine einmal gezogene Linie korrigiert Grzymala grundsätzlich nicht. Jede lineare Bewegung bleibt authentischer Ausdruck eines einmaligen, momenthaften Entstehungsprozesses. Das bedeutet, dass die Künstlerin eine ungefähre Vorstellung vom Ergebnis ihres Zeichnens im Raum haben und höchst konzentriert arbeiten muss, sich aber auch einem Workflow überlässt und bereit ist, etwas von der Kontrolle über das Geschehen abzugeben. Nicht zuletzt des ›klebrigen‹ Materials wegen muss sie mit Unwägbarem rechnen und auf Unvorhergesehenes spontan reagieren. Insofern geht Grzymala, ganz ähnlich wie Hinsberg, bei ihren Raumzeichnungen von konzeptionellen Koordinaten aus und bestimmt sie doch nur bedingt in ihrem tatsächlichen Verlauf.

Das angriffslustige Inbesitznehmen und Hinterfragen räumlicher Situationen vermittelt sich den BetrachterInnen von Grzymalas Arbeiten unmittelbar. Zugleich verlangt deren Dynamik, die sich allem und aller zu bem.chtigen scheint, eine ›optische Standfestigkeit‹ gerade auch dort, wo spiegelndes Klebeband räumliche Grenzen aufzulösen beginnt und sich die BetrachterInnen schillernd-changierend selbst gegenüberstehen. Grzymala lotet ›handgreiflich‹ Raumgrenzen aus, während Hinsberg ihre Linie in leichter freier Bewegung durch Raumfolgen ziehen lässt. Ob jedoch lyrisch verhalten oder kraftvoll zupackend – die Raumzeichnungen beider KünstlerInnen rücken ihren BetrachterInnen wortwörtlich zu Leibe und konfrontieren sie mit einem physischen Erleben, das ein rein oberflächliches Wahrnehmen im Vorübergehen unterläuft. Monika Grzymalas Linienbündel und Katharina Hinsbergs filigrane Linie im Raum sind sowohl Zeichnung als auch Plastik. Was zunächst widersprüchlich scheint, kann ein kurzer Blick zurück verständlicher werden lassen.

Im bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschland hat sich der Bildhauer und Zeichner Norbert Kricke (1922-1984) vor allem mit Fragen des Raumes, der Bewegung und der Zeit auseinandergesetzt: »Ich will keinen realen Raum und keine reale Bewegung (Mobile), ich will Bewegung darstellen. Ich versuche der Einheit von Raum und Zeit eine Form zu geben.«(1)

Kricke schuf spannungsvoll-dynamische Linienschichtungen, -bündel und -strukturen von großer raumgreifender Strahlkraft, die er vielfach in Edelstahl ausführte, um durch glänzende Oberflächen Masse und Materie der plastischen Linearform optisch zusammenzuziehen.

Raum, Zeit und Bewegung, die Kricke nicht unabhängig voneinander denken konnte, werden auch von Hinsberg und Grzymala als unauflösliche Einheit wahrgenommen. Im Vergleich zu Krickes weit über sich selbst hinaus- und in die grenzenlose Weite des Raums weisende Lineatur wird allerdings besonders deutlich, dass die zielgerichtete Energie von Grzymalas Raumzeichnungen immer ort- und werkimmanent erhalten bleibt und förmlich in sie zurückgeführt wird; statt eines Aufbruchs ins Freie, also ein Austesten und Kräftemessen – Konzentration, Spannung und energetische Verdichtung. Hinsberg wiederum verbindet mit Kricke maßgeblich auch die intensive Befragung der Schönheit langsam sich kurvender Linien. Deshalb ist selbst Krickes späte, scheinbar rechtwinklig sich entwickelnde Große Raumplastik auf dem Skulpturenplatz der Mannheimer Kunsthalle noch mit Katharina Hinsbergs Linie im Raum verwandt. Hinsberg allerdings charakterisiert trotz äußerster formaler Reduktion einen Bewegungsverlauf, der wesentlich vielfältiger, spielerischer und unberechenbarer ist als Krickes strenge Linienführung. Und vor allem gelingt es Hinsberg, im Linearen zu vermitteln, was von Kricke angestrebt und voll und ganz nur in der Zeichnung gelungen ist: die frei schwebende ›Linie im Raum‹.

Neben dem Werk Norbert Krickes gehört auch das amerikanische ›Action-Painting‹ eines Jackson Pollock (1912-1956) zum prägenden Kontext der KünstlerInnen Hinsberg und Grzymala. Denn so, wie Pollock Farbe auf großformatig ausgelegte Leinwand schleuderte und dabei seine unter Einsatz des ganzen Körpers entstandenen Arbeiten als unmittelbaren Ausdruck physischer wie psychischer Bewegung verstand, sind Hinsbergs und Grzymalas Zeichnungen Ausdruck ihrer Körperbewegungen im Raum und Resultat einer zutiefst vom persönlichen (Er-)Leben bestimmten Linienführung.

Der vergleichende Blick auf Norbert Krickes lineare Raumplastik oder Jackson Pollocks Drip-Paintings greift die Kunst des Informel mit ihrer Konzentration auf prozesshafte Entstehungsmodi, auf gestische Bewegungsnotate und formal offene Strukturen als nur einen, wenn auch zentralen künstlerischen Bezugspunkte auf. Einen vergleichbaren Zugang zum Werk beider KünstlerInnen eröffnen aber auch die Titel von Monika Grzymalas in der Ausstellung gezeigten Werkgruppe Songlines. Das Liniengeflecht auf bzw. in diesen Blättern ist als Abformungen dadurch entstanden, dass die Künstlerin elastische Bänder in einem ebenso spontan-intuitiven wie äußerst konzentrierten Akt in die noch nasse Papiermasse gelegt hat. Indem Grzymala mit Songlines die Traumpfade der indigene Bevölkerung Australiens zitiert, erweitert sich der Assoziationsraum ihrer linearen Abformungen auf ein Wegenetz, das den australischen Kontinent seit Jahrtausenden durchzieht – auf eine Linienführung also, deren tiefer Sinn in der Überlieferung von Mythos, Wissen und Kultur durch Wiederholung in Gesang, Bild und Bewegung liegt.(2)

Müssen die Songlines der indigene Bevölkerung Australiens, die weder sichtbar noch je kartiert worden sind, immer wieder erwandert und im Nachvollzug erspürt und weitergegeben werden, so ist beim Entstehungsprozess der Arbeiten von Monika Grzymala und Katharina Hinsberg die psycho-physische Bewegung der KünstlerInnen, ihr Suchen und Finden zwischen innerem Wissen und äußerer Wahrnehmung von entscheidender Bedeutung.

Selten begegnen uns KünstlerInnen, die sich derart experimentierfreudig mit dem Medium der Zeichnung auseinandersetzen wie Monika Grzymala und Katharina Hinsberg. Beiden KünstlerInnen geht es immer wieder um die Erweiterung der Gattungsbegriffe von Zeichnung und Plastik. Beide arbeiten mit dem Medium der Zeichnung ausgesprochen raumbezogen. Ihre unverkennbaren, im Grunde fast konträren Bildsprachen lassen dabei kaum ahnen, wie nah sich Hinsberg und Grzymala in ihrem Selbstverständnis in vielem sind. Umso aufschlussreicher ist deshalb ein Projekt, das als ungeplante Gemeinschaftsarbeit für die Ausstellung entstanden ist: Während der Vorbereitungsphase haben sie sich nicht nur auf ihr eigenes Arbeiten – sozusagen auf das Selbstgespräch – konzentriert. Sie begannen, und zwar jenseits von praktischen Fragen oder Absprachen, zugleich einen Dialog, der fast ausschließlich über das Medium der Zeichnung vollzogen wurde und dem nun in der Ausstellung ›zugehört‹ werden kann: ein wortloser Dialog auf und mit Papier.

Dafür haben sich die KünstlerInnen zwei Skizzenhefte besorgt, und damit eines der traditionsreichsten Medien der Zeichnung überhaupt, um im wechselseitigen Tausch sowohl im eigenen wie im anderen zu zeichnen. Für die Bearbeitungen wurde nur vereinbart, jeweils in der Mitte eines Heftes zu beginnen und sich gegenseitig nicht zu ›schonen‹, d. h. gegebenenfalls auch in die Zeichnungen der Dialogpartnerin hineinzuarbeiten.(3)

In den folgenden vier Monaten haben Hinsberg und Grzymala gezeichnet, aus- und eingeschnitten, montiert und gefaltet, es wurde etwas ausgeklappt oder eingeschoben, hier ein Klebebandstreifen gezogen, dort Graphitstaub verrieben. Herausgeschnittenes wurde bemalt, an einer Leine befestigt oder in einen taschenartigen Hohlraum gesteckt. Bisweilen kann kaum umgeblättert werden, weil etwas bremsend an den Seiten zerrt. Scheinbar weit entfernt von graphischer Technik, handelt es sich doch durchwegum Formen des Zeichnens. 

Hier wird anschaulich fassbar, wie sehr Grzymala und Hinsberg auch beim Zeichnen das Räumliche mitdenken. Auch ihre grundlegende Entscheidung, ›Gespräch‹ jeweils auf der mittigen Doppelseite des Skizzenhefts beginnen zu lassen, erklärt sich durch ein im graphischen Medium raumbezogenes Denken. Denn abgesehen davon, dass die KünstlerInnen nicht Blatt für Blatt ein vorgegebenes Flächenmaß füllen, begreifen sie das Heft objekthaft bzw. als Fläche, auf und mit der sie arbeiten und gleichermaßen als Volumen, das sie gestalten können. Buchmittig und raumgreifend kommt diesen ersten Zeichnungen deshalb etwas Manifesthaftes zu. Gleichzeitig meint man fast rufen zu hören: »Komm! Spiel mit mir!«. (Nur angemerkt sei in diesem Zusammenhang und mit Verweis auf den Textbeitrag von Petra Oelschlägel, welch großes Maß an gegenseitigem Vertrauen, an Freiheit im Preisgeben des Eigenen und Respektieren des Anderen ein derartiges Wechselspiel voraussetzt.)

Wie aber ist ein ›Buch‹ zu verstehen, dessen Anfang in der Mitte liegt, das ansonsten aber auf jeglichen Hinweis einer daraus folgenden Leserichtung verzichtet und die BetrachterInnen der nun randvollen Hefte sich selbst überlässt? Wollte man tatsächlich von der Mitte aus beginnen, müsste gleich darauf entschieden werden, ob man besser weiter- oder doch zunächst zurückzublättern hätte. Öffnet man die vorhergehende Doppelseite, fragt man sich, ob es vielleicht aufschlussreicher gewesen wäre, die Betrachtung gegenläufig fortzusetzten. Und wie wäre – ob so oder so begonnen – weiter zu verfahren? Vielleicht gibt es gar keine nachvollziehbare Seitenfolge? Dann könnte man die Skizzenbücher genauso gut kreuz und quer oder vom Ende bis zum Anfang oder jeweils vom Anfang bzw. Ende bis zur Mittehin betrachten – und käme doch im nächsten Augenblick erneut ins Grübeln. Denn was gibt es hier eigentlich zu ›lesen‹, wie ist dieses gestaltende Zwiegespräch zu dechiffrieren? Kann es, will es sich überhaupt sprachlich eindeutig erfassen und vermitteln lassen?

Wie auch immer wir uns in den Skizzenbüchern zurechtfinden wollen, der Versuch, sich entlang der künstlerischen Handschrift von Hinsberg oder Grzymala zu bewegen, erweist sich bald als Irrweg. Obgleich sie sich wie im Stilistisch-Formalen so etwa auch hinsichtlich der verwendeten Materialien deutlich unterscheiden, stellen wir staunend fest, dass es immer wieder Doppelseiten gibt, auf denen wohl selbst diejenigen, die vertraut mit dem Werk der KünstlerInnen sind, nicht zu sagen wüssten, welche Blattbereiche von wem gestaltet wurden. Als Frage und Antwort, Feststellung und Ausruf, Erläuterung oder Ergänzung hat sich das Zeichnen im Hin und Her zwischen Grzymala und Hinsberg entwickelt und dabei so ineinander verflochten, dass es zur gemeinsamen Aussage wurde. 

Die Gefahr, sich bei einer (zu-)ordnenden Beschreibung, bei der Suche nach einer ›stimmigen‹ Leserichtung im eigenen Wortgeflecht zu verlieren, ist groß. Weitaus größer jedoch ist die Begeisterung über den schöpferischen Reichtum dieser Skizzenhefte, der sich Blatt um Blatt zu steigern vermag. Monika Grzymala verwendet vielfach Klebeband, Katharina Hinsberg zieht Schnittlinien mit dem Skalpell. Beide KünstlerInnen zeichnen auch hier bisweilen mit allen zehn Fingern statt mit Stiften auf dem Papier – wie sonst etwa auf dem Kopierer (Grzymala) oder an Wänden (Hinsberg). Herausgeschnittene Flächen erlauben Ein- und Durchblicke. Beim Blättern entstehen sich wandelnde plastische Gebilde. Versucht man nachzuvollziehen, wie sich das eine aus dem anderen und das andere aus dem einen entwickelt hat, entdeckt man im Formalen Witz und Ironie, wird mitgerissen von der Lust am Zeichnen, vom spielerischen Umgang und von der großen Unbefangenheit und Freude in der künstlerischen Reaktion auf alles, was vom Gegenüber kommt. Man ist überrascht von der assoziativen Vielfalt dieser Zeichnungen und wird berührt von ihrer poetischen Kraft. 

Zeichnungen im akademischen Sinn enthalten die Skizzenbücher von Katharina Hinsberg und Monika Grzymala somit nur sehr bedingt. Wenn Zeichnen, wie auch Grzymala unterstreicht, eine Art von Denken ist, dann handelt es sich hier um die Bild gewordenen Gedankengänge zweier KünstlerInnen- Persönlichkeiten im Zwiegespräch. Spätestens über die Zustandsaufnahmen während der Entstehung und die Äußerungen der KünstlerInnen zu ihrem Tun werden die BetrachterInnen einbezogen in das prozesshafte Geschehen, in die Entstehung eines Kunstwerks. Die Skizzenbücher geben insofern etwas preis – und verschweigen doch das Eigentliche, den schöpferischen Kern. Denn weshalb überhaupt und weshalb so und nicht anders ein Blatt bearbeitet wurde, bleibt ungewiss. Immer wieder neu ansetzend, könnte man mitunter meinen, einen gestalterischen roten Faden zu entdecken, einer Entstehungsgeschichte auf der Spur zu sein, nur um festzustellen, dass sich – je nach gewählter Seitenfolge, vertikaler oder horizontaler Buchposition, Geschwindigkeit der Blattbewegung – schon wieder etwas verändert hat. Sicher ist nur, dass sich die Skizzenbücher von Hinsberg und Grzymala in das faszinierend anschauliche, beziehungsreiche Dokument einer intensiven künstlerischen Begegnung verwandelt haben. 

Es sind eben keine Hefte mehr, diese Skizzenhefte. Linien sind zu Raumzeichnungen geworden, vorne ist hinten und umgekehrt, der Beginn liegt in der Mitte, zwei KünstlerInnen zeichnen mit unverkennbarer Handschrift und sind doch mitunter nicht zu unterscheiden.

»Zwischen einer Linie« ist ein Paradoxon mit Geschichte und als Titel der Ausstellung das Resultat gemeinsamer Überlegung, ausgelöst auch durch Katharina Hinsbergs Erwähnung von Plinius‘ Erzählung über den Paragone der Linien, den Wettstreit also zwischen den antiken Malern Apelles und Protogenes: Apelles will Protogenes besuchen. Da dieser nicht zu Hause ist, hinterlässt Apelles als ›Visitenkarte‹ auf einer leeren Leinwand eine fein gezogene Linie. Dem heimkehrenden Protogenes verrät die Perfektion der Linie sofort, wer da gewesen ist. Nun will er sich mit dem Besucher messen und zeichnet in die Linie des Apelles seine eigene, noch feinere Linie. Apelles kommt wieder, sieht diese zweite Linie und zeichnet, um seinem Konkurrenten wahre Meisterschaft zu demonstrieren, in dessen bereits hauchdünne Linie noch eine dritte ein. Protogenes, der keine weitere mehr unterbringt, muss sich geschlagen geben.(4)

Man könnte Katharina Hinsbergs und Monika Grzymalas Ausstellung auch als eine Art Wettstreit zwischen zwei KünstlerInnen verstehen. Die beiden haben sich jedoch entschieden, nicht gegen- sondern miteinander anzutreten. »Zwischen einer Linie« – Protogenes und Apelles ist es letztlich um die Möglichkeit von Raum zwischen einem Oben und einem Unten gegangen – will Erfahrungsräume schaffen und auf Freiräume verweisen, die es immer zu entdecken gibt, auf ein ›Zwischen‹, aus dem heraus sich immer und trotz allem ein Ariadnefaden ins Freie entwickeln lässt. Spätestens seit der Renaissance gilt die Zeichnung als die ursprünglichste, direkteste und offenste Erscheinungsform eines künstlerischen Gedankens und damit des Schöpferischen schlechthin. Ohne sich wirklich in die ›Karten‹ schauen zu lassen, gestatten uns die KünstlerInnen einen Blick in den Schmelztiegel ihrer Kreativität, auf die Anfänge ihrer Kunst, von denen ein beglückender Funke auf uns überspringt.

 

1 Anm. Norbert Kricke in: Carola Gideon-Welcker, Plastik des 20. Jahrhunderts, Volumen und Raumgestaltung, Stuttgart 1955, S. 197.
2 Anm: Vgl. Corinna Erckenbrecht, Indigene Kultur und Religion in Australien. Dichtung oder Wahrheit? Die Darstellung der australischen Aborigines in der Belletristik. In: ›Traumspuren‹. Kunst und Kultur der australischen Aborigines. S. 9-29, 101-130. Tagungsband der Evangelischen Akademie Iserlohn, Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Iserlohn.
3 Anm.: Parallel zur Entstehung der Zeichenhefte haben die KünstlerInnen ein Dokument online gestellt, in welchem sie die Arbeit an den Heften, die (gemeinsame) Ausstellungsvorbereitung und vieles mehr reflektierend festgehalten haben; diese Texte sind im Katalog ab S. 99 wiedergegeben.
4 Anm. Sabine Mainberger, .Der Künstler selbst war abwesend.. Zu Plinius’ Erz.hlung vom Paragone der Linien. In: Im Agon der Künste, Paragonales Denken, ästhetische Praxis und Diversität der Sinne. Paderborn 2007, S. 19–31. 

in:

Thomas Köllhofer: Zeichnung: Raum, Zeit und Bewegung, in: Zwischen einer Linie. Monika Grzymala. Katharina Hinsberg, hg. von Johan Holten, Ausst. Kat. Kunsthalle Mannheim, Berlin/Bielefeld 2024, S. 37–45.